Christoph Sieber in der Lagerhalle Grandios-groteske Gegenwartsdiagnose

Von Christoph Beyer


Osnabrück. Um Widersprüche machte Christoph Sieber bei seinem Auftritt in der ausverkauften Lagerhalle keinen großen Bogen. Grundlegende Fragen des Menschseins und massive Missstände, wie die wachsende soziale Ungleichheit, wurden von dem sprachmächtigen Kabarettisten gekonnt in Beziehung gesetzt.

„Das beste haben wir bereits hinter uns“ laute das Grundgefühl unserer Gesellschaft, wobei die Rede vom „Land, in dem wir gut und gerne leben“, da doch eher nach Hospiz klinge. Diese Drastik nimmt man Sieber, der sich seit 2015 auch als Botschafter des Vereins „Kultur für alle Osnabrück“ (KAOS e.V.) engagiert, nicht übel, im Gegenteil. Davon, dass es ihm ein ernsthaftes Anliegen ist, seinen Finger in diverse gesellschaftliche Wunden zu legen und Unrecht klar beim Namen zu nennen, konnte sich das Publikum schnell überzeugen. Ein erhobener Zeigefinger ist seine Sache allerdings nicht. Siebers kluge Selbstreflexionen und seine gelegentlich eingestandene Ratlosigkeit erwiesen sich da als weitaus bessere Tugenden.

„Hoffnungslos optimistisch“ lautet der Titel des Programms, welcher nicht nur bei der Beschreibung digitaler Zukunftsszenarien Passung bewies. Kühlschrank und Herd führen bei Sieber kafkaeske Zwiegespräche, digitale Algorythmen diktieren durch den zunehmend unmündiger machenden Alltag. Mit seinen sprachlich und mimisch brillanten Zuspitzungen legte er das Groteske der technischen Entwicklungen offen – urkomisch und traurig zugleich. Diese Gleichzeitigkeit, fern von jedem Zynismus, zeichnet den Kabarettisten wie kaum einen anderen seiner Kollegenaus.

Grandios auch seine Verballhornung von neoliberalem Business-Sprech bei der imaginären Betriebsversammlung einer schwäbischen Bäckerei. Da wurde der „Break-even-Point im Cash-Flow beim Business to Business“ nur noch durch den Whistleblower in der Backstube übertroffen. Bitterböse auch seine Rolle als selbstmitleidiger Millionär, der sich seines Charity-Engagements a là „Scampis für Afrika“ rühmte.Nach dem treffenden Abgesang auf die kreativitätsfeindliche Bildungsrepublik schlug er wieder den Bogen zum großen Ganzen und konstatierte das Einbiegen des Kapitalismus auf die demokratiefeindliche Zielgerade. Der „von oben gewollten, manipulierbar machenden Armut“ schleuderte er am Ende ein aufmunterndes „Wir sind die Antwort“ entgegen.