Forensisches Gutachten Totschlagsprozess in Osnabrück: Wie stark wurde Baby geschüttelt?

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Mediziner und Gutachter sollten am zweiten Prozesstag um den Tod eines 13 Monate alten Baby klären, wie stark der Junge vom Lebensgefährten seiner Mutter mutmaßlich geschüttelt wurde. Foto: Ulrich EckselerMediziner und Gutachter sollten am zweiten Prozesstag um den Tod eines 13 Monate alten Baby klären, wie stark der Junge vom Lebensgefährten seiner Mutter mutmaßlich geschüttelt wurde. Foto: Ulrich Eckseler

Osnabrück. Im Prozess um den Tod eines 13 Monate alten Babys standen am Donnerstag vor dem Landgericht Osnabrück die medizinischen und forensischen Aspekte im Vordergrund. Dem 31-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen den Sohn seiner Lebensgefährtin geschüttelt zu haben, weil das Kind unruhig gewesen sein soll. An den Folgen soll es schließlich verstorben sein.

Bereits zum Prozessauftakt hatte der Mann gestanden, den Jungen geschüttelt zu haben. An den Moment selbst könne er sich jedoch nicht erinnern. Zur Klärung des Geschehens wurden daher die beteiligten Mediziner und Gutachter hinzugezogen.

Dabei steht die Frage im Raum, wie stark das Baby mutmaßlich geschüttelt wurde.

CT legt Schütteltrauma nahe

In einem extrem schweren bedrohlichen Zustand sei das Kind am 9. August 2017 gegen zwei Uhr morgens in das Christliche Kinderhospital Osnabrück (CKO) eingeliefert worden, berichtete der 52-jährige Kinderarzt, der mit der Versorgung des Jungen betraut war. Ein normaler Blutkreislauf sei zunächst nicht vorhanden gewesen, und das Baby habe intubiert werden müssen. Eine Krankenschwester hatte das Kind zuvor als „leblos, ohne Eigenmotorik“, beschrieben. Es wurden zudem Hämatome unter anderem am Kopf und am Oberschenkel festgestellt.

Auch wichtige Hirnstammfunktionen wie der Pupillenreflex seien nicht vorhanden gewesen, so der Arzt. Eine Computertomografie habe bestätigt, dass eine Hirnblutung (Subduralhämatom) sowie eine Hirnschwellung (Ödem) vorliege. Zwar konnte der Kreislauf stabilisiert werden, die Gehirnfunktionen seien aber „unwiederbringlich geschädigt“. Da der Verdacht nahegelegen habe, dass das Kind ein Schütteltrauma erlitten habe, wurde die Polizei informiert. Auch wenn schon bei der Einlieferung von einem solchen Trauma berichtet worden wäre, wäre eine Rettung nicht möglich gewesen, erklärte der Mediziner.

Für solche Verletzungen würde eine kurze Gewalteinwirkung ausreichen. Ebenso erläuterte der Arzt auf Nachfrage des Verteidigers, dass theoretisch auch ein leichtes Schütteln genügen könne, um einen Sauerstoffmangel zu verursachen, der wiederum einen Atemstillstand auslöse, sodass schließlich ein Ödem auftrete.

Forensisches Gutachten

Diese Möglichkeit schloss ein hinzugezogener Forensiker für diesen Fall aus. „Um dieses Muster hervorzurufen, muss eine erhebliche Gewalteinwirkung vorgelegen haben“. Gewalt alleine, also ein vermeintliches Schlagen, passe dabei nicht ins Bild. Somit bestätigte der Experte den Verdacht eines starken Schütteltraumas. Denn bei der Obduktion habe er unter anderem Verletzungen in den Augen feststellen können. Ferner sei auch die Kopfkontrolle in diesem Alter schon gegeben, dass heißt, dass er seinen Kopf schon bereits selbstständig halten konnte. Aus anderen Fällen ginge hervor, das eine solche Tat 10 bis 30 Sekunden dauere und ein Kind dabei fünf bis zehn Mal geschüttelt würde, berichtete der Experte weiter. Es habe Tests mit Puppen gegeben, die „anstrengend“ verlaufen seien. „Die Wissenschaftler haben das in den Armen gespürt“. Genaue Rückschlüsse auf Dauer und Intensität könnten aber aus den Verletzungen im aktuellen Fall nicht gezogen werden.

Verschiedene Hämatome

Eine weitere rechtsmedizinische Sachverständige ordnete die Hämatome ein, die bei dem Kind festgestellt wurden. Sie berichtete von zahlreichen Arten an unterschiedlichen Stellen. Diese seien durch ein mehrfaches Hochstemmen im Spiel mit dem Kind, wie der 31-Jährige ausgesagt hatte, nicht zu erklären. Auch die Tatsache, dass das Kind mit zehn Monaten bereits laufen konnte, allerdings öfter gestürzt sei, könne nicht ursächlich sein. „Das müsste schon ein sehr komplexer Sturz sein“, äußerte sie zweifelnd. Falls es zu einem Streit mit dem dreijährigen Bruder gekommen sei, „müssten sich beide schon ordentlich geprügelt haben“. Der Dreijährige habe aber nicht die Kraft und seine Hände würden nicht zu den beiden großflächigen Hämatomen auf der Rückseite passen. Diese seien zudem zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Es seien Zeichen von stumpfer Gewalteinwirkung. „Keiner der umschrieben Hergänge passt zu allen Hämatomen“, schloss die Expertin. Thematisiert wurde hingegen das sogenannte Shaken-Impact-Syndrom, bei dem auch ein Aufprall auf eine Oberfläche erfolgt. Ob es ursächlich für die Hämatome war, blieb offen.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.


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