„Die Märchenstube“ Osnabrücker Märchenerzählerin hilft Dementen beim Erinnern

Von Frederik Tebbe


Osnabrück. Die Osnabrücker Märchenerzählerin Sabine Meyer hat in den vergangenen zehn Jahren eine Entdeckung gemacht: Berücksichtigt man bestimmte Voraussetzungen, kann es gelingen, dass bei dementen Menschen Erinnerungen geweckt werden, wenn man ihnen Märchen vorträgt. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch „Die Märchenstube – Aktivierung leicht gemacht!“ niedergeschrieben.

Sabine Meyer ist ausgebildete Märchenerzählerin. Wenn sie vor vollem Haus eine Geschichte vorliest, ist sie es gewohnt, dass das Publikum ihr an den Lippen hängt und nicht dazwischenruft. Als sie 2007 allerdings in einer Einrichtung für Demenzkranke „Rapunzel“ vorlas und ihr eine Dame im Publikum nicht nur ins Wort fiel, sondern an ihrer statt das Märchen zu Ende erzählte, empfand sie das naturgemäß als ziemlich störend. Dann jedoch nahm eine Pflegerin sie erstaunt zur Seite und erzählte ihr etwas, das Sabine Meyers Arbeit für die kommenden Jahre fundamental verändern würde: Die Dame hatte aufgrund ihrer Erkrankung seit einem Jahr keinen zusammenhängenden Satz mehr gesprochen. „Da war es an mir, erstaunt zu sein“, sagt Sabine Meyer.

Märchen tief im Bewusstsein verankert

Die Erzählerin hat angefangen zu forschen, zu recherchieren und weiterhin dementen Menschen vorzulesen, um solche Reaktionen zu forcieren. Sie stellte sich die Frage, warum es ausgerechnet ein solches Märchen ermöglicht, dass eine demente Frau in ganzen Sätzen eine Geschichte wiedergeben kann. Die Antwort darauf ist denkbar simpel: Bekannte Märchen mit berühmten Losungen wie etwa „Knusper, knusper, Knäuschen“ seien tief im Bewusstsein der Patienten verankert. „In der Demenz gehen die Worte weg, aber nichts anderes“, sagt Sabine Meyer. „Wir müssen also davon ausgehen, dass Emotionen und Bilder da bleiben. Je schwerer ein Mensch dement ist, desto wichtiger ist es, dass es ein bekanntes Märchen ist“, erläutert sie. „Dann spreche ich nämlich nicht den erwachsenen Mann, sondern den kleinen Jungen an, dem diese Geschichten bereits als Kind vorgelesen wurden.“

 Entsprechend müssen es nicht zwingend Märchen sein, um diese sogenannte Aktivierungsarbeit zu leisten. „Volkslieder funktionieren ähnlich“, sagt die Erzählerin. „Es passiert, dass demente Menschen schon bei den ersten Worten anfangen, „Hänschen Klein“ zu singen, weil es einfach so vertraut ist. Es funktioniert auch mit manchen Gedichten. Gerade zu Weihnachten etwa ,von drauß‘ vom Walde komm ich her‘.“

Erinnerungen hervorrufen

Die Aktivierungsarbeit ist zwar nicht im Stande, Demenz zu heilen, aber sie kann bei Betroffenen Erinnerungen hervorrufen. Dies helfe auch dabei, aggressive Patienten zu beruhigen oder eher wortkarge zum Sprechen zu bringen. Das funktioniere zwar nicht immer und es hänge auch vom Grad der Demenz ab, aber Meyer prognostiziert, dass 80 Prozent der Leute darauf reagieren. „Es ist eine relativ sichere Methode. Pflegekräfte können sich darauf einstellen, dass ein Großteil der Gruppe mitziehen wird.“

„Aktivierung leicht gemacht“

Um dies zu gewährleisten, hat Sabine Meyer ihre Arbeitserfahrung der vergangenen zehn Jahre in einem Buch zusammengefasst. Es heißt „Die Märchenstube - Aktivierung leicht gemacht!“, und darin gibt sie Pflegekräften Tipps, eine Märchenstunde zu gestalten. Zwar sei es grundsätzlich möglich, dass auch Privatpersonen das Buch zu Rate ziehen, um etwa betroffenen Verwandten ein Märchen vorzulesen, doch es sei „eher als Leitlinie für Betreuungskräfte oder Altersbegleiter gedacht. Das Buch setzt ein gewisses Verständnis von Demenz voraus.“ So sei es etwa wichtig, die Märchen frei und in leichter Sprache zu erzählen und Requisiten mitzubringen, um die Aktivierung zu erleichtern.

 Ihr Buch stellt Sabine Meyer am Montag, 26. Februar, um 17.30 Uhr im Küpper-Menke-Stift in Osnabrück vor. Dort, wo für sie alles begann und zum ersten Mal eine demente Frau das Wort ergriff.