Die Problemzone der Osnabrückhalle Symphoniekonzert von hinten: Eine Frage der Perspektive?

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Anderer Blick- und Hörwinkel: So sieht ein Sinfoniekonzert in der Osnabrückhalle von hinten aus. Foto: Jörn MartensAnderer Blick- und Hörwinkel: So sieht ein Sinfoniekonzert in der Osnabrückhalle von hinten aus. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Einmal auf der Bühne sitzen: Dieses Erlebnis hat das jüngste Konzert mit dem Osnabrücker Symphonieorchester ermöglicht.

In der bildenden Kunst ist der „Perspektivwechsel“ längst zur Regel, um nicht zu sagen zum Ritual geworden. Gefühlt sind sämtliche „überkommenen Sehgewohnheiten“ so gründlich „aufgebrochen“, dass man sich fast schon fragt, ob man noch ein Bild in aller Ruhe und konventionellen Beflissenheit betrachten darf. Im Musikbetrieb ist das anders: Den hat Wechselwille mittlerweile auch erfasst – da wird es allerdings auch höchste Zeit. Denn das Ritual des klassischen Konzerts ist in die Jahre gekommen.

Das diffuse Feld neuer Konzertformen

Bei den Osnabrücker Symphoniekonzerten lässt sich das , unter anderem, an vielen leeren Stühlen bei den Konzerten am Sonntagvormittag ablesen. Aber Generalmusikdirektor Andreas Hotz tastet sich behutsam ins diffuse Feld neuer Konzertformen: Musik von Beethoven, Zimmermann und Schostakowitsch unterstreicht dick, wie politisch Musik sein kann. Ein nachgespieltes Konzert des Jahres 1893 weckt die leise Ahnung, dass damals offenbar die Konzertform zementiert wurde, die heute immer noch Gültigkeit behauptet. Im jüngsten Konzert nun bricht Hotz die starre Trennung zwischen Orchester und Publikum auf. 67 Gäste hätten die Chance, ein Sinfoniekonzert aus einem anderen Blick- und Hörwinkel zu erleben. Immerhin eine Handvoll nimmt sie wahr und auf der Bühne hinterm Orchester Platz. Weiterlesen: So hat sich das Konzert von vorn angehört

Der erste Eindruck ist ein psychologischer: Man spürt die Blicke Publikums im Parkett und auf der Empore fast körperlich. Dafür gewährt der exponierte Platz einen Blick auf Musiker, die hinter der Bühne kleine Sprints hinlegen, und trotzdem gemessenen Schritts die Stufen zur Bühne hinabsteigen. Dann sind die Instrumente gestimmt; das Orchester erwartet die Solistin Mirijam Contzen und Dirigent Andreas Hotz. Auch das wächst sich zur körperlichen Erfahrung aus; das Warten wird fast zur Qual. Wie sich das wohl für die Musiker anfühlt?

Geigen hinterm Vorhang

Tatsächlich dürften mit solchen Spannungspausen gelassen umgehen. Triftiger wird die Frage, was sie aus einem akustischen Phänomen machen, das sich offenbart, nachdem Hotz den Einsatz zu Mozarts A-Dur-Violinkonzert gegeben hat. Die zweiten Geigen spielen da ein vibrierendes Tremolo, eine Art freudiges Beben unter einer fröhlichen Spielerei der ersten Geigen. Nur: Diese Spielerei klingt gedämpft, als säße die Geigengruppe hinter einem schweren Vorhang.

Das ändert sich auch bei Jirí Antonín Bendas Melodram „Ariadne auf Naxos“ nicht. Erstaunlich gut sind die Sprecher Magdalena Helmig und Oliver Meskendahl zu verstehen, aber Flöten, Oboen und Fagotte dominieren, während die Streicher den Klang lediglich zart aufhellen. Wer hören will, wie die Musik gemeint ist, muss im Parkett Platz nehmen – da stehen Violinen, Bratschen, Celli und Bässe im Vordergrund, während die Holzbläser die Farbe geben. Eine spannende Erfahrung. Weiterlesen: Mirijam Contzen im Porträt

Der richtige Standpunkt

Wie der Standpunkt die Wahrnehmung bestimmt, haben im vergangenen Jahr die blauen Kreise von Felice Varini auf dem Osnabrücker Marktplatz vor Augen geführt: Nur vom richtigen Standpunkt aus gesehen fügen sich Linien zum Kreis. Ähnlich ist das mit der Musik: Man muss auf der richtigen Seite sitzen, um die Musik in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen. Trotzdem gibt der Perspektivwechsel erstaunliche Einblicke. Weiterlesen: Varini-Schau in der Kunsthalle

Etwas anders ist das fürs Osnabrücker Symphonieorchester. Schon länger beklagt das die schwierige musikalische Kommunikation untereinander: Wer links sitzt, hört nicht, was rechts passiert – der Hörerplatz auf der Bühne vermittelt eine Ahnung davon. Umso bewundernswerter ist die Präzision, mit der das Orchester in aller Regel spielt. Dabei ist das wie eine Autofahrt mit beschlagenen Scheiben: Das kann gut gehen. Das kann aber auch in die Katastrophe führen.


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