Keine Räume im Flüchtlingshaus Ehrenamtlicher Unterricht für Flüchtlinge in Osnabrück auf der Kippe

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Osnabrück. Das Osnabrücker Flüchtlingshaus ist voll, eine Gruppe ehrenamtlicher Sprachlehrer will den Bewohnern dort wie früher Deutsch beibringen. Doch den neuen Schultrakt im Haus dürfen sie fast nicht nutzen und ein improvisierter Unterrichtsraum am Barenteich platzt aus allen Nähten.

Wer den Frust der Ehrenamtlichen verstehen will, muss zwei bis drei Jahre zurückblicken. Es waren fast 80 Männer und Frauen, viele von ihnen pensionierte Lehrer, die im Flüchtlingshaus am Natruper Holz eine regelrechte Schule betrieben, erzählt Rainer Hafke, der als gelernter Betriebswirt die Organisation übernahm.

Kurz nach Eröffnung des Flüchtlingshauses zum Jahreswechsel 2014/15 begannen die ersten Ehrenamtlichen, den Geflüchteten vor Ort Deutsch beizubringen. „Erst haben wir Kinder und Erwachsene noch gemischt unterrichtet“, sagt die pensionierte Gymnasiallehrerin Mechthild Dierks. Je mehr Flüchtlinge kamen und je mehr Ehrenamtliche, desto mehr strukturierten sie den Unterricht. Jeder, der wollte, konnte teilnehmen, zeitweise waren es 100 Erwachsene und 80 Kinder, sagt Dierks.

Sprachschule

Das Flüchtlingshaus, ein früheres Bundeswehrkrankenhaus, befand sich im Umbau zur Erstaufnahmeeinrichtung und entsprechend oft mussten die Ehrenamtlichen umziehen: Vom Keller in einen Flur, dann zurück in den Keller und schließlich nach draußen in einen Container, zählt Hafke auf. Der Motivation tat das keinen Abbruch. „Das war eine richtige Sprachschule“, sagt Hafke.

Die Ehrenamtlichen freuten sich darauf, den neuen Schultrakt nutzen zu können, den die Landesaufnahmebehörde (LAB) schließlich einrichtete. „Wir bekamen das immer als unsere Zukunft gezeigt“, sagt Hafke. Er und seine Mitstreiter hätten den Bauplan präsentiert bekommen und eine Aufstellung gemacht, welche Schulmaterialien benötigt werden. „Ende 2016 sind wir noch durch die neuen Räume geführt worden“, sagt Mechthild Dierks. Schriftliche Vereinbarungen gab es jedoch nicht. Die LAB sagt jetzt auf Anfrage unserer Redaktion: „Eine Einbindung in die Planungen für den Umbau ist bei der LAB Niedersachsen nicht bekannt.“

Etwa zu der Zeit, als der Schultrakt fertig war, wurde der Container, den die Ehrenamtlichen nutzten, anderweitig benötigt und ihre Sprachschule musste raus – durfte aber nicht in die neuen Räume rein.

Vorwürfe an die LAB

„Es funktionierte sehr gut, bis die LAB dazwischengefahren ist“, sagt Hafke. Sein Vorwurf: „Es ist nach und nach vernichtet worden.“ Mechthild Dierks ist ratlos: „Uns kann keiner erklären, warum wir da keinen Unterricht mehr machen dürfen.“ Ab Herbst 2015 hatte die LAB sukzessive die Leitung des Flüchtlingshauses von der Diakonie übernommen. Osnabrück ist nun einer von sechs LAB-Standorten in Niedersachsen, die Diakonie ist nur noch für den laufenden Betrieb inklusive Flüchtlingssozialarbeit zuständig und verweist bei Presseanfragen an die LAB.

Die Landesaufnahmebehörde sagt, man arbeite an einer Lösung. Die Frage, warum die Ehrenamtlichen die Räume nun doch nicht nutzen können, ließ LAB-Pressesprecherin Hannah Hintze unbeantwortet. Standortleiterin Birgit Beylich sagt, sie habe bereits versucht, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen. Diakonie-Geschäftsführer Hinrich Haake sei derzeit dabei, eine Vereinbarung über eine Kooperation mit den Ehrenamtlichen zu entwerfen, so Hintze. Über eine mögliche künftige Nutzung der Räume hätten bereits mehrfach Gespräche stattgefunden.

In den fünf Räumen des Schultrakts würden zurzeit Kinder in zwei Klassen mit maximal 15 Schülern unterrichtet, von 8.30 bis 12 und von 13 bis 15 Uhr. „Der Unterricht wird von zwei abgeordneten Lehrkräften sowie einer Honorarkraft und sechs Ehrenamtlichen durchgeführt“, so Hintze. Abends bietet die LAB montags, dienstags und mittwochs noch einen Deutschkurs für maximal 20 Erwachsene an, unterrichtet werden sie von Ehrenamtlichen der Diakonie.

Rund 540 Menschen leben im Flüchtlingshaus, 150 davon sind Kinder. Das Team der restlichen Ehrenamtlichen um Mechthild Dierks und Rainer Hafke hat angeboten, freie Zeitfenster zu nutzen und damit mehr Flüchtlingen die Chance auf Deutschunterricht zu bieten. Auch andere Räume wären ihnen recht, Hauptsache sie können unterrichten. Hafke ist sicher: „Dass wir eine der friedlichsten Erstaufnahmeeinrichtungen in Niedersachsen sind, liegt auch an den Ehrenamtlichen.“ Doch mittlerweile grassiere Langeweile, warnt Dierks.

Notlösung

Sie und 17 weitere Ehrenamtliche nutzen derzeit das Vereinsheim des Ballsportvereins Eversburg am Barenteich, 800 Meter vom Flüchtlingshaus entfernt – eine Notlösung, die ursprünglich nur für die mehr als 100 Bewohner der städtischen Gemeinschaftsunterkunft an der Landwehrstraße gedacht war.

Zu der Zeit, als der Schulunterricht im Flüchtlingshaus boomte, bauten die Ehrenamtlichen dort eine Dependance auf. Doch die meisten Schüler laufen nun morgens vom Flüchtlingshaus dorthin, der Bedarf an Deutschunterricht ist also vorhanden. Die meisten sind schon vor 9 Uhr da, damit sie einen Platz bekommen. Zwischenzeitlich platze der Raum bei 40 Schülern aus allen Nähten, sagt Dierks.

Wie lange sie das Vereinsheim noch nutzen können, ist unklar. Seit Mai 2017 bekamen die Ehrenamtlichen Fördermittel aus einem Bundesprogramm. Mit dem Geld beglichen sie unter anderem die Miete. Vor einer Woche erfuhren sie: Der Fördertopf ist leer.


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