Von kaiserlicher Pracht zur Hasewelle Erinnerung an das Hotel Kaiserhof in Osnabrück

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Osnabrück. Eine Reverenz an den Hohenzollern-Kaiser Wilhelm I. lag in der Namensgebung des Hotels Kaiserhof zwischen Herrenteichsstraße und Hase. Baumeister und Bauunternehmer Bernhard Wittkop errichtete es zu Beginn der 1880er-Jahre.

Wittkop (1824 – 1894) war ein eigensinniger Charakter, der ausdauernd gegen die Stadt wegen neu erlassener Bauvorschriften prozessierte, weil sie ihm seine vermeintlichen Freiheiten bei der Bebauung des Gartengeländes zwischen Bramscher Straße und Gertrudenberg beschnitten. Entnervt gab er schließlich auf und schenkte der Stadt sogar den Grundstücksstreifen, auf dem sie die Wittkopstraße anlegen ließ unter der Bedingung, dass die Straße seinen Namen tragen würde. So kam es. Viele Villen an der Wittkopstraße zeigen die gleichen klassizistischen Stilelemente, die sich auch in der Fassade des Hotels Kaiserhof wiederfinden. (Weiterlesen: Osnabrücker Villa Storchrast an der Wittkopstraße ist verkauft)

Kaffeegarten am Haseufer

Das Hotel verdankt seine Existenz wohl dem zunehmenden Reiseverkehr nach Inbetriebnahme der Köln-Hamburger Strecke 1874. Vom Hannoverschen, dann vom Bremer und ab 1895 vom Hauptbahnhof kommend, säumte eine Vielzahl von Hotels den Weg in die Altstadt. Der Kaiserhof stand insbesondere bei Geschäftsreisenden in hohem Ansehen. Aber auch die Osnabrücker kamen gern in den gepflegten Kaffeegarten am Haseufer, lauschten den Militärkonzerten oder nutzten den Bootsverleih auf der Haseinsel für eine Kahnpartie auf dem Fluss. Eine Alleinstellung besaß das im angesagten Wiener Stil eingerichtete „Kaisercafé“ im rechten Flügel des Hotels. Der Wiener Cafétier Mur hatte Kellner aus seiner Heimat mitgebracht, sodass die Damen der Osnabrücker Gesellschaft sich bei einer Tasse „Kleiner Brauner“ von original Wiener Schmäh und Charme umgarnen lassen konnten.

Soweit bekannt, hat Wittkop das Hotel nie selbst geführt. Zu den häufiger wechselnden Pächtern gehörten um die Jahrhundertwende Th. Aschemann, später Oskar Werner. Auch Hoflieferant Heinrich Schorn, bekannt als Bahnhofswirt und Inhaber der Weinstube „Rheingold“, hatte zeitweise das Sagen. (Weiterlesen: Blick in eine andere Welt – Neubeginn zwischen Ruinen: Osnabrücker Nikolaiort um 1949)

Heim für alleinstehende junge Mädchen

Im Ersten Weltkrieg brach der Geschäftsreiseverkehr zusammen. Der Hotelbetrieb lief nicht mehr rund. Stattdessen hatten soziale Einrichtungen etwa für Kriegerwitwen und -waisen Hochkonjunktur. Im März 1917 fädelte Bischof Wilhelm Berning den Verkauf an die Genossenschaft der Schwestern vom heiligen Franziskus aus dem Mutterhause St.-Georgs-Stift in Thuine ein. In dem früheren Hotel wurde ein Heim für alleinstehende junge Mädchen und „ältere schwächliche Damen katholischen Bekenntnisses“ eingerichtet.

Nach dem Krieg war „die Not des Kindes“ ein großes Thema. Für die Kinderfürsorge wurden geschulte Erzieherinnen dringend benötigt. Am 18. Oktober 1921 eröffnete Bischof Berning ein „Katholisches Fachseminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen“ in der Schillerstraße 14 (heute Alten- und Pflegeheim St. Clara). Später erfolgte der Umzug in das frühere Hotelgebäude, das zu Ehren des Stifters Wilhelm Berning (und nicht etwa Kaiser Wilhelms) den Namen Wilhelmstift trug. 1936 wurde ein Erweiterungsbau mit Internatsräumen eingeweiht. 1942 beschlagnahmte die Wehrmacht die Fachschule und richtete darin einen „Sanitätspark“ ein – die unmittelbaren Folgen des Krieges gewannen wieder einmal die Oberhand über alle anderen sozialen Aufgaben. Am 13. September 1944 hinterließ der zweitschwerste Bombenangriff auf Osnabrück nur noch eine ausgebrannte Ruine vom einst prachtvollen Kaiserhof. Aber immerhin, die Umfassungsmauern standen noch, wie auf einem im Internet abrufbaren Film aus 1950/1951 zu besichtigen ist. Adresse: https://digit.wdr.de/entries/10563.

Wilhelmstift

Im Oktober 1945 nahm die Fachschule für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen die Ausbildung zunächst im Marienheim Sutthausen wieder auf, bis sie 1951 in das wiederaufgebaute Wilhelmstift einziehen konnte. Der schlichte Nachkriegsbau hatte mit der klassizistischen Architektur des Kaiserhofs nichts mehr gemein, erfüllte aber seinen Zweck.

Der Schulbetrieb lief hier bis 2006. Dann wurde das Wilhelmstift geradezu „ver-rückt“. Das Kaufhaus Lengermann & Trieschmann (L&T) hatte den Bau erworben, um hier seine Expansionspläne entlang des Haseufers zu verwirklichen. Als Ersatz baute L&T für die Thuiner Schwestern und das Bistum an der Kleinen Domsfreiheit 7 in unmittelbarer Nachbarschaft eine neue Schule, die Franz-von-Assisi-Schule, die im September 2006 an den Start ging. Damit war der Weg frei für L&T, das alte Wilhelmstift abzureißen und an seine Stelle das in diesen Tagen eröffnete neue Sporthaus mit 5000 Quadratmeter Verkaufsfläche und der spektakulären „Hasewelle“ zu setzen.


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