Interview vor seiner Lesung Guido Knopp über sein neues Buch und Angela Merkel

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Osnabrück Der Historiker und Journalist Guido Knopp hat von 1984 bis 2013 die ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“ verantwortet und mit zahlreichen Dokus wie der „Verdammte Krieg“, „Hitlers Helfer“, „Die Deutschen“ oder mit dem TV-Format „History“ ein Millionenpublikum für Geschichtsthemen gewonnen. Im Interview spricht er über sein Engagement für Zeitgeschichte, über sein jüngstes Buch „Meine Geschichte“ und die Kanzlerschaft von Angela Merkel.

Herr Knopp, wie oft haben Sie schon aus Ihrem neuen Buch gelesen und wie kam es beim Publikum an?

Ich habe sieben oder acht Lesungen abgehalten, einige in Bayern und Baden-Württemberg, danach in Quedlingburg, Halle an der Saale und Bad Sachsa im Harz. Ich habe dafür vor allem Anekdoten mit einem prägnanten Ende herausgesucht. Es macht mir ungeheuer Freude, das vorzutragen – und die Leute lachen viel. Die Möglichkeit des Lachens ist ja bei meinen sonstigen historischen Themen eher überschaubar. „Meine Geschichte ist nun für mich mein schönstes Buch, weil es mein persönlichstes ist.

Gibt es bei den Lesungen noch Fragen um die massive Kritik mit dem Tenor Histotainment, die an Ihren früheren Geschichtsdokumentationen wie „Hitlers Helfer“ geübt wurde?

Das interessiert keinen mehr. Das sind Fragen von vor 15, 20 Jahren und beim Publikum heute kein Thema.

Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung, dass Aufklärung Reichweite braucht? Dass der Einstieg über die warme Erinnerung, wie Sie es nennen, leichter fällt und damit das Interesse für die eher kalte, trockene Geschichte wecken kann?

Aufklärung mit Reichweite ist für mich deshalb wichtig gewesen, weil ich in den Jahren 1996/97 den Primetime-Termin für 20.15 Uhr bekommen habe. Das bedeutete enorme Verantwortung, weil die anderen Sender um diese Zeit üblicherweise Unterhaltung bringen, Spielfilme und Spielserien. Wenn man TV-Dokus erarbeitet, muss man schon etwas Besonderes bieten. Aufklärung ist natürlich immer die Basis von allem. Reichweite heißt, dass man nicht nur den Professor, der schon alles weiß, sondern auch den Arbeiter, der abends müde nach Hause kommt, erreichen will. Der durch die Art des Gebotenen so gefesselt wird, dass er dabei bleibt. Dann hat Information eine Chance.

Welche Erfahrungen liegen Ihrer Einsicht zugrunde, dass die emotionalen Zugänge auch das Interesse für Sperrigeres zu wecken?

Wenn ich mal das Thema Flucht und Vertreibung nehme, das bei 14 Millionen Vertriebenen enorm viele Deutsche angeht, dann hat fast Jeder in seiner Familie oder seinem Freundeskreis Bekanntschaften mit Vertriebenen gemacht. In deren Erzählungen ist Geschichte gut nachvollziehbar. Ich habe immer gerne die Erzählungen von Menschen mit dem historischen Material kombiniert, das Sachverhalte erklärt. Memory und History ergeben zusammen ein Ganzes. Es gibt sogar wissenschaftliche Studien, die belegen: Das was von Geschichtssendungen, aktuellen Dokumentationen oder Nachrichten bleibt, ist nur die Erinnerung an die Emotion, die man beim Betrachten empfunden hat.

Haben Sie Erkenntnisse oder Erhebungen darüber, inwieweit Ihre Sendungen die Geschichtskenntnisse Ihrer Zuschauer verbessert haben?

Es gab beim ZDF in den 90er oder Nuller Jahren, als ich dort aktiv war, schon Publikumserhebungen und Umfragen, die in diese Richtung verweisen. Es gibt auch viele Leute, die mir jetzt erzählen, welcher Sinn für Geschichte bei ihnen durch meine Sendungen geweckt wurde, anders als hier und da in ihrer Schulzeit.

Sie haben nicht nur Zeitgeschichte im Fernsehen verantwortet. Welche Projekte sind Ihnen am wichtigsten?

Es ist eine ganze Reihe. Was ich in meiner Frühzeit beim ZDF für bedeutsam halte, ist die große Serie „Der verdammte Krieg“, gemeint war der Zweite Weltkrieg. Ich habe sie gemeinsam mit dem russischen Fernsehen erarbeitet und in 18 Folgen gesendet. Man muss sich das einmal vorstellen: Für das deutsche und sowjetische Publikum zur gleichen Zeit von Aachen bis Wladiwostok die gleichen Kommentare und gleichen Bilder zum schlimmsten Kapitel der gemeinsamen Geschichte: Das war wirklich ein Politikum und darauf bin ich heute auch ein bisschen stolz. Ich glaube, das wäre heute gar nicht mehr möglich. Es war dieser enge Zeitkorridor Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre, in dem fast ein romantisches Verhältnis zwischen Deutschen und Russen gab. Das machte nicht nur gemeinsame Dokus möglich, sondern auch gemeinsame, live gesendete Diskussionen.

Apropos Zeitkorridor, Sie erläutern in „Meine Geschichte“ auch eindrucksvoll, warum das Zeitfenster für die deutsche Wiedervereinigung nur sehr knapp war.

Die Tür zur Einheit stand nur einen Spalt breit offen und nur kurze Zeit. Wir wissen ja heute, dass es schon im Sommer 1990 einen sehr ernsten Putschplan in der Sowjetunion gegeben hat. Der ist dann 1991 durchgeführt worden. Wenn der schon 1990 über die Bühne gegangen wäre, hätten wir die Wiedervereinigung vergessen können, denn die war im Zentralkomitee der KPDSU sehr umstritten. Die einzigen, die für die Wiedervereinigung plädierten und sie durchgesetzt haben, waren Michail Gorbatschow und sein Außenminister Eduard Schewardnadse. Schon der Gorbatschow-Berater Valentin Falin wollte sie nicht und wenn doch, dann hätte die Bundesrepublik möglichst viel Geld dafür zahlen sollen. Dass uns das Ganze nur ungefähr 15 Milliarden DM gekostet hat, die wir direkt an die Sowjetunion gezahlt haben, ist ein kleines Wunder des Jahres 1990. Ich habe Helmut Kohl 2014 in seinem Haus in Oggersheim gefragt: ‚Hätten Sie notfalls statt 15 Milliarden auch 100 oder gar 150 Milliarden für die deutsche Einheit bezahlt?‘ Seine Antwort: ‚Ja, das hätte ich‘. Das war der große Moment, in dem er in die Geschichte eintreten konnte und seitdem ist er der große Einheitskanzler.

Sie sehen neben Helmut Kohl auch Konrad Adenauer und Willy Brandt als die großen Kanzler der Bundesrepublik?

Ja, Adenauer wegen der Westintegration und Brandt wegen seiner Ostpolitik. Beides zusammen hat Vertrauen erweckt, das war wichtig nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf dieses Vertrauen konnten Kohl und Genscher bei der Wiedervereinigung aufbauen. Zwei Männer, die mit ihrer ganzen Statur und Art Vertrauen erweckt haben: Kohl als Typus des pfälzischen Hausvaters und Genscher, der Mann mit dem gelben Pullover als personifizierte Vertrauensbildungsmaßnahme (Knopp lacht). Helmut Schmidt mag vielleicht der Tüchtigste von allen gewesen sein, aber die Geschichte hat ihm nicht die Chance auf diesen großen historischen Moment gegeben. Das ist vielleicht seine Tragik.

Angela Merkel zählen Sie nicht zu den großen Kanzlern. Was müsste denn passieren, vielleicht erst in vielen Jahren, dass sie doch die Chance dazu bekäme? Denn im September 2015 hat sie sich mit „Wir schaffen das“ möglicherweise historisch Großes gedacht, ohne es allerdings zu benennen.

Sie hat das Ganze nicht ermessen können. Denn die Grenzöffnung ist ja entgegen den Bestrebungen und Absichten aller anderen europäischen Regierungen entstanden. Die waren entsetzt über das, was da geschehen war. Wir versuchen, das Ganze nun zu kanalisieren, möglichst in Übereinstimmung mit den europäischen Partnern. Aber die sind untereinander selbst zerstritten und uneinig. Ich sage: Das wird sehr schwierig, auch weil darum geht, ob Europa zusammenbleibt oder zerfällt. Da Angela Merkel, glaube ich, es nicht schafft, Europa zusammenzuhalten, ist sie für mich bis dato auch keine große Kanzlerin.


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