Ärzte und Kliniken im Raum Osnabrück Grippewelle: „Zahl der Patienten ist kaum noch zu bewältigen“

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Gibt es noch freie Betten? In den Osnabrücker Kliniken werden die Isolierzimmer knapp. Die Wartezimmer der Hausärzte sind überfüllt. Foto: David EbenerGibt es noch freie Betten? In den Osnabrücker Kliniken werden die Isolierzimmer knapp. Die Wartezimmer der Hausärzte sind überfüllt. Foto: David Ebener 

Osnabrück. Die Grippewelle in Deutschland hat ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. In den Praxen und Kliniken der Region Osnabrück arbeiten Ärzte und Schwestern am Limit. Die Betten für isolierpflichtige Patienten werden knapp – auch, weil ein weiterer Erreger aktuell um sich greift.

Hohes Fieber, Husten, Gliederschmerz: Wer die typischen Grippesymptome spürt, ahnt aktuell nichts Gutes. Die Influenzawelle hat ihre vorläufige Spitze in Deutschland erreicht. Allein in der vergangenen Woche steckten sich deutschlandweit rund 35.000 Menschen mit dem Virus an, wie das Robert-Koch-Institut in Berlin mitteilte – und das seien nur die offiziell gemeldeten Fälle.

Auch den Raum Osnabrück hat die Grippe zur Zeit fest im Griff. „Die Zahl der Patienten ist kaum noch zu bewältigen“, sagt Uwe Lankenfeld, Hausarzt in Osnabrück und Bezirksvertreter des niedersächsischen Hausärzteverbands. In seinem Wartezimmer säßen fast ausschließlich „sehr kranke Patienten“, die sich abgeschlagen und matt fühlten und starke Gliederschmerzen verspürten. „Die Welle ist, was die Patientenzahlen angeht, viel stärker als in den vergangenen Jahren. Das läuft hier über und ist äußerst schwierig zu managen“, so Lankenfeld. (Weiterlesen: Echte Influenza oder grippaler Infekt – das sind die Unterschiede)

Kinder und Jugendliche besonders oft betroffen

Der Hausarzt und sein Team arbeiten in der Praxis, bis der letzte Patient versorgt ist – oft Stunden nach der offiziellen Sprechzeit. Besonders häufig weise er in diesem Jahr Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie nach, erklärt Lankenfeld. Gegen diesen Stamm wirkt der von den Krankenkassen bezahlte Dreifach-Impfstoff nicht. Der Verlauf der B-Virus-Variante sei zwar nicht ganz so schwer wie der A-Typ. „Aber es braucht oft Wochen, bis die Patienten wieder halbwegs auf den Beinen sind.“ Von der aktuellen Welle seien besonders stark junge Kinder und Jugendliche betroffen. „Wir sollten wirklich überdenken, ob wir zukünftig nicht eine Impfempfehlung für die gesamte Bevölkerung aussprechen wollen“, regt der Hausarzt an.

Ins Krankenhaus müsse er nur einen geringen Teil seiner Patienten überweisen. Das seien ältere und vorerkrankte Patienten – besonders, wenn sie nicht mehr essen und trinken wollen. „Die Gefahr einer Austrocknung ist extrem. Da müssen wir schnell handeln.“

Knappheit bei Isolierzimmern

Auch in den Krankenhäusern arbeitet das Personal derzeit am Limit. Hier kommt es zu einer Doppelbelastung: Der Höhepunkt der Grippe sorgt für volle Notaufnahmen und für Knappheit bei den Isolierzimmern. Damit sie andere Patienten nicht anstecken, müssen Influenzapatienten isoliert untergebracht werden – es sei denn, es gibt auf der Station weitere Patienten mit dem gleichen Grippetyp. „Sonst sind auch Mehrfachansteckungen möglich“, erklärt Mathias Denter, ärztlicher Leiter des Notaufnahmezentrums im Osnabrücker Klinikum. Stationär aufnehmen muss Denter vor allem die Risikofälle: ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen, bei denen die Viruserkrankung besonders gefährlich werden kann.

Tief-rote Deutschlandkarte: Die Grippe- und Atemwegserkrankungen sind aktuell auf einem Höchststand. Grafik: dpa/Robert-Koch-Institut

Neben der Grippe grassieren derzeit auch Noroviren. Die hochinfektiösen Erreger lösen Brechdurchfälle aus. Auch diese Patienten müssen zwingend isoliert und unter Beachtung besonderen Hygienemaßnahmen behandelt werden. „Es kommt vor, dass ich stundenlang warten muss, bis wir ein Bett für einen isolierpflichtigen Patienten bekommen“, so Denter. In anderen Städten sei die Lage noch angespannter. In Oldenburg nehmen kaum noch Kliniken hochinfektiöse Patienten auf. Auch aus Hannover und Bielefeld habe es schon Anfragen gegeben, ob Osnabrück noch freie Kapazitäten habe, so der Leiter der Notaufnahme. „Die Patienten werden dann die 150 Kilometer mit dem Krankentransport gebracht.“

„Belastungsspitze auf den Stationen“

Im Osnabrücker Marienhospital verzichten Mitarbeiter auf freie Tage, um bei der Patientenversorgung auszuhelfen. Die Grippewelle führe zu „einer Belastungsspitze auf den Stationen“, gleichzeitig seien viele Mitarbeiter aus den Ärzte- und Pflegeteams ebenfalls krank gemeldet, sagt Michael Schiffbänker, Sprecher des Krankenhausträgers Niels-Stensen-Kliniken. Die Versorgung sei nicht eingeschränkt, „aber wir müssen einen hohen Organisationsaufwand betreiben, um den Patientenandrang zu bewältigen“, so Schiffbänker. Auch im Marienhospital seien die Isolierzimmer voll. Der Grund: die hohe Anzahl der Grippe- und Norovirus-Patienten.

Die Psychiatrische Klinik des Christlichen Krankenhauses Quakenbrück hatte in der vergangenen Woche Patienten nach Hause schicken müssen, die nicht zwingend stationär behandelt werden mussten. Es hatten sich so viele Mitarbeiter des Pflegepersonals krank gemeldet, dass die Klinik sich zum Handeln gezwungen sah. Gleichzeitig hatten sich mehrere Patienten mit der Grippe angesteckt.

Pflegeschüler helfen aus

„Die Situation hat sich nicht mehr verschlimmert, aber auch noch nicht entspannt“, sagte Geschäftsführer Heinrich Titzmann. Ein Teil der Patienten, die sich zuhause nicht stabil genug fühlten, sei inzwischen aber auf die psychiatrische Station zurückgekehrt.

In den anderen Abteilungen des Krankenhauses sei die Lage weniger angespannt. Nicht akute Behandlungen würden verschoben, so seien genug Betten für Grippefälle frei. Pflegeschüler könnten auf diesen Stationen aushelfen und für erkrankte Mitarbeiter einspringen.

Wann die Menschen in der Region auf ein langsames Abebben der Influenza hoffen dürfen, ist unklar. Solange müssen Hausärzte und Kliniken die Stellung halten. (mit dpa)


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN