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Anwohner verzögern Evakuierung Doppel-Alarm in Osnabrück: Zwei Blindgänger an einem Tag entschärft

Von Claudia Sarrazin, Mark Otten und Hauke Petersen


Osnabrück. Überraschender Doppeleinsatz für die Bombenräumer in Osnabrück: Binnen weniger Stunden entschärften Sprengmeister Hans Mohr und sein Team am Montag zunächst einen relativ kleinen Blindgänger in der Gartlage, um sich danach einem größeren Sprengsatz in der ehemaligen Landwehrkaserne zu widmen. Der Einsatz in Atter dauerte bis in die Nacht – weil Anwohner sich sperrten.

Wie der Zufall manchmal so spielt: Die Kampfmittelbeseitiger aus Hannover waren gerade in der Stadt, um in der Kleingartenanlage unweit der Halle Gartlage eine – vergleichsweise kleine – 45-Kilo-Bombe aus dem Zeiten Weltkrieg zu entschärfen, als am Nachmittag die Meldung hereinkam, dass bei Bauarbeiten in der ehemaligen Kaserne an der Landwehrstraße ebenfalls ein Blindgänger im Boden entdeckt worden sei – ein englischer Fünf-Zentner-Sprengkörper. (Hier finden Sie den Liveticker zum Nachlesen.)

8.000 Menschen betroffen

„Es ist das erste Mal, dass wir nach einer Ad-Hoc-Lage gleich die zweite haben“, sagte Daniel Schmock vom THW. Nach getaner Arbeit in der Gartlage rückten die Einsatzkräfte von Polizei, THW und Feuerwehr nach Atter ab. 8.000 Menschen, die im Radius von einem Kilometer um den Fundort in der ehemaligen Kaserne leben, mussten ihre Wohnungen verlassen – 4.500 aus Lotte-Büren, 3.500 aus Osnabrück. Darunter auch viele Flüchtlinge, die in das Evakuierungszentrum im Schinkel gebracht wurden. Die Bewohner eines Seniorenheims hatten Glück: Sie konnten innerhalb ihrer Einrichtung auf die von der Bombe abgewandte Seite ziehen.

Geländewagen will Straßensperre überwinden

Wie bei einer unangekündigten Evakuierung nicht anders zu erwarten: Viele Anwohner wussten nichts von dem Bombenfund und waren wenig begeistert von der Nachricht, ihre Häuser verlassen zu müssen. Das verzögerte die Aktion deutlich. Alle mussten raus, und niemand kam hinein. Auch nicht der Fahrer eines Geländewagens, der versuchte, eine Straßensperre der Polizei zu überwinden.

Probleme hatten auch die Mitarbeiter von Feuerwehr und Polizei. Statt das Bürgertelefon zu kontaktieren, riefen viele die gemeinsame Leitstelle an und blockierten die Leitungen.

Zusätzliche Schwierigkeiten bereitete der Blindgänger selbst. So stand relativ schnell fest, dass an eine Entschärfung nicht zu denken war, da der Zünder wahrscheinlich beim Aufprall beschädigt wurde. Eine Sprengung stellte also die einzige Option dar. Deren Wucht sollten Wasserkissen bremsen, die die Feuerwehr über Hydranten befüllten.

Eine weitere Variable: Der Blindgänger lag in unmittelbarer Nähe zur Schienenstrecke Osnabrück-Rheine. Deshalb mussten die Streckenbetreiber bei der Wahl des Zeitpunkts der Sprengung miteinbezogen werden. Bis zur Feststellung der Sicherheit aber fuhren sowohl die Züge, als auch die Busse, die allerdings im Evakuierungsgebiet keine Passagiere mehr herausließen.

Im Einsatz waren mehr als 350 Männer und Frauen von Feuerwehr, THW, Rettungsdienst und Polizei. Wegen der Lage der Bombe an der Landesgrenze kamen sie aus Niedersachsen und NRW. Für sie wurde es genauso ein Geduldsspiel wie für Sprengmeister Mohr, der mit seinem Team vom Kampfmittelbeseitigungsdienst an der Bombe arbeitete.

Evakuierte schleichen sich in Wohnung zurück

Der zunächst von Stadtsprecher Gerhard Meyering ausgegebene Zeitplan, die Evakuierung bis 21.30 Uhr abgeschlossen zu haben, musste deutlich nach hinten korrigiert werden. Um 22.10 Uhr waren nach Meyerings Angaben erst 80 Prozent des Evakuierungsgebiets geräumt. 445 Menschen hielten sich im Evakuierungszentrum in Wersen und 202 im Evakuierungszentrum Schinkel 202 auf. Heikel: Einige evakuierte Anwohner hatten sich im Schutze der Dunkelheit wieder in ihre Wohnungen begeben. Das Ergebnis: Erst kurz vor Mitternacht war das gesamte Gebiet gesichert. Dann ging umso schneller und um kurz nach Mitternacht erfolgte die Sprengung mit einem lauten Knall.

Nach der Bombe ist vor der Bombe

Einige Stunden zuvor hatte Mohr in der Gartlage einen amerikanischen Sprengsatz aus dem Zeiten Weltkrieg unschädlich gemacht. Der Fund kam für die Experten nicht überraschend, denn das Stadtgebiet wird seit Jahren systematisch nach Hinterlassenschaften aus dem Krieg abgesucht. Schnell gehandelt werden musste, weil die Fliegerbombe nur gut einen halben Meter unter der Oberfläche ruhte. Der Blindgänger hatte einen mechanischen Aufschlagzünder, der relativ leicht entschärft werden kann.

Mittags deutete zunächst alles auf einen Routineeinsatz hin. Nur 232 Menschen waren von der Evakuierung betroffen. „Es ist ein relativ geringer Radius, und es sind nicht sehr viele Betroffene. Zudem befinden sich einige wohl auch nicht zuhause, da sie arbeiten“, sagte Jürgen Wiethäuper, Leiter des Ordnungsamtes. Die Aktion dauerte dann doch länger als gedacht. Denn es kostete Zeit, bis die Einsatzkräfte sicher sein konnten, dass sich in der unübersichtlichen Kleingartensiedlung keiner mehr aufhielt. Auch ein Hubschrauber kam dabei zum Einsatz. Einige Geschäfte an der Bremer Straße mussten vorübergehend schließen.

Den Zeitpunkt der Entschärfung gab die Bahn vor: Zwischen 15.40 Uhr und 16.20 Uhr wurden die Züge auf der Bahnlinie Hamburg-Münster angehalten. Um 16.16 Uhr gab der Sprengmeister Entwarnung. Die Bombe war entschärft. Diese Bombe...