Kindersport in Osnabrück Chefin der OTB-Kinderwelt: „Bewegungsfaule Kinder gibt es nicht“

Von Cornelia Achenbach


Osnabrück. Kinder von klein auf für Sport und Bewegung zu begeistern, ohne Leistungsdruck zu vermitteln – das ist das Ziel der „Kinderwelt“ des Osnabrücker Turnerbunds (OTB). Petra Bartram-Burde ist gelernte Sportlehrerin und Sporttherapeutin und leitet seit 2007 das Angebot des OTB.

Frau Bartram-Burde, wie ist die OTB-Kinderwelt entstanden?

Angefangen hat es 2007 mit mehreren Gruppen, die ausgerichtet waren auf kleinere Kinder. Es gab also Krabbelgruppen, Laufrad fahren oder Turnen. Zu dem Zeitpunkt war Sport für Kinder in den Medien ein großes Thema und es gab viele Fördergelder. Wir haben damals auch den Zukunftspreis 2008 der Deutschen Sportjugend gewonnen, und so kam das Ganze ins Rollen.

Momentan ist es recht voll in den Kursen...

Ja, wir haben momentan geburtenstarke Jahrgänge, es boomt. Ich habe gerade noch mit der Hebamme gesprochen, die macht momentan drei Rückbildungskurse hintereinander.

Müssen Eltern denn Angst vor einem Aufnahmestopp haben?

Nein, das wollen wir nicht, wir versuchen auch, möglichst ohne Warteliste zu arbeiten. Momentan haben wir eine für Ballett, und der Trampolinkurs ist ebenfalls voll. Das sind die etwas spezielleren Angebote, bei denen nicht unbegrenzt viele Kinder mitmachen können. Wenn 20 Kinder am Trampolin stehen und warten müssen, ist das langweilig. Das geht leider nicht anders.

Aber ansonsten versuchen wir, Parallelangebote oder neue Angebote zu schaffen. Wir halten unser Angebot sehr flexibel. Wenn etwas nicht läuft, dann wird es eben wieder aus dem Programm genommen und etwas neues ausprobiert. Es gibt Standardangebote wie Eltern-Kind-Turnen oder unser Samstagsangebot, die laufen immer, andere Sportarten probieren wir einfach einmal aus. Das können wir uns nur leisten, weil wir so viele Sportstudenten von der Uni hier haben, die wirklich ganz toll, engagiert und verlässlich sind.

Kinder sind zwar schnell zu begeistern für eine Sportart, verlieren aber auch oft schnell wieder das Interesse. Beim OTB dürfen sie aber alles einmal ausprobieren?

Die Kinderwelt ist so gestaltet, dass man einen Monatsbeitrag zahlt, dafür aber sämtliche Kurse nutzen kann. Der Großteil der Familien kommt mehrmals pro Woche. Wir versuchen auch, Kurse für unterschiedliche Altersstufen parallel stattfinden zu lassen, so dass Geschwisterkinder gleichzeitig einen Kurs besuchen können. Anders ist das heutzutage bei den durchgetakteten Tagen ja für Eltern gar nicht mehr machbar. Und die Kinder können alles einmal ausprobieren. Wenn ein Kind feststellt, dass ihm Ballett doch nicht gefällt, kann es einfach einen anderen Kurs besuchen, dann ist da wieder ein Platz frei.

Kinderturnen ist ja ein Klassiker, der von Sportvereinen seit vielen Jahren angeboten wird. Daneben gibt es beim OTB aber auch ganz moderne Sportarten, zum Beispiel Zumba für Dreijährige. Wie kommt das Team auf diese Ideen?

Ich glaube, unser Vorteil ist unsere Offenheit. Wir schauen uns Trends an, haben aber auch den Sportstudenten viel zu verdanken. So fing das zum Beispiel mit dem Parkour an. Ich hatte zuerst versucht, das hier mit einem Profi-Parkour-Team aus Oldenburg aufzuziehen – was viel zu aufwendig war. Aber dann sind Sportstudenten auf uns zu gekommen, die selbst an der Uni Parkour gemacht haben. Wir haben ihnen die Möglichkeit gegeben, das hier auszuprobieren, und seither läuft das super. Ähnlich war das mit dem Zumba.

Ziel der Kinderwelt ist es, Kinder für Sport zu begeistern. Was hat sich im Bereich Kindersport in den vergangenen Jahren verändert?

Ganz viel. Ich habe selbst noch eine psychomotorische Ausbildung und weiß inzwischen: Man muss die Kinder da abholen, wo sie stehen. Die Kinder rennen nicht mehr permanent draußen herum, haben nicht mehr so die Möglichkeiten und die Zeit, sich auszuprobieren und zu bewegen. Wir bieten hier einen geschützten Rahmen, in dem sich die Kinder frei bewegen können. Sie kriegen keinerlei Vorgaben von uns. Unsere Vorgabe besteht allein durch eine jede Woche anders und individuell gestalteten Geräteaufbau, zum Beispiel beim Eltern/Kinderturnen. Dadurch motivieren wir sie, auszuprobieren und selbsttätig wirksam zu werden. Klettern, balancieren und schaukeln ist in den Aufbau immer integriert, zugleich gibt er keine Wege vor – jeder darf turnen, wie er möchte. Das sieht vielleicht von außen für jemanden, der es nicht kennt, etwas chaotisch aus, aber das ist gewolltes Chaos. Die Kinder sollen durch das freie Bewegen noch andere Sachen lernen: Rücksicht, Lösungen zu finden, wenn ein Kind entgegenkommt, mal kurz warten, bis ein Kind vorbei ist. Wenn die Kinder alle an den Geräten stehen und immer die gleiche Aufgabe haben – damit erreiche ich gar nichts.

Es gibt ja nun auch Kinder, die motorisch nicht ganz so fit oder schlichtweg etwas unsportlich sind. Sportunterricht ist für diese Kinder oft frustrierend...

Ja, davon gibt es viele. Wir bieten beim OTB zwar auch Leistungssport an, aber die ganze Fachwelt ist sich inzwischen einig: Je später die Kinder anfangen, sich zu spezialisieren, desto besser. Es ist erst einmal wichtig, dass die Kinder die breite Basis kennenlernen und erst einmal ein großes Bewegungsbild erfahren und ihre Motorik schulen können.

Wenn Ihnen ein Kind beim Kinderturnen auffällt – sprechen Sie die Eltern darauf an?

Ja, aber immer ganz vorsichtig. Wenn Kinder bestimmte Sachen nicht können oder sehr ängstlich sind, hilft meistens Geduld. Viele Sachen regeln sich von alleine. Wenn mir aber etwas auffällt, dann sage ich es.

Ich hatte zum Beispiel einmal ein recht junges Kind, das immer Stufen vermieden hat und keine Schrägen heruntergehen konnte. Ich habe das über einen längeren Zeitraum beobachtet und dann auch mit der Mutter gesprochen. Und tatsächlich brauchte das Kind eine Brille. Es konnte nicht richtig sehen.

Wenn ich Eltern anspreche, geht es meistens darum, sie zu ermutigen, die Kinder auch einmal los zu lassen, damit es sich ausprobieren kann. Wir achten sehr darauf, dass beim Aufbau alles abgesichert ist. Seit 2011 arbeitet der OTB auch inklusiv. Wir versuchen, alle Angebote der Kinderwelt so zu gestalten, dass Kinder mit und ohne Handicap sie nutzen können. Das gesamte Team wurde im Bereich Inklusion fortgebildet. Foto: David Ebener

Kinder haben unterschiedliches Temperament. Manche sind wilder, manche gemütlicher. Wie begeistert man Kinder für Sport, die eher bewegungsfaul sind?

Ich glaube, es gibt keine bewegungsfaulen Kinder. Jedes Kind bewegt sich gerne. Es kommt darauf an, was vorgelebt wird und ob ihnen die Möglichkeit zum Bewegen gegeben wird. Ich will das überhaupt nicht verurteilen. Vielleicht wird in den Familien lieber gemütlich gespielt und nicht so viel Wert auf Bewegung gelegt.

Bewegung ist aber die Voraussetzung für die motorische, gesunde körperliche Entwicklung der Kinder. Geben wir den Kindern einen Rahmen, in dem sie sich frei ausprobieren und bewegen können, orientieren wir uns an den Stärken der Kinder. Von dem Wort „Sport“ sollten wir im Bereich Kinder und Bewegung nicht sprechen.

Was stimmt mit „Sport“ nicht?

Wenn man Kinder fragt: „Machst du Sport?“, dann lautet oft die Antwort: „Nee, mache ich nicht.“ Sport ist für sie immer verbunden mit Verein oder Leistung. Aber wenn ich nachhake, stellt sich heraus: Diese Kinder fahren Fahrrad, fahren Inliner. Darum geht es doch: Die Kinder sollen Spaß an Bewegung haben und lernen, Bewegung in ihren Alltag zu integrieren. Nur so kann ich Kinder ein lebenslang für Bewegung und später auch für Sport begeistern!


Kinderturnen in Osnabrück

Ein ähnlich umfangreiches Angebot an Sportkursen für Kinder und Jugendliche wie der OTB bietet der Osnabrücker Sportclub (OSC) in seinem Kindersportzentrum (KidsZ) der Wüste. Auch hier gibt es Inlineskaten, Turnen, Tanzen oder Einrad fahren. Der Klassiker Kinderturnen wird in ziemlich jedem Osnabrück Stadtteil vom Sportverein vor Ort angeboten.