Im Taumel von Tokyo Dennis Gastmann liest in Osnabrück aus „Der vorletzte Samurei“

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Dieses Mal war er in Japan unterwegs: Dennis Gastmann erzählt in „Der vorletzte Samurei“ von seiner Hochzeitsreise mit seiner Frau Natsumi, deren Mutter aus dem Land des Lächelns kommt. Foto: Axel MartensDieses Mal war er in Japan unterwegs: Dennis Gastmann erzählt in „Der vorletzte Samurei“ von seiner Hochzeitsreise mit seiner Frau Natsumi, deren Mutter aus dem Land des Lächelns kommt. Foto: Axel Martens

Osnabrück. Dennis Gastmann war wieder unterwegs. Dieses Mal ist der Osnabrück stammende Reporter aber nicht allein gereist, sondern war mit seiner Frau auf Hochzeitsreise in Japan, dem Geburtsland ihrer Mutter. Herausgekommen ist das Buch „Der vorletzter Samurei“, mit dem Gastmann in die Lagerhalle kommt.

Nach dem Lesen Ihres Buchs war ich voller Eindrücke. Woran liegt das: An der Leserin oder an Japan?

Es ist das Land: Die Menschen, die Schwärme, das Tempo, der Sound, der Taumel in den Millionenstädten – und dann wieder diese absolute Ruhe an den heiligen Orten, nichts als Zen. Japan mäandert. Es ist schrill und still, so in sich gekehrt und gleichzeitig so grell. Meine Frau Natsumi sagte irgendwann zu mir: „Du suchst in allem einen Sinn. Aber vielleicht ergibt Japan keinen Sinn“. Und vielleicht muss es das auch nicht.

Gab es auf der Reise einen Ort, der Sie besonders beeindruckt hat?

Hiroshima zum Beispiel, die auferstandene Stadt, und gleich vor ihren Toren Miyajima, die Insel der Götter – ein heiliger Ort, an dem es verboten ist, zu sterben. Niemand darf dort ein Tier töten oder einen Baum fällen. Die Insel soll um jeden Preis „rein“ bleiben. Es wirken aber auch die japanischen Begegnungen nach: Einmal betraten wir eine Bar auf Kyūshū, im äußersten Süden des Landes, und wollten gleich wieder gehen, denn an der Theke schienen nur Trinker zu sitzen. „Nein, nein!“, riefen sie, „geht nicht weg! Wir sitzen seit dreißig Jahren an diesem Tresen, und zum ersten Mal schaut ein Ausländer vorbei!“ Es wurde ein Abend der Verbrüderung. Erst reihten mir die Leute, japanisch höflich, ihre Visitenkarten, als wäre es ein geschäftliches Treffen. Später sollte ich ihre Schuhe anziehen.

Was ist der größte Kulturschock für einen Deutschen in Japan?

Meine Frau sagt immer: „In Deutschland gibt es keine Großstädte“. Wer nach Japan kommt, ahnt, was sie meint. Vierzig Millionen Menschen tummeln sich allein im Raum Tokyo/Yokohama. Und wenn diese achtzig Millionen Bein durch Shinjuku Station trippeln, den größten Bahnhof der Stadt, direkt an dir vorbei - Gesichter, Mundschutzmasken, Halbarmhemden, klackernde schwarze Lederabsätze - dann kommt es manchmal zum Tilt. Mir ging es so. Ich blieb einfach stehen, wollte nicht mehr, und meine Frau musste mich zurück in den Menschenfluss ziehen.

Wohl kaum jemandem ist klar, dass Jesus eigentlich in Japan begraben ist …

Das ist eine lange Geschichte. Ich habe sie kürzlich auf einer Lesung erzählt und bald gemerkt, dass mir niemand mehr folgen konnte: Auf einem Hügel im Bergdorf Shingō steht ein mannshohes Holzkreuz, und die Dorfbewohner scheinen tatsächlich zu glauben, dass dort ein gewisser „Iesu Kirisuto“ seine letzte Ruhe gefunden hat. Der Dorflegende nach ist Gottes Sohn als junger Mann nach Japan gereist, um von einem Shinto-Priester zu lernen. Als er in seine Heimat Judäa zurückkehrt und gekreuzigt werden soll, schlägt man jedoch irrtümlich einen ominösen Bruder Jesu Christi ans Kreuz, der sich freiwillig opfert. Vielleicht handelt es sich auch um einen Halbbruder. Iesu Kirisuto jedenfalls kann flüchten, kehrt nach Japan zurück, wird Knoblauchzüchter und stirbt im Alter von einhundertund…

Stimmt. Ich kann ihnen nicht mehr folgen.

Wissen Sie, ich durchschaue die Story auch nicht. Aber sie zeigt wohl, wie unbekümmert Japaner mit Glaubensdingen jonglieren. Der Shintoismus sagt: Alles kommt aus der Natur, alles geht dorthin zurück, und für die kurze Episode als Mensch schreibt er dir wenig vor. Er kennt keine zehn Gebote, keine Hölle, keinen Strafenkatalog – und er lässt sich offenbar problemlos mit anderen Religionen erfrischen: Japaner werden als Shintoisten geboren, nach buddhistischem Ritual bestattet und heiraten als Katholik. Es gilt als romantisch, in einer blumengeschmückten Kathedrale zu heiraten, wie in Hollywood, mit Rosen, Messdienern und einem Priester aus dem Westen. Letzterer ist in der Regel ein Laienschauspieler, der „Amen“ sagt, aber keine Antwort erwartet.

Auch Osnabrück wird kurz im Buch erwähnt. Die Lieblingstante Ihrer Frau hat den Ort auf einer Landkarte neben Städten wie Paris und Berlin eingekreist. Wie kommt das?

Onkel und Tante waren erstaunlich weit gereist. Klassische japanische Bustouren: Europa in drei Tagen. Zu Hause haben sie dann all jene Orte, die sie besucht hatten, farbig markiert - und ja, auch um meine Heimatstadt zog sich ein bläulicher Kringel. „Deine Verwandten waren in Osnabrück?“, fragte ich meine Frau, ganz verwundert. „Natürlich nicht!“, lachte sie, „Nein, sie haben Osnabrück nur für Dich eingekreist!“. Und was brauchte es mehr, um mich zu rühren. Später erkundigte sich der Onkel noch nach dem Teutoburger Wald. Er hatte sich über mich informiert, zwei meiner Bücher gelegen, mit Lupe und Lexikon und, wie er sagte, immerhin dreimal gelacht.

Die Japaner sind sehr höflich und zurückgenommen. Ist das etwas, wovon wir in Deutschland lernen sollten?

Unbedingt! Vergiss dein Ego. Halte Dich zurück. Sei geduldig. Kümmere dich erst um andere, dann um dich selbst. Behandele jeden mit Respekt, auch wenn es dir schwer fällt. Fahr nicht aus der Haut, sondern schlucke den Ärger hinunter und verliere ja nicht Dein Gesicht. „Geduld ist die Kunst, nur langsam wütend zu werden“, heißt es im Japanischen.

Sie sind inzwischen Vater geworden. Was heißt das für den Reporter Dennis Gastmann? Werden Sie sich jetzt auf andere Themen verlegen?

Manche sagen, Familie sei für einen Abenteurer der ultimative Karriereknick. Aber keine Sorge: Ich werde die Welt nicht mit Baby-Ratgeberbüchern belästigen. Reisen ist eine Sucht, und es kommt der Tag, da zieht es mich wieder hinaus in die wilde, weite Welt.


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