Rahmenbedingungen zu schlecht Osnabrücker Hebammenpraxis Kugelrund kündigt Schließung an

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Die drei Hebammen Dörte de Jesus Pêga, Katrin Wesselmann und Sabine Tieke von der Hebammenpraxis Kugelrund. Foto: Swaantje HehmannDie drei Hebammen Dörte de Jesus Pêga, Katrin Wesselmann und Sabine Tieke von der Hebammenpraxis Kugelrund. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Seit fast 15 Jahren betreut die Hebammenpraxis Kugelrund werdende und junge Mütter in Osnabrück. Nun kündigt sie ihre Schließung an. Der Grund liegt nicht in mangelnder Nachfrage, sondern an den Berufsumständen, unter denen Hebammen deutschlandweit arbeiten müssen.

Zehn Jahre lang war die Hebammenpraxis Kugelrund im MediPark genannten Ärztehaus an der Parkstraße in der Osnabrücker Wüste beheimatet. Nun befindet sich dort eine Psychologische Praxis. Die Hebammen hingegen arbeiten aktuell in einer kleineren Räumlichkeit an der Rheiner Landstraße. Doch auch das nicht mehr lange: Ende Mai 2018 schließt Kugelrund ihre Pforten endgültig.

Gegründet wurde die Praxis am 1. Oktober 2003, damals noch am Riedenbach, seit 2006 sind Dörte de Jesus Pêga, Katrin Wesselmann und Sabine Tieke die Teilhaber. „Im Oktober 2007 zogen wir dann in den Medipark um, doch nach zehn Jahren lief der Mietvertrag aus. Statt ihn zu verlängern, sind wir mit der Praxis an einen günstigeren Ort gezogen“, so Wesselmann.

Entscheidung getroffen

Die drei Frauen sind traurig, denn „Kugelrund war quasi unser Baby und hier haben wir mehr als 3500 Babys und ihre Mütter betreut“, sagt Wesselmann. Andererseits sind sie froh, dass sie endlich eine Entscheidung getroffen haben.

Denn rund lief es schon länger nicht mehr – und das lag nicht an der Nachfrage nach Hebammen in und um Osnabrück. „Im Gegenteil! Die Nachfrage ist sehr groß, teilweise melden sich bei uns Frauen, direkt nachdem sie den Schwangerschaftstest gemacht haben, weil sie sonst keine betreuende Hebamme bekommen“, berichtet Wesselmann. Wenn es nur danach ginge, könnte die Praxis noch Jahre weiter bestehen.

Kostendeckend arbeiten fast unmöglich

Doch es geht eben nicht nur darum, sagt de Jesus Pêga: „Es sind die Rahmenbedingungen, die es uns von Jahr zu Jahr schwieriger gemacht haben.“ Denn in den Jahren seit der Praxisgründung hat sich viel verändert – und das nicht zum Guten, finden die drei Hebammen: Von 2002 bis 2017 haben sich beispielsweise die Haftpflichtversicherungsprämien mehr als verzehnfacht.

Besonders hart trifft dies Hebammen, die Geburten betreuen; also Hausgeburten oder als Beleghebammen Geburten in Krankenhäusern, in denen die Hebammen nicht angestellt sind. Sie müssen mit 8000 Euro Haftpflichtversicherung im Jahr rechnen. (Weiterlesen: Hebammenmangel: Wie gut sind die Geburtsstationen unserer Region besetzt?)

Die im Team organisierten aber freiberuflich arbeitenden Hebammen bei Kugelrund betreuen keine Geburten, sondern Frauen rund um die Geburt. Trotzdem haben die drei Praxisgründerinnen ein „schweres Paket zu tragen“, nämlich rund 1400 Euro pro Hebamme. Diesen Betrag müssen die drei pro Monat zahlen – egal, ob sie 50 Stunden oder 20 Stunden arbeiten. „Das beinhaltet Haftpflichtversicherung, Rentenversicherung, Krankenversicherung, Miete, Nebenkosten und die Fortbildungen, die Hebammen absolvieren müssen“, sagt Dörte de Jesus Pêga. Sie selbst berichtet von Monaten, die sie für plus-minus null gearbeitet hat.

Mehr – unbezahlte – Bürokratie

Ohne Haftpflicht dürfen freiberufliche Hebammen nicht arbeiten. „Das ist auch richtig so, nur dass die Kosten eben sehr hoch sind – und die Versicherung immer nur für ein Jahr abgeschlossen werden kann und wir nicht wissen. ob wir ein Jahr später noch versichert sein werden, macht es uns nicht leicht“, findet Wesselmann.

Darüber hinaus verlangen Krankenkassen heute viel von Hebammen: „Neben der Dokumentation sind nun auch ein Qualitätsmanagement notwendig, um weiterhin mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Das sind ja alles Dinge, die man nicht bezahlt kriegt und bei denen man stundenlang am Schreibtisch sitzt und nichts davon hat“, so Wesselmann. Frustrierend sei dies, so die drei Frauen unisono.

Nach dem Umzug der Entschluss, aufzuhören

Besonders, wenn sich die Lebenssituation ändere: „2016 haben aus dem Team der Praxis von neun Kolleginnen sieben Kinder gekriegt. Einige, wie auch wir Gründerinnen, haben deshalb ihre Stunden reduziert. Doch das Kostenpaket bleibt ja gleich“, so de Jesus Pêga. Zudem werde es „immer schwieriger, neue Kolleginnen zu finden, da es zum einen nicht mehr genug Hebammen gibt, und zudem viele Hebammen nicht mehr unter diesen Umständen arbeiten wollen“, so Tieke. (Weiterlesen: Deutlich zu wenig Familienhebammen im Kreis Osnabrück)

Noch bis Ende Mai wird die Hebammenpraxis Kugelrund in der Rheiner Landstraße bestehen. Foto: Swaantje Hehmann

Der Umzug des kleineren Teams in die Rheiner Landstraße war ein Versuch, Kosten zu sparen. „Aber wir haben nach einigen Monaten gemerkt, dass wir selbst nicht unter diesen Bedingungen arbeiten wollen. Es stimmt einfach nicht mehr“, sagt Wesselmann. Alle schwangeren Frauen, die bis dato angemeldet waren, werden nun noch bis zur Schließung betreut.

Und dann? „Mein Herz hängt an der Hebammmerei“, sagt Sabine Tieke. Sie und Katrin Wesselmann werden voraussichtlich weiter als Hebammen arbeiten – allerdings ohne zu organisierende Praxis im Hintergrund. Dörte de Jesus Pêga Tage als Hebamme sind jedoch gezählt: Sie will studieren.

Osnabrück „einigermaßen gut versorgt“

Doch wie ist die Versorgungslage in Osnabrück? Nachgefragt bei Petra Köhler von der Hebammenzentrale Osnabrück, einem ehrenamtlichen Verein, der Frauen aus der Region Hebammen vermittelt. Köhler, selbst Hebamme, sieht durch die baldige Schließung der Hebammenpraxis keinen unmittelbaren Versorgungsnotstand auf die werdenden Mütter in Osnabrück zukommen: „In der Stadt sind wir noch einigermaßen gut versorgt. Zu Engpässen kann es aber in den Urlaubszeiten oder um Festtage wie Ostern und Weihnachten kommen.“

Auch Köhler weiß um die Probleme, die ihr Berufsstand heute hat: „Wenn man 50 bis 60 Stunden die Woche arbeitet, kann man als freiberufliche Hebamme gut über die Runden kommen. Aber wer will das schon?“ Dörte de Jesus Pêga will es jedenfalls nicht mehr.


Hebammen in Deutschland

Hebamme gilt als einer der ältesten Frauenberufe. Arbeitet ein Mann in dem Berufsstand, wird er in Deutschland „Entbindungspfleger“ genannt. Laut Hebammengesetz kann eine Hebamme eine normal verlaufende Geburt alleine leiten. Ein Arzt dagegen darf eine Frau nur in Notfällen ohne eine Hebamme entbinden. Diese Hinzuziehungspflicht gibt es nur in Deutschland. Sie gilt übrigens auch bei einem Kaiserschnitt.

Jede Schwangere, Gebärende, entbundene oder stillende Frau kann in Deutschland Hebammenhilfe in Anspruch nehmen. Die Kosten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen. Privatversicherte müssen sich über ihre Leistungsansprüche bei ihrer Krankenkasse informieren.

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