Falsch kalkuliert? Studentenwerk patzt bei Wohnheimprojekt in Osnabrück

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Das Grundstück an der Ecke Albert-Einstein-Straße und Friedrich-Janssen-Straße im Wissenschaftspark Osnabrück, wo ein Studentenwohnheim entstehen soll . Foto: hinDas Grundstück an der Ecke Albert-Einstein-Straße und Friedrich-Janssen-Straße im Wissenschaftspark Osnabrück, wo ein Studentenwohnheim entstehen soll . Foto: hin

Osnabrück. Das Studentenwerk Osnabrück hat sich offenbar schwer verrechnet und zieht sich vom Bau des „Albert-Einstein-Studentenwohnheims“ im Wissenschaftspark sofort zurück. Das beschloss der Verwaltungsrat des Studentenwerks am Freitag. Es war offenbar eine Krisensitzung.

Der Entwurf ist fertig, das Baufeld vorbereitet, die Einladungen zum ersten Spatenstich am 19. März sind vor ein paar Tagen verschickt worden. Alles Makulatur. Wann und wie das Wohnheim gebaut wird, ist zur Stunde offen. Damit müssen sich wahrscheinlich Juristen auseinandersetzen. Denkbar ist, dass ein unterlegener Bieter zum Zuge kommt. Sicher ist, dass sich der Bau der dringend benötigten Studentenwohnungen um etliche Monate verzögern wird.

Hitzige Debatten

Das studentische Wohnprojekt in einer der besten Lagen Osnabrücks steht unter keinem guten Stern. Seit fast fünf Jahren wird daran gebastelt, mehrfach war es Gegenstand hitziger politischer Debatten in der Stadt, nachdem die frühere rot-grüne Ratsmehrheit 2014 versucht hatte, das Grundstück an der neuen Albert-Einstein-Straße dem Studentenwerk preisgünstig für den Bau eines Studentenwohnheims in den Schoß zu legen.

Auf Drängen der CDU und von Oberbürgermeister Wolfgang Griesert stoppte der Rat die Direktvergabe und leitete ein Ausschreibungsverfahren mit einem fein ausgeklügelten Punktesystem ein. Den Zuschlag bekam das Studentenwerk, auf Platz zwei landete nach Informationen unserer Redaktion das Stephanswerk.

Den Ausschlag für das Studentenwerk gab die konkurrenzlos niedrige Kaltmiete von 5,30 Euro pro Quadratmeter, die die Studenten dereinst bezahlen sollten. Zur Einordnung: In der Ausschreibung war ein Höchstpreis von 8,50 Euro festgelegt worden.

Nachträglich stellte das Studentenwerk fest, dass das Wohnheim mit dem niedrigen Mietpreis nicht wirtschaftlich zu betreiben ist und erhöhte auf 6,84 Euro. „Die mit der OBG vertraglich geregelte Nettokaltmiete kann aus Sicht des Studentenwerks Osnabrück aufgrund von konjunkturbedingten Preissteigerungen sowie unvorhersehbaren Kosten nicht gehalten werden“, heißt es in einer am Freitagnachmittag verbreiteten Pressemitteilung des Studentenwerks. Die Osnabrücker Beteiligungs- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH (OBG) ist über eine weitere Gesellschaft Eigentümerin des 3500 Quadratmeter großen Grundstücks im Wissenschaftspark.

Die OBG hatte das Studentenwerk zuvor in einem Schreiben zur Einhaltung des ursprünglichen Angebotes aufgefordert. OBG-Geschäftsführer Thomas Fillep setzte dem Stundentenwerk Fristen: Es möge bis zum 1. März erklären, dass es sich an das Angebot mit der Kaltmiete von 5,30 Euro halte, oder bis zum 6. März die Rückübertragung des Grundstücks einleiten. Hätte das Studentenwerk an der höheren Miete festgehalten, hätte die Stadt möglicherweise eine Vertragsstrafe in siebenstelliger Höhe geltend machen können.

Das Studentenwerk hatte argumentiert, das Mietangebot von 5,30 Euro habe unverbindlichen Charakter gehabt. Eine juristische Prüfung habe ergeben, dass diese „notwendige Anhebung rechtskonform“ gewesen wäre, teilte das Studentenwerk mit – zog am Freitag aber trotzdem den Stecker. Denn: „Preiswerter Wohnraum für die Studierenden wird in Osnabrück dringend benötigt“, so wird der Vorsitzende des Verwaltungsrates und Präsident der Universität Osnabrück, Wolfgang Lücke, in der Mitteilung zitiert. „Einem zügigen Baubeginn durch einen anderen Investor soll nichts entgegenstehen.“ Der Verwaltungsrat halte einen „langwierigen Rechtsstreit mit unbekanntem Ausgang auch im Sinne der Studierenden für nicht zielführend“.

Das Studentenwerk hat für das 3500 Quadratmeter große Grundstück nach Informationen unserer Redaktion 945000 Euro bezahlt. Das Stephanswerk, im Bieterverfahren knapp unterlegen, war bereit knapp 1,35 Millionen Euro an die städtische Holdinggesellschaft zu zahlen. Durch den Verkauf an das Studentenwerk hat die Stadt also auf rund 400000 Euro verzichtet. Den Nutzen hätten die Studierenden durch die deutlich niedrigere Miete gehabt. Die Ausschreibung hatte als Untergrenze einen Preis von 560000 Euro gesetzt, das entspricht 160 Euro pro Quadratmeter.

Der Rückzug kurz vor Baubeginn beschert dem Studentenwerk einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden. Es bleibt auf den Kosten für Planer und Architekten sitzen. Das Baugrundstück ist bereits eingezäunt, das beauftragte Unternehmen hat schon Werbebanner aufgehängt.

Schon 2012 hatte die damalige Geschäftsführerin des Studentenwerks, Birgit Bornemann, den Bau eines Wohnheims am Westerberg ins Spiel gebracht. Erst 2014 kam Bewegung in die Sache. Die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat wollte dem Studentenwerk das Grundstück im Wissenschaftspark ohne Ausschreibung für 120 Euro pro Quadratmeter andienen. Politischer Widerstand und rechtliche Bedenken stoppten die Ratsmehrheit und führten zum Ausschreibungsverfahren, das das Studentenwerk gewann.


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