Symposium von Polizei und Uni Osnabrück Was tun gegen Radikalisierung von Jugendlichen?

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Osnabrück . Wo hört Religionsfreiheit auf, wo fängt Radikalisierung an? Und wann informiert ein Sozialarbeiter die Polizei darüber, dass ein Klient sich radikalisieren könnte? Fragen wie diesen widmet sich das Symposium „Polizei und Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ am 22. Februar 2018 an der Universität Osnabrück.

„Islamistische Radikalisierung an deutschen Schulen ist die Ausnahme, aber sie findet statt“, sagt Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie. Es gebe durchaus Schüler, „die klassische Agitation ausprobieren, also Mitschüler mit bestimmten Inhalten versorgen und für gewisse Positionen werben.“

Es erfordere Einfühlungsvermögen, solche Inhalte zu erkennen und richtig einzuordnen. „Man muss genau schauen, ab wann etwas radikal ist“, erklärt der Islamwissenschaftler.

Pflicht zum Eingreifen

Nur weil ein Schüler den muslimischen Glauben auslebt, sei dies kein Grund, ein Auge auf ihn zu haben. Die Religionsfreiheit sei in Deutschland ein Verfassungsgut mit hohem Stellenwert. Anders verhalte es sich, wenn es Hinweise auf radikale Inhalte gibt. Kiefer: „Wenn ein muslimischer Schüler mit einem anderen darüber spricht, dass man im Ramadan beten sollte, ist das eine Sache. Aber wenn er anfängt, Schülern, die nicht fasten, mit Höllenqualen zu drohen, besteht ein Eingriff in die Freiheitsrechte anderer – und dann muss man intervenieren.“

Geschultes Personal nötig

Diese Grenze auszuloten, gehe am besten mit entsprechend geschultem Personal vor Ort. Und sei eine gemeinsame Aufgabe von Polizei und Sozialer Arbeit. Wie sie besser zusammenarbeiten können, ist am Donnerstag Gegenstand des Symposiums „Polizei und Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ an der Universität Osnabrück, bei dem Kiefer einen Eröffnungsvortrag hält. Geschulte Sozialarbeiter sollen sich zur Radikalisierungsprävention mit der Polizei austauschen, sodass eine Wechselwirkung entsteht: Da, wo eine Partei nicht weiter kommt, soll die andere hinzugezogen werden.

Neuer Studiengang an der Uni

Im neuen Studiengang „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“, der im Wintersemester 2018/2019 an der Uni Osnabrück startet, sollen Soziale Fachkräfte mit Blick auf muslimisch lebende Menschen und entsprechende Arbeitsschwerpunkte ausgebildet werden. „Die Frage ist: Wo liegen mögliche Probleme und Grenzen dieser Partnerschaft?“ Kiefer verweist dazu auf den Umgang mit Informationen, die Sozialarbeiter von ihren Klienten bekommen. Wer das Gespräch sucht, geht davon aus, dass seine Aussagen vertraulich behandelt werden. Es gebe allerdings den Paragrafen 138 im Strafgesetzbuch. Der besagt, dass man zur Anzeige verpflichtet sei, wenn man glaubwürdige Hinweise auf eine Straftat erhält. „Wenn die Beratungsstelle erfährt, dass sich eine Person dem IS anschließen möchte, dann ist das eine Straftat. Und dann besteht Meldepflicht.“ Die Beratungsstelle könne sich dann entweder an die Polizei wenden, die daraufhin ermitteln muss, oder an den Verfassungsschutz, der nicht unter Strafverfolgungszwang steht.

Schwierige Resozialisierung

Aufgabe der Sozialarbeiter sei es auch, radikalisierte Personen bei einer Rückführung in die Gesellschaft zu begleiten. Eine Resozialisierung berge jedoch Probleme. „Sie können ja keine Gehirnwäsche machen“, sagt Kiefer. „Aber sie können kritische Hinweise darauf geben, welche Probleme ein solches Denken mit sich führt.“ Diese „kognitive Deradikalisierung“ sei allerdings äußerst zeitintensiv. „Wenn sich jemand über zwei, drei Jahre radikalisiert hat, dauert es mindestens genau so lange, um diesen Prozess umzukehren. Oft kann dies gar nicht erreicht werden.“

Eine weitere Maßnahme sei es, die Radikalisierten „zu demobilisieren“, sie zu verwarnen und ihnen klarzumachen, dass ihr Handeln illegal ist. „Wenn die Leute straffrei leben, ist schon wirklich viel geschafft.“


Der Studiengang „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ soll zum Wintersemester 2018/2019 am Institut für Islamische Theologie an der Uni Osnabrück starten. Hier sollen Fachkräfte etwa für Gesundheitsdienst, Jugendhilfe und Altenpflege im muslimischen Umfeld ausgebildet werden. Gelehrt werden sollen Inhalte der islamischen Theologie, die Funktionsweise und Struktur der Gemeinden, die interkulturelle Bildung und Erziehung sowie Religionswissenschaften. „Wir hoffen, dass gut geschulte Fachkräfte auch in präventiver Hinsicht eine neue Qualität in die Arbeit bringen“, erklärt Michael Kiefer. Der Studiengang ist in dieser Form in Deutschland bislang einzigartig. „Die evangelische Kirche bietet solche Ausbildungsgänge auch in Hannover an. Dort kann man Diakonie und Soziale Arbeit in einem zwei-Fächer-Bachelor studieren. Wir haben das also nicht erfunden, sondern übernommen und für die Arbeit mit Muslimen modifiziert.“

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