Kälte und kein Dach über´m Kopf Wie Osnabrücker Obdachlose mit Minustemperaturen umgehen

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Decken und gegenseitige Wärme: Der Obdachlose Wolfgang Kruse sitzt mit seiner Hündin Aischa in der Großen Straße in Osnabrück. Foto: Markus PöhlkingDecken und gegenseitige Wärme: Der Obdachlose Wolfgang Kruse sitzt mit seiner Hündin Aischa in der Großen Straße in Osnabrück. Foto: Markus Pöhlking

Osnabrück. Bis zum Wochenende wird es noch einmal richtig kalt in Deutschland. Wie gehen Menschen mit der Kälte um, die keinen festen Wohnsitz haben? Und was sollten Passanten machen, die einen schlafenden Obdachlosen auf der Straße finden?

Dienstagvormittag in Osnabrück: Die Sonne scheint, es ist bitterkalt. Ein paar Schneeflocken tanzen durch die Luft, das Thermometer steht bei fünf Grad unter null und wer kann, spart sich offenbar den Gang auf die Straße: Die Große Straße zumindest ist gegen 10.30 Uhr fast menschenleer.

Nur Wolfgang Kruse sitzt, wie eigentlich jeden Tag, an der Ecke zum Nikolaiort. Eingewickelt in Winterkleidung und ein paar warme Decken, zu Füßen seine Hündin Aischa, beobachtet er die Szenerie. „Hat man mal drei kalte Tage, werden die Leute sofort nervös“, grummelt er. Der 54-jährige lebt seit fast zehn Jahren auf der Straße und hat eine Menge Themen, die ihn bewegen. Minustemperaturen gehören eher nicht dazu. „Ist halt Winter, so was fällt ja nicht vom Himmel.“ (Im Video: Wolfgang Kruse – ein Osnabrücker Obdachloser will auf den Jakobsweg)

Kleidung, Hündin, Heißgetränke

Tagsüber wärmen ihn Kleidung, seine Hündin und Heißgetränke, die er sich alle paar Stunden gönnt – sofern bis dahin genug Geld in dem Becher liegt, der vor ihm auf dem Boden steht. Im Winter füllt der sich oft schneller als im Sommer. „Wenn es kalt ist, geben die Leute mehr, weil sie glauben, das Leben auf der Straße sei dann härter“, sagt Kruse. Das stimme zwar grundsätzlich, spiegele sich aber nicht im Finanziellen wider: „Mein Geldbedarf bleibt eigentlich übers ganze Jahr weitgehend gleich: etwas Hundefutter und das, was ich so zum Leben brauche.“ (Weiterlesen: Zahl der Obdachlosen in Osnabrück steigt)

Kalte Winternächte sind für Kruse kein Problem, sagt er: „Auch darauf stellt man sich zunächst mal ja ein“, erzählt er. Warme Kleidung, dicke Isomatten und Schlafsäcke, die Nähe zu seinen Hunden – all das halte bei niedrigen Temperaturen warm. Wird es richtig kalt, greift Kruse auf ein Netzwerk aus Bekannten zurück: ein Platz auf dem Sofa lasse sich immer irgendwo finden. „Und schlimmstenfalls wüsste ich immer so zehn, fünfzehn Gebäude in Osnabrück, in die man irgendwie reinkommt und wo man sich dann auf dem Flur hinlegen kann.“ Bislang habe diese Strategie immer gereicht, kältebedingt krank geworden sei er nie.

Kälte nicht auf die leichte Schulter nehmen

Thomas Kater vom Katholischen Verein für soziale Dienste in Osnabrück (SKM), der verschiedene Einrichtungen zur Obdachlosenhilfe betreibt, warnt indes davor, die Kälte auf die leichte Schulter zu nehmen. „Die Minustemperaturen sind lebensbedrohlich. Wer das unterschätzt, riskiert schwere gesundheitliche Schäden.“ In den vergangenen Jahren habe es in Osnabrück durchaus Fälle gegeben, in denen Obdachlose in Osnabrück durch Erfrierungen Gliedmaßen verloren hätten. Nach Katers Erkenntnissen gibt es derzeit in Osnabrück rund 175 Personen ohne festen Wohnsitz, etwa dreißig davon seien als obdachlos im eigentlichen Sinne zu bezeichnen. Einige von ihnen nutzten derzeit das Angebot der „warmen Platte“, dass der SKM während der Wintermonate vorhält: Dabei werden in einem leerstehenden Wohnhaus vorübergehend warme Schlafplätze eingerichtet.

Darüber hinaus sind in der Stadt noch 35 von 75 Plätzen der Notschlafstelle frei. „Bei uns sind im Winter viel mehr Plätze frei als im Sommer“, sagte die Leiterin Soziales der Stadt, Karin Heinrich. „Wenn es so kalt ist, kommen wohl mehr Leute bei Freunden unter.“

Auch in anderen Städten bieten Kommunen und Wohlfahrtsvereine Hilfe an – sie öffnen Bahnstationen oder andere öffentliche Einrichtungen rund um die Uhr oder bieten Obdachlosen warme Mahlzeiten an. In Hannover etwa fährt der Kältebus der Johanniter regelmäßig im Winter durch die Innenstadt und gibt Bedürftigen warmes Essen, Getränke und Kleider.

Obdachlose ansprechen

Ein geringer Teil der Osnabrücker Obdachlosen, zu dem sich auch Wolfgang Kruse zählt, verzichtet auf die Inanspruchnahme jeglicher Hilfsangebote. Kater geht allerdings davon aus, dass auch die meisten von ihnen während der kalten Nächte einen sicheren Schlafplatz haben. „Unseren Beobachtungen nach versuchen die meisten, irgendwo im Bekanntenkreis unterzukommen.“ Passanten, die draußen schlafende Personen vorfinden, rät Kater: „Unbedingt den Schlafenden ansprechen und schauen, ob alles in Ordnung ist. Im Zweifelsfall ist es immer besser, einen Rettungswagen zu rufen.“ (mit dpa)


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