Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle Drin oder nicht? Das Rätsel um eine unbemerkte Linse

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Dem Mann wurde anschließend eine künstliche Linse eingesetzt. Symbolfoto: imago/XinhuaDem Mann wurde anschließend eine künstliche Linse eingesetzt. Symbolfoto: imago/Xinhua

Osnabrück. Ein 83-Jähriger meldet sich in der Ambulanz, weil er auf einem Auge nicht mehr richtig sieht. Die Ärzte stoßen schließlich auf eine Verletzung, die mehr als 70 Jahre zurückliegt.

Es ist ein Fall, der Fabian Höhn, Chefarzt der Augenklinik am Marienhospital Osnabrück, wohl für immer in Erinnerung bleiben wird: Ein 83-jähriger Mann kann seit rund drei Monaten auf einem Auge nicht mehr gut sehen. Die Schmerzen im Auge werden immer schlimmer, sodass er beschließt, die Ambulanz aufzusuchen. Dort wird er eingehend untersucht und den Ärzten fällt auf, dass der Patient Eiter im Auge hat – ein Anzeichen für eine schwere Entzündungsreaktion. Das ist aber nicht das Einzige, was auf den ersten Blick ungewöhnlich ist. Dem Mann fehlt die Linse in dem erkrankten Auge.

Als Zehnjähriger gestürzt

Nach Angaben des Mannes war er als Zehnjähriger schwer gestürzt und hatte sich dabei eine perforierende Verletzung des Auges zugezogen. Infolge dieses Penetrationstraumas musste er während des Zweiten Weltkrieges operiert werden. Dabei wurde demnach nicht nur die Wunde am Auge geschlossen, sondern auch die Linse entfernt. Im Unterschied zu heute gab es damals noch keine Kunstlinsen, die in einem solchen Fall eingesetzt wurden, erzählt der Osnabrücker Augenarzt. „Wenn eine Linse entfernt wurde, brauchte man eine Brille, um das auszugleichen“, so Höhn.

Um die Entzündung zu behandeln, geben die Ärzte dem 83-Jährigen Antibiotika. Der Grund für die Entzündung bleibt jedoch zunächst unklar – bis ein Ultraschall etwas Überraschendes zutage bringt. Im hinteren Teil des Auges bemerken die Mediziner die Linse, die angeblich vor mehr als 70 Jahren entfernt worden war. „Sie lag die die ganze Zeit hinten im Auge drin“, erklärt Höhn. Die Fasern, an denen die Linse befestigt war, müssen durch den Unfall gerissen sein. (Weiterlesen: Ein rätselhafter Schmerz im Bein – und eine äußerst seltene Diagnose)

Die Linse hatte nach den ganzen Jahren dann plötzlich eine körpereigene Entzündungsreaktion ausgelöst. Eine Linse ist umgeben von einer Kapsel. Wenn sie aber – wie in diesem Fall – über eine längere Zeit hinweg hinten im Auge liegt, kann die Kapsel quillen. Dann greifen körpereigene Zellen das Linsenmaterial an, da sie es für Fremdgewebe halten. So entsteht eine Entzündungsreaktion, die schlimme Folgen haben kann. Bleibt sie unbehandelt, kann der Patient sein Augenlicht verlieren. Auch auf dem anderen – eigentlich gesunden – Auge könnten sich Antikörper gegen die Linse bilden und ähnliche Schwierigkeiten hervorrufen.

Warum wurde Linse nicht entfernt?

Warum die Ärzte die Linse nach dem Unfall doch nicht entfernt hatten, bleibt unklar. Bei einem schweren Trauma am Auge könne es passieren, dass die Linse nicht nach hinten fällt, sondern aus dem Auge heraus. Möglicherweise hätten die Ärzte damals keine Linse in dem Auge mehr gesehen und dann gedacht, sie sei herausgefallen. Dass die Linse all die Jahre unbemerkt im Auge verblieb, sei jedenfalls Pfusch gewesen – von mehreren Ärzten, so Höhn. „Wenn kein Eiter im Auge ist, sieht man eigentlich ganz gut, wenn eine Linse nach hinten gerutscht ist.“

Gleich aus mehreren Gründen sei der Fall speziell, wenn nicht sogar einzigartig, glaubt der Chefarzt. Es sei keine andere Geschichte bekannt, wo eine solche Immunreaktion nach einer derart langen Zeitspanne ausgelöst wurde. Immerhin lagen mehr als 70 Jahre zwischen der Verletzung am Auge und der Entzündungsreaktion. Es sei äußerst ungewöhnlich, dass die Linse über lange Zeit keine Probleme bereitet habe. Wenn sie nach hinten falle, registriere man das meist sofort, weil man schlechter sieht. „Das war wohl einfach nur Glück“, sagt Höhn. Darüber hinaus sei es recht kurios, dass die Ärzte in den ganzen Jahren nicht bemerkt hätten, dass die Linse nicht entfernt worden war.

Und was wurde nun aus dem 83-jährigen Mann? Die Linse wurde entfernt und eine neue eingesetzt. „Seine Sehschärfe hat sich danach deutlich verbessert“, sagt Höhn.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN