Gebärdensprache im Alltag Karten und Tafeln für „Gelingende Kommunikation“

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Osnabrück. Die Vielfalter, ein Verbund aus acht Trägern der Behindertenhilfe, arbeiten an Techniken für bessere Inklusion Behinderter in den Alltag. Ein Team der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) kümmert sich um die „Gelingende Kommunikation“ mit Gehörlosen.

Wie kommunizieren Menschen? Worte allein reichen oft nicht. Spätestens wenn ein Partner gehörlos ist, müssen neue Wege gefunden werden. Unter den Gehörlosen hat sich die Deutsche Gebärdensprach e zu einer mittlerweile auch als Muttersprache anerkannten Sprachform entwickelt. Jedoch wird diese Sprache außerhalb der Gruppe kaum beherrscht. Die UN-Behindertenkonvention verlangt jedoch die Inklusion aller Menschen und dazu gehört selbstverständlich auch die Kommunikation. Seit einigen Jahren wird bei der HHO in Zusammenarbeit mit sieben anderen Trägern aus dem Bereich Weser-Ems im Verbund „Die Vielfalter“ an einem Konzept gearbeitet, dass diese „Gelingende Kommunikation“ ermöglichen soll.

Gemeinsamer Standard

„Gelingend kommunizieren – das war bislang für jeden etwas anderes“, berichtet Barbara Strunk, Prokuristin der HHO und Projektleiterin von den Anfängen des Projektes. Selbst die HHO habe in ihren Einrichtungen unterschiedliche Wege genutzt. Mit dem Verbund habe sich eine Möglichkeit ergeben, dieses zu vereinheitlichen. „Die Menschen sollen sich innerhalb der Einrichtungen und dann später im gesellschaftlichen Raum zurechtfinden können“, so Strunk. Drei Jahre lang habe man an den Standards gearbeitet, die jetzt nicht nur in den Osnabrücker Einrichtungen ein- und umgesetzt werden sollen. Die erste Idee war, Gebärdensprache als Plakat erfahrbar zu machen.

Grundlage dafür ist die Kölner Kommunikationstafel mit ihren 120 Zeichen. Die Piktogramme aus der Sammlung Metacom werden bereits seit Jahren in der Kommunikation eingesetzt. Mit ihrem Kernvokabular ist es möglich, dass Menschen im alltäglichen Miteinander eine Kommunikationsbasis finden.

Piktogramme

Die „Sign Map“ genannte Gebärdentafel der Vielfalter nutzt den gleichen Aufbau wie die Vorgabe aus Köln, jedoch wurden hier die einzelnen Worte nicht als Bilder, sondern als Gebärdensprachen-Piktogramme dargestellt. Eine komplexe Sprache wie die Deutsche Gebärdensprache in kleine Bilder zu übertragen war nicht einfach. Jedes Bild musste genau geprüft und immer wieder angepasst werden. „Viele Kleinigkeiten sind zu beachten“, sagt Kathi Ender. Sie ist selbst gehörlos und hat gemeinsam mit Hendrik Dangschat die „Gelingende Kommunikation“ entwickelt.

Auf Fotos von Ender basieren die Illustrationen, wobei sich das Team bewusst für neutral aufgebaute Bilder entschieden hat. „Wir wollen alle ansprechen. Männer, Frauen, Kinder und Erwachsene“, erklärt Dangschat. Zudem ist die Deutsche Gebärdensprache keine festgelegte Hochsprache. Über die Jahre haben sich allein in Deutschland viele regionale Dialekte entwickelt. Mit der Kommunikationstafel schafft der Verband jetzt erstmals einheitliche Standards, die auf dem „Großen Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache“ aus dem Verlag Karin Kestner basieren.

Schulen und Arbeitsplätze

Zielorte sind zunächst Förderschulen, Werkstattgruppen, aber auch Firmen, in denen ein Gehörloser arbeitet. „Überall, wo Hörende und Gehörlose miteinander kommunizieren“, so Strunk. Für die Projektleiterin war das durchaus ein Risiko: „Wir waren unsicher, ob das so funktioniert.“ Die ersten Erfahrungen stimmen jedoch positiv. Aber: „Einfach die Tafel hinhängen funktioniert natürlich nicht“, gibt sie zu. (Weiterlesen: Osnabrückerin über digitale Hilfen – Stille Unterhaltung: So können Gehörlose telefonieren)

Noch einmal erweitert wird der Sprachschatz mit der „Sign Box“. Hier werden die Worte zusammen mit den Metacom-Symbolen und den Gebärden-Piktogrammen auf handliche Karten gedruckt. 224 Worte gibt es hier schon. Diese Karten können nicht nur zur direkten Kommunikation genutzt werden, sondern auch zum Erlernen der Grundlagen der Gebärdensprache. Die Vielfalter würden sich freuen, wenn ihre Karten auf Dauer in Kindergärten, Schulen, Firmen oder auch bei Privatleuten zum Einsatz kämen. „Das würde die Teilhabe der Gehörlosen noch einmal deutlich verbessern“, sind sie sich sicher.

Ender und Dangschat arbeiten neben ihren normalen Jobs bei der HHO an der „Gelingenden Kommunikation“. „Wir sehen uns auch als Botschafter für die Barrierefreiheit“, sind sich beide einig. Als Teil der Vielfalter wollen sie den Weg auch weiterhin mitbegleiten. Neue Karten und weitere Piktogramme gehören ebenso zum Zukunftskonzept wie Broschüren mit gut verständlichem Bildmaterial, die das Konzept erklären und einsetzbar machen sollen. „Komplexe Sprache ist manchmal zu viel“, sagt Dangschat. „Leichte Sprache, bildliche Aufbereitung – kurz und knapp, aber nicht kindisch“, so sehen die Vielfalter ihre Kommunikation. Das schönste für die Vielfalter sind die vielen großen und kleinen Erfolgserlebnisse einer funktionierenden Kommunikation mit Menschen, die sich vorher überhaupt nicht geäußert haben.


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