Jäger setzen weiterhin auf Reflektoren Wie können Wildunfälle verhindert werden?

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Osnabrücker Land. „Wildtiere kennen keine Verkehrsregeln“, sagt Reinhard Korbel, Vorsitzender der Jägerschaft Osnabrück-Land. In Niedersachsen wurden im Jagdjahr 2016/2017 (1. April bis 31. März) unter anderem 28709 Rehe und 2368 Wildschweine bei Unfällen getötet.

Und es trifft nicht nur das Wild: Jedes Jahr kommen nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes (DJV) 20 Verkehrsteilnehmer bei Kollisionen mit den schweren Wildtieren ums Leben, rund 2500 Menschen werden bei den Unfällen verletzt.

Die Versicherungswirtschaft spricht bei gemeldeten 228000 Wildunfällen von 680 Millionen. Euro versicherten Sachschäden. Die Summe dürfte höher sein, weil geringere Schäden nach Zusammenstößen mit Niederwild wie Hase, Fuchs und Dachs häufig nicht gemeldet werden.

Gefahrenzeichen 142

Wie können Wildunfälle vermieden werden? Dieser Frage spüren die Jägerschaften im Osnabrücker Land schon lange nach. Die Straßenverkehrsordnung sieht das Gefahrenzeichen 142 „Achtung Wildwechsel“ dort vor, wo Wildtiere die Straße queren könnten, meist in der Morgen- und Abenddämmerung und nachts.

Autofahrer lernen es schon in der Fahrschule, dass an dieser Stelle die Geschwindigkeit gedrosselt werden sollte, um rechtzeitig reagieren zu können. Das Wildwechselschild ist ein eindeutiges Indiz, dass hier eine hohe Wilddichte herrscht und sich meist schon Wildunfälle an dieser Stelle ereignet haben.

Doch diese Schilder sind seit einigen Jahren reduziert worden. Damit wollten Landkreis und Jägerschaft die Verkehrssicherheit erhöhen. Nachdem im Landkreis 2008 genau 1248 Wildunfälle registriert wurden, immerhin rund 20 Prozent aller Unfälle im Landkreis, wurden alle Wildwechselschilder entfernt. Nach Auswertung der Unfallstatistik sollten nur die Streckenabschnitte neu beschildert werden, auf denen 2008 eine besondere Häufung dieser Unfälle zu verzeichnen waren.

Die polizeiliche Verkehrsunfallstatistik weist in den Folgejahren bis 2016 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) einen Anstieg von Wildunfällen auf 1392 (2012) aus, danach sind die Zahlen wieder gesunken bis auf 1238 (2016), also exakt 10 Wildunfälle weniger als neun Jahre zuvor. Als Hauptursache für Wildunfälle gaben Jagdbeirat und Landkreis schon 2009 „die oft zu hohe Geschwindigkeit des Pkw-Verkehrs“ an.

Häufig unterschätzen Autofahrer die Gefahr, die von einer Kollision mit einem Tier ausgeht. Ein Reh mit 20 Kilo Gewicht hat bei Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von etwa einer Tonne. „Die Tiere erscheinen in der Regel sehr plötzlich vor den Kraftfahrzeugen, so dass ein Reagieren der Fahrzeugführer kaum möglich ist“, so die Polizei: „Die Unfallzeiten zeigen, dass vornehmlich während der Dämmerung morgens und abends sowie nachts mit Wild auf den Straßen zu rechnen ist“.

Die Jäger setzen wohl auch deshalb auf Reflektoren an den Leitpfählen, die alle 50 Meter an den Straßen stehen. Vor rund zehn Jahren begann die Aktion. Rot und blau, halbrund oder eckig, rund 4500 Reflektoren haben die Jäger auf eigene Kosten auf 225 km Straßenstrecke im Altkreis Osnabrück an den Pfosten befestigt. Das Scheinwerferlicht von Fahrzeugen wird reflektiert und in den Nebenraum der Straßen gespiegelt. Es soll Wildtiere davon abhalten, über die Straße zu wechseln.

Nach mehrjähriger „Rot-Phase“ hat die Jägerschaft Osnabrück-Land aber einen Gewöhnungseffekt festgestellt und deshalb viele rote gegen blaue Reflektoren ausgetauscht. Danach gingen Wildunfälle zurück, wie es schon bei Einführung der roten Reflektoren beobachtet wurde. Der positive Effekt halte bis heute an, macht Reinhard Korbel deutlich.

Allein darauf wollen sich einige Jagdpächter aber wohl nicht verlassen. Besonders an den ehemals beschilderten Wildwechselstellen haben sie Warnschilder an den Straßenrand gestellt, die „Wild-Unfall“ signalisieren.

Wie Ralf Jesse aus Bissendorf-Jeggen berichtet, gab es auf der Schledehausener Straße bis zur Mindener Straße 2016 elf Wildunfälle, 2017 nur sechs. Ob Autofahrer aufgrund der Warnhinweise vorsichtiger fahren oder ob die von rot auf blau ausgetauschten Reflektoren dazu beigetragen haben, kann wohl niemand sagen. Die Unfallzahlen im nächsten Jagdjahr sind dann nicht nur für Ralf Jesse hochinteressant.

Dreibeinigen Warnbaken

Die dreibeinigen Warnbaken „Wild-Unfall“ stehen übrigens nicht direkt an der Straße, sondern quasi hinter dem Straßengraben auf privatem Grund. Die Jagdfreunde um Ralf Jesse setzen sie immer wieder mal an andere Abschnitte der Straße, um dem Gewöhnungseffekt bei Autofahrern vorzubeugen.


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