Sich vom Kind an die Hand nehmen lassen Sozialdienst katholischer Frauen Osnabrück sucht Pflegefamilien

Von Kerstin Balks

In der „sozialen Familie“ finden Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch und Kinder, die aus ihrer leiblichen Familie herausgenommen werden mussten, zueinander. Foto: Andreas Gebert/dpaIn der „sozialen Familie“ finden Eltern mit unerfülltem Kinderwunsch und Kinder, die aus ihrer leiblichen Familie herausgenommen werden mussten, zueinander. Foto: Andreas Gebert/dpa

Osnabrück. Mehr als 200 Kinder im Landkreis Osnabrück befinden sich derzeit in Vollzeitpflege bei einer Pflegefamilie. Und der Bedarf an Pflegeplätzen wächst. Deshalb wirbt der Sozialdienst katholischer Frauen für die Herausforderung „soziale Familie“.

Ein Kind in eine andere Familie abzugeben, erfolgt meist nicht freiwillig, sondern auf Anordnung des Jugendamtes – und meist auch erst dann, wenn ambulante Erziehungshilfen nicht mehr ausreichen, um das Kindeswohl zu gewährleisten. „Wenn das Kind physisch und/oder psychisch dauerhaft nicht zu seinem Recht kommt, ist an eine Vollzeitpflege zu denken“, sagt Martina Menkhaus vom Adoptions- und Pflegekinderdienst des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), der im Auftrag des Landkreises Osnabrück die Vermittlung betroffener Kinder in Pflegefamilien übernimmt.

Und mehr als das: Der SkF bereitet interessierte Eltern auf die Aufnahme eines Pflegekindes vor, er schult sie, er begleitet die neu entstandene „soziale Familie“ und ist Ansprechpartner – häufig bis zur Volljährigkeit des Kindes oder gar darüber hinaus. Denn die Pflegschaft für ein Kind kann zwar zeitlich befristet angelegt sein, in den meisten Fällen leben die Kinder aber bis zum 18. Lebensjahr oder aufgrund einer Ausbildung auch länger bei ihren Pflegeeltern.

„Kein Ersatz für leibliches Kind“

Eine Pflegschaft in Betracht ziehen meist jene Paare, deren Kinderwunsch unerfüllt blieb. Gleichwohl sollten sie bei der Entscheidung für ein Pflegekind ihre eigene Kinderlosigkeit verarbeitet haben, denn ein Pflegekind könne kein Ersatz für ein leibliches Kind sein, darauf weist SkF-Mitarbeiterin Katrin Schmedt hin. „Es handelt sich schlichtweg um eine andere Lebensform“, ergänzt ihre Kollegin Martina Menkhaus. Interessierten Eltern empfiehlt Anke Dreyer-Pranger, SkF-Bereichsleiterin, den Besuch eines Infoabends, wie er wieder Anfang März stattfindet.

Wer sich von der Möglichkeit einer Pflegschaft angesprochen fühlt, erhält einen Bewerberbogen, der den SkF-Mitarbeitern eine erste Einschätzung von Eignung und Motivation erlaubt, aber auch den Bewerbern selbst die Möglichkeit zur Selbstreflexion gibt. Ein Vorbereitungsseminar gibt den Eltern pädagogisches Rüstzeug an die Hand und informiert über rechtliche Rahmenbedingungen. Auch der Erfahrungsaustausch mit anderen Pflegeeltern wird von SkF unterstützt. Wer innerhalb der Vorbereitung feststellt, dass er sich die herausfordernde Aufgabe nicht zutraut, kann davon zurücktreten, denn „besser ein zeitiges Nein, als ein halbherziges Ja“, sagt Martina Menkhaus.

„Wunderschöne Lebensform“

Schließlich handele es sich um Kinder die nicht selten Opfer von Trennung, von Vernachlässigung oder gar Misshandlung geworden seien und die eine absolut verlässliche Betreuung bräuchten. Deshalb sollten die angehenden Eltern auch bestimmte Eigenschaften mitbringen: Sie sollten offen, tolerant, belastbar, kritikfähig und humorvoll sein – kurzum: „Sie sollten sich am besten vom Kind an die Hand nehmen lassen.“ Es erwarte sie kein Ersatz für ein eigenes Kind, aber „eine wunderschöne Lebensform“, so Katrin Schmedt. Und eine dankbare Aufgabe, bei der man aber umgekehrt keinen Anspruch auf Dankbarkeit habe, „denn es handelt sich ja um eine Entscheidung, die die Pflegeeltern treffen, und nicht das Pflegekind.“ Anke Dreyer-Pranger ergänzt: „Unsere Aufgabe ist es, Pflegeeltern für das Kind zu suchen – und nicht etwa ein Pflegekind für die Eltern.“

So sieht es auch Elke Albers*. Ihr Pflegesohn Manuel* war acht Monate alt, als sie und ihr Mann Stefan* ihn zu sich nehmen konnten. Nach langem unerfülltem Kinderwunsch hatten sie sich vor 16 Jahren entschlossen, eine Pflegschaft zu übernehmen. „Der Tag, an dem wir Manuel kennenlernten, war der schönste Tag in meinem Leben“, sagt Elke Albers noch heute. Zu dem Zeitpunkt lebte der Junge im Heim, wo Ehepaar Albers ihn täglich besuchte, ihn fütterte und wickelte, Zeit mit ihm verbrachte und so eine innige Beziehung zu ihm aufbaute. Eine Beziehung, die so gut lief (und noch immer läuft), dass sie und ihr Mann sich sehr bald vorstellen konnten, ein weiteres Kind in Pflege zu nehmen, und so stieß nach wenigen Jahren die kleine Bianca* zu ihnen. Auch für sie wurden Elke und Stefan Albers als Pflegeeltern über SkF vermittelt, allerdings musste bei dem Mädchen zum Wohle des Kindes alles ganz schnell gehen, wie Elke Albers berichtet.

„Andere Probleme“

In dem Ort, in dem Albers‘ wohnen, wissen die Meisten, dass Manuel und Bianca nicht ihre leiblichen Kinder sind, und gehen ganz selbstverständlich damit um. Dennoch blieb es nicht aus, dass andere Kinder im Kindergarten oder in der Grundschule Bemerkungen machten. „Das sind ja gar nicht deine echten Eltern“, habe ein Kind einmal zu Manuel gesagt, worauf dieser ganz schlagfertig erwidert habe: „Wohl, aber ich habe sogar zweimal Eltern“, erinnert sich Elke Albers lachend. Es sei wichtig, mit der besonderen Situation offen umzugehen und die Fragen, die Pflegekinder selbstverständlich haben, kindgerecht und einfühlsam, aber auch plausibel zu beantworten.

Natürlich hätten die Kinder auch Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. Seine Wurzeln zu kennen, sei immer wichtig für die eigene Identität, schließlich trügen Pflegekinder ja auch einen anderen Familiennamen als ihre Pflegeeltern. Aber manchmal kämen Manuel oder Bianca auch aufgewühlt von den Treffen mit ihren leiblichen Eltern zurück nach Hause. „Dann denke ich schon mal: Wir Pflegeeltern haben schon noch andere Probleme als andere Eltern. Da ist es gut, dass wir Pflegeeltern uns von Zeit zu Zeit miteinander austauschen und von SkF gut begleitet werden“, berichtet sie. Ihr Rat für Paare, die an einer Pflegschaft interessiert sind: „Man sollte es entspannt angehen und keinen großen Wirbel von der Situation machen. Viele wollen unbedingt alles richtig machen, weil die Kinder ja schon viel durchgemacht haben. Besser ist es, sich Hilfe zu holen, etwa beim SkF – und die Elternschaft zu genießen!“

Info: Der nächste Infoabend für Eltern, die sich für eine Pflegschaft interessieren, findet am Donnerstag, 1. März, von 19.30 bis 21 Uhr in den Räumen des Adoptions- und Pflegekinderdienstes von SkF an der Kolpingstraße 5 in Osnabrück statt.

*Namen von der Redaktion geändert


1899 gründete die Zentrumspolitikerin Agnes Neuhaus den Verein vom Guten Hirten, um Frauen in Notsituationen Hilfe zukommen zu lassen. Der Verein, der später Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder hieß und sich seit 1968 Sozialdienst katholischer Frauen nennt, wurde in der Ausübung seiner Arbeit vom NS-Regime stark beschnitten, wenngleich die Vermittlung von Adoptiv- und Pflegekindern schon 1944 zu seinen Hauptaufgabengebieten im Raum Osnabrück gehörte. Der SkF ist heute ein Fachverband im Deutschen Caritasverband und gliedert sich in die in den Diözesen und Ländern gebildeten Zusammenschlüsse. Die 157 SkF-Ortsvereine sind in einem Gesamtverein zusammengeschlossen, Hauptsitz ist Dortmund. SkF zählt 9000 ordentliche und fördernden Mitglieder, 4.400 ehrenamtliche Mitarbeiter ohne Mitgliedschaft und 5000 Hauptberufliche. Seit Dezember 1977 ist die Adoptionsvermittlungsstelle des SkF Osnabrück staatlich anerkannt. 2010 hat sie für den Landkreis den Aufgabenbereich Vollzeitpflege übernommen. Zehn MitarbeiterInnen arbeiten seither insgesamt im Fachbereich Adoptions- und Pflegekinderdienst.