Prozessauftakt am Landgericht Angeklagter gesteht: Kind in Osnabrück zu Tode geschüttelt

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Der Angeklagte muss sich wegen Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Archivfoto: David EbenerDer Angeklagte muss sich wegen Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Archivfoto: David Ebener

Osnabrück. Zum Auftakt des Prozesses um ein zu Tode geschütteltes Baby in Osnabrück hat der Angeklagte am Montag vor dem Landgericht die Tat gestanden. Gleichzeitig gab er jedoch an, er könne sich nicht an den Moment des Schüttelns erinnern.

Der 13 Monate alte Sohn seiner Lebensgefährtin starb wenige Tage nach dem Vorfall im Krankenhaus. Es tue ihm unendlich leid, was passiert sei, sagte der 31-jährige Mann. Er habe den Jungen geliebt wie einen eigenen Sohn. „Was passiert ist, ist unverzeihlich, das ist ausschließlich meine Schuld“, sagte er auf Polnisch. Eine Dolmetscherin übersetzte. Der Mann bat die Mutter des Kindes, die als Nebenklägerin auftritt, im Gerichtssaal um Verzeihung. „Ich habe das nicht vorsätzlich getan.“ Doch was genau er getan hat, blieb am ersten Verhandlungstag unklar. Das Bild des Schüttelns habe er nicht vor Augen, gab der 31-Jährige an.

Er ist angeklagt wegen Totschlags. In der Nacht vom 8. auf den 9. August 2017 soll er den kleinen Jungen in der Wohnung seiner Lebensgefährtin im Osnabrücker Stadtteil Schölerberg geschüttelt haben, wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor. Die Ärzte im Christlichen Kinderhospital Osnabrück (CKO) hätten ein schweres Schütteltrauma festgestellt, und darüber hinaus Hämatome am Kopf, an den Beinen und Kniekehlen des Kindes durch stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf und Körper des Babys, so die Staatsanwältin. Der Angeklagte habe den Tod des Kindes zumindest billigend in Kauf genommen.

Seit Februar 2017 waren der polnische Staatsbürger und die Mutter des Kindes ein Paar, im März zog er zu der heute 25-Jährigen, die noch einen älteren Sohn hat. Der 8. August war dessen dritter Geburtstag. Es sei ein Tag gewesen wie jeder andere, erzählte der Angeklagte: Er stand morgens um 5 Uhr auf und fuhr um sechs zur Arbeit – Pakete ausliefern bei einem größeren Zustelldienst. Als er am Nachmittag Feierabend hatte, holte er seine Freundin vom Nagelstudio ab, dann fuhren sie gemeinsam zu ihrer Mutter, die auf die beiden Kinder aufpasste und holten sie ab. Der Kleine war unruhig, wenige Tage zuvor war er geimpft worden. Das sagten sowohl der Angeklagte als auch die Mutter als Zeugin aus. Im Laufe des Nachmittags gab es Streit, weil die junge Mutter abends noch ausgehen wollte.

Sie ging gegen 22 Uhr zu einer Freundin, die ein Haus weiter wohnte. Dort tranken sie Alkohol, wie die 25-Jährige selbst sagte. Ihr Partner blieb zu Hause bei den beiden Kindern. Mit dem 13 Monate alten Baby legte er sich im Wohnzimmer aufs Sofa, sagte der Angeklagte. Der Junge sei immer wieder wach geworden und habe spielen wollen, berichtete der 31-Jährige. Er habe ihn unter anderem im Spiel hochgeworfen. Irgendwann gegen 2 Uhr sei das Kind wieder eingeschlafen. „Nach wenigen Minuten ist er aufgewacht. Dann ist passiert, was passiert ist“, sagte er.

Er habe den Jungen erst wieder hingelegt, doch kurz darauf habe das Kind schwer geatmet. Die Mutter des Kindes sagte aus, ihr Sohn sei ganz blau gewesen und habe nicht mehr geatmet, als sie – von ihrem Partner alarmiert – ihn im Treppenhaus entgegengenommen habe.

Zusammen fuhren sie in die Notaufnahme des Krankenhauses. Dort konnte der Junge wiederbelebt werden, fiel jedoch ins Koma und starb am 12. August. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.


Schütteltrauma:

Fünf bis sechs Babys werden jährlich im Osnabrücker Christlichen Kinderhospital (CKO) wegen schwerer Schütteltraumata behandelt, sagt der frühere Oberarzt Dr. Andreas Faber. Manche Kinder sterben, andere behalten lebenslang schwere Behinderungen zurück. Rund 500.000 Menschen leben im Einzugsgebiet des Krankenhauses.

Per Definition ist ein Schütteltrauma die Folge von massivem, heftigem, gewaltsamem Hin- und Herschütteln des Babys mit unkontrollierbarem Umherrotieren des Kopfes. Fünf bis zehn Sekunden Schütteln, 10- bis 30-mal, können den Tod des Babys oder ein Leben im Rollstuhl bedeuten. Die Folgen des Schüttelns sind immer diffuse Hirnschäden. Wenn das Gehirn im Kopf hin- und hergeworfen wird, kommt es zu Blutungen, und Nervenzellen können erheblich beschädigt werden. Dadurch wird die weitere Entwicklung des komplex verschalteten Gehirns beeinträchtigt.

Laut dem nationalen Zentrum für frühe Hilfen (NZFH) werden jährlich schätzungsweise zwischen 100 und 200 Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltraumata in deutsche Kliniken gebracht. Akute Symptome sind unter anderem Trinkschwäche, Schläfrigkeit, Apathie, Atemstörungen oder Erbrechen. 10 bis 30 Prozent der Kinder sterben.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN