Strafanzeige gegen Gutachter Osnabrücker kämpft seit fünf Jahren für einen Blindenhund

Von Cornelia Achenbach

Der Osnabrücker Hartmut Birkhan kämpft seit fünf Jahren um einen Blindenhund. Seine Frau Maria hat Jahre lang im Franziskushospital als Krankenschwester gearbeitet. Sie ist ebenfalls blind und zudem pflegebedürftig. Foto: Jörn MartensDer Osnabrücker Hartmut Birkhan kämpft seit fünf Jahren um einen Blindenhund. Seine Frau Maria hat Jahre lang im Franziskushospital als Krankenschwester gearbeitet. Sie ist ebenfalls blind und zudem pflegebedürftig. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. 2013 wird dem Osnabrücker Hartmut Birkhan von seinem Hausarzt ein Blindenführhund verordnet. Fünf Jahre später ringt der 81-Jährige immer noch mit seiner Krankenkasse, trotz einer Einigung vor dem Sozialgericht. Auf die Hilfe durch einen Blindenhund kann er immer noch nicht zählen.

Es gäbe vieles, über das Hartmut Birkhan verbittert sein könnte. Über eine missglückte Bauchoperation, nach der er in ein künstliches Koma versetzt werden musste. Darüber, dass die Laserbehandlung einer Zentralvenenthrombose im rechten Auge zu keinem Erfolg führte, das Auge nach einer Operation erblindete, schließlich auch das linke Augenlicht nicht zu retten war und darüber, dass er unter Schwerhörigkeit leidet. Er könnte verbittert darüber sein, dass seine Frau am Pick-Syndrom erkrankte, einer bestimmten Form von Demenz, und schließlich ebenfalls erblindete. Aber das, worüber Hartmut Birkhan an diesem Vormittag unbedingt reden will, das ist: ein Hund.

Erster Antrag wird ignoriert

2013 verordnete ihm sein Hausarzt einen Blindenführhund und beantragt die Kostenübernahme bei der DAK. „Es ist wirklich sehr selten, dass ich so etwas aufschreibe“, sagt der Osnabrücker Hausarzt, der namentlich nicht in diesem Artikel erscheinen will. „Ich denke, in meiner 22-jährigen Tätigkeit als Arzt war Herr Birkhan der erste Patient, dem ich einen Blindenführhund verschrieben habe.“

Die Kosten liegen bei rund 30.000 Euro. Hinzu kommen rund 1200 bis 1400 Euro pro Jahr für die Versorgung des Tieres.

Für den Antrag bei der Krankenkasse legte Hartmut Birkhan seinen amtlichen Behindertenausweis, eine ärztliche Verordnung und ein Gesundheitszeugnis seines Hausarztes vor, das ihm bescheinigte, zum richtigen Umgang mit einem Blindenhund fähig zu sein.

30 Jahre lang am Marienhospital gearbeitet

Hartmut Birkhan kennt sich mit solchen Vorgängen aus – gut 30 Jahre lang hat er am Marienhospital in Osnabrück gearbeitet, dort die Abteilung für physikalische Therapie aufgebaut und geleitet. Auf den Antrag bei der DAK erfolgte zunächst einmal: nichts. Die Frist von maximal fünf Wochen, in der sich die Krankenkasse schriftlich hätte mitteilen müssen, verstrich. „Eigentlich hätte mein Antrag damit schon durch sein müssen“, meint der 81-Jährige. Auch sein Hausarzt erinnert sich daran, dass der Antrag zunächst von der DAK ignoriert wurde und daher ein zweiter gestellt werden musste.

Antrag abgelehnt

Dieser wurde dann abgelehnt. Hartmut Birkhan erhielt Post vom MDK, dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, dessen Aufgabe es unter anderem ist, Krankenkassen zu beraten und in bestimmten Fällen eine gutachterliche Stellungnahme abzugeben.

Der MDK ließ ein sogenanntes sozialmedizinisches Gutachten erstellen – ohne den Osnabrücker jemals persönlich gesehen oder begutachtet zu haben. „Das nennt sich ,Gutachten nach Aktenlage‘“, sagt der 81-Jährige. Neben dem Gutachten existiert auch eine sogenannte gutachtliche Einschätzung. Letztere versucht Hartmut Birkhan seit Jahren zu Gesicht zu bekommen – dazu wird es aber vermutlich erst jetzt auf Druck eines Anwalts kommen. Denn sein Sohn, der als Polizist in Bremen arbeitet, hat gegen den Gutachter mittlerweile Strafanzeige erstattet, aber dazu später. Im Gegensatz zu einem Blindenstock kann ein Blindenhund sein Herrchen oder Frauchen wirklich führen. Symbolfoto: dpa

In dem Hilfsmittelgutachten, das Hartmut Birkhan auszugsweise zur Verfügung gestellt wurde, heißt es zusammengefasst, dass Krankenkassen lediglich dazu verpflichtet seien, einen Basisausgleich zu schaffen. Sprich: Hartmut Birkhan müsse in der Lage ein, sich in der Wohnung und im Nahbereich seiner Wohnung zurechtzufinden und zum Beispiel Einkäufe oder einen Gang zur Post zu bewältigen. Dies könne er jedoch auch mit einem Langstock und einem Orientierungs- und Mobilitätstraining erreichen.

„Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon vier Jahre lang Erfahrung mit dem Langstock, da brauche ich kein Training“, sagt der 81-Jährige. Er kenne die Grenzen eines Langstocks. Er bleibe mit ihm in Fahrradspeichen hängen, könne zwar direkte Hindernisse ertasten, aber erhalte keine Führung. Mit einem Hund sei das anders. „Dem sag ich: ,Such Zebra!‘, und dann führt er mich zu einem Zebrastreifen. Dem sag ich: ,Bring mich nach Hause!‘, und dann bringt er mich nach Hause. Und er warnt mich nicht nur vor einem Hindernis, sondern führt mich sogar darum herum.“ Eben deshalb habe sein Hausarzt ihm ja auch zu einem Hund geraten.

Ein Hund oder eine Führungsperson – das seien die einzigen Möglichkeiten, den Alltag für sich und seine schwerbehinderte, ebenfalls blinde und pflegebedürftige Frau zu gestalten. Wie er derzeit zurechtkommt? „Nur dank der Hilfe von Freunden.“ Und dank teurer Taxifahrten für Strecken, die er ohne Probleme zu Fuß bewältigen könnte, wenn er denn jemanden hätte, der ihm den Weg weist.

Alles nur Taktik?

All die Schriftwechsel hatten nach Ansicht von Hartmut Birkhan nur einen einzigen Zweck: „Verzögerungstaktik!“ Sein Sohn drückt es deutlicher aus: „Die Krankenkasse hofft, dass sich die Sache auf natürlichem Weg klärt.“ Dass sein Vater also auch gehbehindert werde und dann keinen Hund mehr brauche – oder schlicht und ergreifend sterbe. „Ich bin jetzt 81 Jahre alt, werde bald 82. Wie lange soll ich denn noch warten?“, fragt Hartmut Birkhan. Ein befreundeter Rechtsanwalt, der einmal bei der DAK in der Sache nachhakte, habe laut der Familie Birkhan die Antwort erhalten: „Der ist zu alt. Der bekommt keinen Hund.“

Vergleich vor Gericht

Nach weiterem Schriftverkehr reichte es dem Rentner schließlich. Die Sache kam im August 2016 vor Gericht. Laut dem MDK kein ungewöhnlicher Vorgang: „Wer mit einer unserer Entscheidungen nicht einverstanden ist, hat das Recht, Widerspruch einzulegen und die Sache vom Sozialgericht klären zu lassen“, erläutert ein Sprecher.

Hartmut Birkhan erinnert sich noch gut an die Verhandlung: „Der Richter war sehr freundlich und sagte mir: ,Ich kann ein Urteil sprechen, und Sie werden Recht erhalten. Aber dann wird die Gegenseite sofort Berufung einlegen und die Sache geht noch ewig weiter.‘“ Und so kam es vor dem Sozialgericht Osnabrück schließlich zu einem Vergleich, der unserer Redaktion schriftlich vorliegt. Darin heißt es, dass „dem Kläger ein Blindenführhund von einem Vertragspartner des Beklagten gewährt wird“. Zudem werde auf die vorherige Absolvierung des Orientierungs-und Mobilitätstrainings verzichtet.

Kein passender Hund zur Stelle?

„Dann ging der Zirkus erst richtig los“, sagt Hartmut Birkhan. Monatelang sei ihm kein Hundezüchter als Vertragspartner genannt worden. Nach mehreren Nachfragen habe er schließlich eine Handvoll Adressen erhalten. Eine davon habe gar nicht existiert, ein weiterer Züchter habe ihm mitgeteilt, vor 2019 keinen Hund für ihn zu haben, eine dritte Adresse führte den Rentner nach Rostock. Auf eigene Kosten reiste er nach Mecklenburg-Vorpommern, wo man ihm mitteilte, dass man ihm keinen Hund geben wolle – erst solle er ein Langstocktraining absolvieren.

Auf eigene Faust

Im Januar 2017 traf Harmut Birkhan schließlich eine Entscheidung: „Ich habe von meinem Selbstbeschaffungsrecht Gebrauch gemacht.“ In Stemwede liegt die Blindenführhundeschule „Preußenblut“, gegründet 1933 und nach eigenen Angaben die älteste Blindenhundeschule der Welt. Geleitet wird sie von Karl Dettmer, der vorher in Belm lebte und wenig von Blindenstöcken hält. „Versuchen Sie doch damit mal vom Neumarkt über die Große Straße zu kommen, ohne dass jemand darüber stolpert“, meint er.

Mit Krankenkassen arbeite er durchaus zusammen, doch gerade mit der DAK habe es öfters Probleme gegeben, sagt er und schickt unserer Redaktion per E-Mail mehrere Gerichtsurteile zu ähnlich gelagerten Fällen zu. „Und immer haben die Patienten gewonnen“, sagt Karl Dettmer, der sicher ist, den richtigen Hund für den Hartmut Birkhan gefunden zu haben: Dunja. Rund 20.000 Euro bezahlte der Rentner als Anzahlung für die Hündin – Geld, das er nur dank der Unterstützung seiner Familie zusammen brachte.

Skepsis vor der Gespannprüfung

Diese Anzahlung hat die DAK mittlerweile erstattet, die Restsumme von rund 10.000 Euro wird sie übernehmen, sobald Hartmut Birkhan erfolgreich seine Gespannprüfung abgelegt hat. Doch seine Zweifel sind mittlerweile so groß, dass der 81-Jährige nicht damit rechnet, diese zu bestehen. Es gebe keinerlei rechtliche Vorgaben, wie diese Prüfung abzulaufen habe, sagt er. Er habe Videoaufnahmen von einer fragwürdigen Prüfung, bei der eine Frau mit Hund am Bahnhof dicht am Gleis positioniert wurde, als ein ICE mit hoher Geschwindigkeit an ihr vorbeiraste. Der Hund habe sich zwischen Gleis und Frau gedrängt und damit der Blinden das Leben gerettet. „Aber was, wenn der Hund in Panik geraten wäre?“, fragt Hartmut Birkhan.

Die DAK will dieses Misstrauen zerstreuen: „Die Mitglieder der Prüfkommission werden von den Landesverbänden der Krankenkassen einvernehmlich bestimmt. Kommt eine Einigung bei der Besetzung der Mitglieder der Prüfkommission nicht zustande, berufen die Spitzenverbände der Krankenkassen die entsprechenden Mitglieder nach Abstimmung mit dem Deutschen Blindenverband“, teil ein Sprecher der Krankenkasse schriftlich mit. Zudem könne der Versicherte auf Wunsch eine Person seines Vertrauens oder den Ausbilder des Bildenführhunds zu der Prüfung einladen, damit dieser die Prüfung beobachtet.

Der eingebildete Blinde?

Da sich die Gespannprüfung aus gesundheitlichen Gründen verzögert, verordnete Hartmut Birkhans Hausarzt ihm zwischenzeitlich einen Laserlangstock, der durch Vibrieren einen Blinden deutlich besser führt als ein gewöhnlicher Langstock.

Die DAK lehnte den Antrag ab. Der Gutachter ist derselbe wie 2013. Der Text enthält einen Punkt, der Hartmut Birkhan endgültig auf die Palme bringt. Es heißt, er sei „funktionell erblindet“. Das würde bedeuten, dass sein Erblinden eine psychische und keine körperliche Ursache habe.

„Das würde schon in Richtung Simulant gehen“, sagt ein Sprecher des Berufsverbands der Augenärzte Deutschland auf Nachfrage. Dass der MDK dies lediglich aufgrund einer Aktenlage bescheinige, sei „schon sehr erstaunlich“, zumal durch eine einfache Untersuchung, die rund 20 Minuten dauere, eine „funktionelle Erblindung“ schnell ausgeschlossen werden könne.

„Jetzt reicht es“, sagt Michael Birkhan, der Sohn des 81-Jährigen. Am 26. Januar 2018 hat er Anzeige gegen den MDK-Gutachter erstattet. Tatvorwurf: Ausstellen unrichtiger Gesundheitszeugnisse. „Ich denke nicht daran, mich diesem System zu unterwerfen“, sagt Hartmut Birkhan, und mit „System“ meine er gar nicht so sehr die Krankenkasse, der er nur bedingt Vorwürfe macht. Es geht ihm um die Hilfsmittelversorgung und das, was er als „Gefälligkeitsgutachten“ bezeichnet. „Ich weiß, ich werde damit nichts gewinnen“, sagt Hartmut Birkhan. „Aber vielleicht kann ich anderen Patienten helfen, denen es ähnlich ergeht.“

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