Premiere im Theater Osnabrück Medea2“ als Koproduktion mit Mosambik beeindruckte

Von Christine Adam

Zwei Teams, ein Geist: Yolanda Dina Fumo und Dalila Josela Figueiredo als afrikanische Medea und Kreusa, Maria Goldmann und Cornelia Kempers als europäische Medea und Kreusa.Foto: Uwe LewandowskiZwei Teams, ein Geist: Yolanda Dina Fumo und Dalila Josela Figueiredo als afrikanische Medea und Kreusa, Maria Goldmann und Cornelia Kempers als europäische Medea und Kreusa.Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Zwei Sprachen, fünf Dichter und sechs Schauspieler: Damit holt „Medea2 – Dois mundos, uma narração“ Euripides in die Gegenwart. Die Premiere der Koproduktion vom Teatro Avenida in Mosambik und Theater Osnabrück beeindruckte im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück.

Leise Stimmen murmeln zu zarter Live-Musik. Zwei Schauspielerteams sitzen einander gegenüber, anfangs noch getrennt durch Glasfenster. Europa und Afrika schauen sich forschend in die Augen. Sie sprechen in zwei Sprachen, aber letztlich mit einer Stimme. Denn es wird „Medea2 – Dois mundos, uma narração“ im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück uraufgeführt. Medea, Jason und Kreusa, in schwarzer und in weißer Hautfarbe – mehr brauchen das Theater Osnabrück und das Teatro Avenida im südostafrikanischen Mosambik nicht, um das 2500 Jahre alte Drama von Euripides in die Gegenwart zu holen. Das Projekt von Manuela Soeiro, Leiterin des Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo, Dominique Schnizer, Leitender Schauspielregisseur in Osnabrück und Chefdramaturg Jens Peters wird von Bundeskulturstiftung und Goethe-Institut gefördert.

Textcollage

Doch das Regieteam lieh sich für seine Collage auch Textpassagen und Sinngehalt aus „Medea“-Bearbeitungen von Franz Grillparzer, Jean Anouilh, Christa Wolf und Paulina Chiziane, derzeit wohl bekannteste Schriftstellerin Mosambiks, um zu prüfen, wie es denn um Leid, Tragik und Missbrauch dieser mythischen Frauengestalt in Europa und Afrika heute steht. Doch „#MeToo“-Bewegung und „Medea2“ begegnen sich in dieser lang geplanten Koproduktion eher zufällig.

Schon bald wird ein Fenster in der Glasfront geöffnet (Bühne und Kostüme: Christin Treunert), werden Seiten und Sprachen gewechselt, bilden sich neue Konstellationen aus weißen und schwarzen Darstellern. Wenn der weiße Jason der schwarzen Medea und umgekehrt erklärt, in Korinth nicht gebildet, nicht zivilisiert, nicht vorzeigbar genug zu sein, und die Fortsetzung ihrer Liebe im Dunklen, Geheimen vorschlägt, entsteht bei der Premiere zustimmende Unruhe in den Reihen der deutschen Zuschauerinnen. Das kennen sie, das gibt es immer noch. Sollen Publikumsreaktionen Auskunft über Unterschiede in der Frauenemanzipation Europas und Afrikas geben? Die Inszenierung tut es jedenfalls nicht.

Berührende Intensität

Mit berührender Intensität spielen Yolanda Dina Fumo und Maria Goldmann die afrikanische und die europäische Medea. Ihre tief enttäuschte Liebe zu dem Mann, für den sie sich schwere Schuld gegenüber der eigenen Familie aufgeladen haben, um ihm zum Goldenen Vlies zu verhelfen. Ihre Empörung über seine Geringschätzigkeit, denn von der einstigen Königin auch seines Herzens ist für ihn nur die Hexe übrig geblieben. Diesem Urteil schließt sich die Kreusa von Jorge Maria Vaz und Cornelia Kempers überheblich höhnend an.

Der Jason von Jorge Maria Vaz und Jan Andreesen verrät seine Liebe an die Vorurteile seiner Umwelt und dreht und wendet seine Haltungen, wie sie ihm gerade strategisch passen. Doppelt demütigend, solcher Schwäche als Frau ausgeliefert zu sein.

Die Musik schafft Spannung

Wenn der Streit auf dem Höhepunkt ist, schwillt auch mal die dezente Musik an. Ernst Bechert, der Osnabrücker Komponist, und Celso Durão, Musiker und Instrumentenbauer aus Mosambik, kombinieren Klangflächen mit hochbeweglicher Perkussion und erzeugen atmosphärische Spannung.

Es ist ein wunderbares Erlebnis, die sprachmächtigen literarischen Texte auf Portugiesisch und Deutsch zu hören. Es beeindruckt, wie die sechs Schauspieler unbeirrt in ihrer Rolle und ihrem Sprechduktus bleiben, während parallel oder zeitlich knapp versetzt in der anderen Sprache gespielt wird. Das wackelt oder hängt an keiner Stelle und macht mit heiligem Ernst die Geburt des Hasses glaubhaft, mit der sich die verlassene, um ihr Leben betrogene Medea rächt.

Zumal sich Osnabrücker und mosambikanische Schauspieler auch schauspielerisch absolut auf Augenhöhe begegnen. Sie sprechen aus einem Geist und Guss und natürlich einer gemeinsamen Regie heraus – welch großartige Leistung aller Beteiligten und des Regieteams.


Weitere Aufführungen: 20.Februar, 4., 6. und 9. März. Kartentel. 0541/7600076.