Erstmals Warteliste für Wohnheim Zahl der Obdachlosen in Osnabrück steigt

Von Sandra Dorn


Osnabrück. Immer mehr Menschen in Osnabrück haben kein Dach über dem Kopf. Die gestiegene Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen hängt mit der derzeitigen Situation auf dem Wohnungsmarkt zusammen, die die Stadtverwaltung als „prekär“ bezeichnet.

Auch den Mitarbeitern des katholischen Vereins für soziale Dienste (SKM) bereitet die Entwicklung Sorgen. Der SKM ist in Osnabrück zuständig für die Wohnungslosenhilfe. „Wir haben steigende Zahlen, die wir eigentlich nicht wollen“, sagt SKM-Geschäftsführer Michael Strob. Seit 29 Jahren arbeitet sein Kollege Heinz Hermann Flint in der ambulanten Wohnungslosenhilfe. „In den letzten Jahren kommen auch Leute zu uns, die früher im unteren Segment immer noch eine Wohnung gefunden haben“, sagt er.

Dem SKM sind namentlich zurzeit etwa 30 Menschen bekannt die „Platte machen“, also tatsächlich auf der Straße leben und in Garten- oder Abbruchhäusern schlafen. Im November 2015 waren es noch elf, im November 2016 waren es 20.

Anstieg von 113 auf 175 in zwei Jahren

Die meisten übrigen Wohnungslosen kommen bei Freunden, Bekannten oder Verwandten unter und schlagen sich irgendwie durch. Doch auch deren Zahl ist gestiegen. Im November 2015 waren dem SKM insgesamt 113 Menschen ohne mietvertraglich abgesicherte Wohnung bekannt, im 2016 waren es 148 und 2017 bereits 175 – diejenigen, die „Platte machen“, sind jeweils eingerechnet. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Hinzu kommen die 42 Bewohner des Laurentiushauses, der stationären Einrichtung des SKM. Das Wohnheim ist nicht nur voll belegt – zurzeit stehen auch noch zwei Frauen und fünf Männer auf der Warteliste, sagt Hausleiter Ferdinand Flohre. „Wartelisten hatten wir früher nicht“, sagt Strob. Luxus erwartet die Wohnungslosen im Laurentiushaus nicht. In Wohngruppen bekommen sie für maximal zwei Jahre ein eigenes kleines Zimmer, das mit dem Nötigsten und einem Waschbecken ausgestattet ist; Bad, WC und Küchenzeile teilen sie sich mit mehreren anderen.

Alle Plätze belegt

Im ambulanten Bereich bietet der SKM außerdem 35 Plätze in 25 Wohnungen an, die den Bewohnern etwas mehr Eigenständigkeit als in den Wohngruppen bieten. Regelmäßig schauen dort Sozialarbeiter nach dem Rechten. Auch diese 35 Plätze sind alle belegt.

Der SKM versucht, die Menschen mit diesen Angeboten nach einer Zeit der Obdachlosigkeit wieder auf das Leben in einer eigenen Wohnung vorzubereiten. „Sie sollen wieder Boden unter den Füßen bekommen – sofern sie noch stehen können“, erläutert SKM-Geschäftsführer Strob. „Das muss man so drastisch sagen.“ Das Problem: Wenn sie so weit sind, wieder eine eigene Wohnung zu mieten, haben sie derzeit so gut wie keine Chance, eine zu finden. (Weiterlesen: Unten Obdachlose, oben Mietwohnungen: Stephanswerk baut in Osnabrück)

Ein Viertel der Laurentiushaus-Bewohner sei auf der Suche, sagt Hausleiter Ferdinand Flohre.

Auch die Anzahl der Obdachlosen, die die drei städtischen Notunterkünfte nutzen, ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Der Jahresdurchschnitt lag nach Angaben der Stadtverwaltung 2015 bei rund 25 Menschen, 2016 bei 33 und 2017 bei 35,5. Bis Mitte des Jahres muss die Stadt die Unterkunft in der Buerschen Straße mit 42 Plätzen räumen, da das verwohnte Haus abgerissen werden soll. Zurzeit sucht die Verwaltung nach einer Alternative.

„Warme Platte“

Damit in der kalten Jahreszeit niemand nachts auf der Straße erfrieren muss, gibt es zusätzlich zu sechs Übernachtungsplätzen im Laurentiushaus in Osnabrück noch die ehrenamtlich und mithilfe von Spendengeldern organisierte „warme Platte“, wo Obdachlose die Nacht verbringen können.

Die Grünen im Osnabrücker Rat hatten die Obdach- und Wohnungslosenzahlen erfragt. Im November 2017 hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe eine aktuelle Schätzung zur Menge der wohnungslosen Menschen in Deutschland veröffentlicht. Demnach sollen 2016 etwa 860000 Menschen ohne Wohnung gewesen sein, die Hälfte davon Flüchtlinge. Die BAG erwartet bis Ende 2018 einen weiteren Anstieg um 40 Prozent. Die Zahlen sind jedoch umstritten, da es sich erstens um eine Schätzung handelt und die BAG zweitens Flüchtlinge mitzählt, die keine eigene Mietwohnung haben, aber in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Wie sich die Zahlen in Osnabrück entwickeln werden, dazu gibt die Stadt keine Prognose ab. Der SKM sucht jedoch weiter händeringend Wohnungen, am liebsten Ein-Zimmer-Appartments, so Strob.