Max Giesinger als Gitarrist? Faber liefert Konzert mit kosmetischen Mängeln

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

„Akustik-Punk für Mädchen“: Das Bild zeigt Faber bei seinem Auftritt im vergangenen Jahr. Foto: Katharina Leuck„Akustik-Punk für Mädchen“: Das Bild zeigt Faber bei seinem Auftritt im vergangenen Jahr. Foto: Katharina Leuck

Osnabrück. Zwischen charmantem Chansonnier und überheblichem Superstar lavierte Faber im gut besuchten Osnabrücker Hyde Park. Als Gitarristen stellte er Max Giesinger vor.

Will Faber ein Chansonnier sein, der das Publikum mit rauer Stimme und poetischen Texten betört? Ist Faber eine Tanzkapelle, die mit rasantem Balkan-Beat die Puppen tanzen lässt? Oder ist Faber ein Pop-Act, der die ausverkauften Mega-Arenen Europas erstürmen will? Letzteres schwebte offenbar Fabers Ton-Ingenieur vor, der den Hyde Park mit einer übermäßig lauten, dröhnend-basslastigen Soundkulisse fütterte. Sogar wenn Julian Pollina alias Faber allein auf der Bühne stand, um eine Ballade zu singen, gab der Mann hinter dem Mischpult dezibelmäßig alles – und machte es damit unmöglich, diese anmutig-lauschige Punk-Atmosphäre entstehen zu lassen, die den Faber-Auftritt in der Kleinen Freiheit im vergangenen Jahr im Rahmen des Popsalons so charmant machte.

Popsalon als Entdeckerfestival

Faber ist ein weiteres Beispiel dafür, dass der Popsalon ein echtes Entdeckerfestival ist. Nach Cro, Bosse, Boy und Kraftclub ist Faber jetzt der nächste Act, der erfolgreich durch die Decke geht: Sahen den Schweizer mit sizilianischen Wurzeln im vergangenen Jahr vielleicht 300 Zuschauer in der Freiheit, so war für das aktuelle Konzert der Rosenhof mit einer Kapazität von gut 800 Personen reserviert gewesen. Doch die Nachfrage nach Tickets machte eine Hochverlegung in den Hyde Park notwendig, in den jetzt zirka 1400 Fans strömten. Vor solch einer Kulisse kann man sich schon einmal als kommender Superstar fühlen. Dementsprechend wurden auch gleich die Geschäftspraktiken upgegradet: Wer Faber für die Medien fotografieren wollte, musste sich Tage vorher akkreditieren lassen. Weil für die NOZ kein Antrag gestellt worden war, müssen unsere Leser jetzt mit einem Foto aus dem vergangenen Jahr vorlieb nehmen.

Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, Faber hätte den Erfolg nicht verdient. Souverän startet er solo sein Gastspiel und beweist, dass er eine großartige, raspelige Stimme hat, mit der er seine schrägen Texte jenseits jeglichen Mainstreams singt. Goldlameevorhänge und runde Spiegel auf der Bühne vermitteln intime Atmosphäre, in die alsbald seine Band eintaucht, bis Polka-Rhythmen zum Mittanzen animieren. Man bekommt einen lebhaften Eindruck davon, was Faber meint, wenn er seine Musik als „Akustik-Punk für Mädchen“ bezeichnet. Schlagzeuger Tillmann Ostendarp greift während des (Fuß-)Trommelns zur Posaune und treibt den Song „Es wird ganz groß“ nach vorn. Alle Musiker singen „Die Tram ist leer (und ich bin voll)“, bis das Publikum wie aus einer Kehle mitsingt.

War es wirklich Max Giesinger?

Dann die Überraschung: Als Faber seine Band vorstellt, behauptet er, Max Giesinger spiele bei ihm Gitarre und die arabische Trommel Darbuka. Tatsächlich hat der Gitarrist Ähnlichkeit mit dem Sänger, der es sich eigentlich im neuen deutschen Vokalpop gemütlich gemacht hat. Offenbar strebt er aber danach, sein Image ein wenig aufzumöbeln. Jedenfalls macht er dort neben Julian Pollina eine sehr gute Figur. (Weiterlesen: „Sparfuchs“ Max Giesinger fährt U-Bahn statt Taxi)

Der widerum weiß offenbar genau, was er will. Dramaturgisch ungemein geschickt führt er das Publikum durch alle emotionalen Höhen und Tiefen. Tragische Liebelieder, wütende Protestsongs, psychedelisch angehauchter Rock, experimentelle Ballade, ausgelassene Tanznummern und dreckige Sauflieder wechseln sich ab. Im Tourmotto-liefernden Song „Sei ein Faber im Wind“ singt er voller Selbstbewusstsein „Warum träumst Du nicht von mir“. Aber: Hat er in der Textzeile etwa das böse Synonym für eine Bordsteinschwalbe weggelassen? Vielleicht, weil so viele junge Mädchen im Saal sind?

Nun, mit „Tausenfrankenlang“ und einem finalen Klanginferno beendet Faber ein fantastisches Konzert – mit einigen kosmetischen Mängeln.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN