Premiere im Theater Osnabrück Sehenswerte Inszenierung von „Mutter Courage“

Von Christine Adam

Geschäfte im und mit dem Krieg: Monika Vivell, Ahmad Kiki, Julius Janosch Schulte, Thomas Kienast in Schirin Khodadadians Inszenierung. Foto: Marek KruszewskiGeschäfte im und mit dem Krieg: Monika Vivell, Ahmad Kiki, Julius Janosch Schulte, Thomas Kienast in Schirin Khodadadians Inszenierung. Foto: Marek Kruszewski

Osnabrück. Starke Bilder für die Zerstörungskraft von Kriegen hat Schirin Khodadadian für Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ gefunden. Auch wenn ihre Inszenierung im Theater Osnabrück nicht durchweg überzeugte, ging sie am Ende doch unter die Haut.

„Ich muss, ich muss“, sagt Mutter Courage mit eiserner Entschlossenheit am Anfang und am Ende des rund zweistündigen Theaterabends im Osnabrücker Theater am Domhof. Vollständig lautet das berühmte Zitat für die Unbelehrbarkeit der Marketenderin: „Ich muss wieder in den Handel kommen.“ Doch nach dem Verlust ihrer drei Kinder an den Krieg und sämtlicher Zukunftsperspektiven klingt dieses „ich muss“ anders: Nach der Unmöglichkeit, im Falschen das Richtige zu tun – im Dreißigjährigen Krieg wie im Heute mit seinen Kriegen und all dem, was sonst noch falsch läuft.

Bezug zur Gegenwart

Denn längst hat der syrische Schauspieler Ahmad Kiki die vom Krieg gequälte Stadt Homs in seiner Heimat erwähnt und damit Brechts „Chronik des Dreißigjährigen Kriegs“ auf die Gegenwart bezogen. Bühne (Carolin Mittler) und Kostüme (Charlotte Sonja Willi) haben fantastisch eine zeitlose Maschinerie vor Augen geführt, in der für Menschen nichts von Bestand zu gewinnen, nur Spielraum zu verlieren ist. Und die kluge Inszenierung von Schirin Khodadadian hat gezeigt: So beklemmend aktuell kann Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ von 1938/39 immer noch sein. Vor allem, wenn man wie das Regieteam eine eigene „Osnabrücker Fassung“ erstellt.

Feldgrau ist Carolin Mittlers Bühne mit den raffiniert gegeneinander versetzten Raumschrägen und dem Planwagen mit seinen ungleich großen Rädern als Sinnbild der Vergeblichkeit. Wie ein expressionistisches Gemälde wirkt diese Bühne, vor allem auch im Kontrast mit dem Blutrot der Vorhänge, die allmählich zerfetzen und vielsagend nach und nach die Spielfläche verengen.

Feldgrau sind auch die heutigen Steppjacken der Courage und ihrer Kinder, während sich das falsche Leben unter Kriegsbedingungen rot aufpumpt und -plustert: in monströs großen Hoheitszeichen und Orden auf Uniformen, im Erotikrot des Vamplooks von Yvette (Elaine Cameron). Wie schon für „ Bernarda Albas Haus “ haben mit Mittler, Willi und Khodadadian drei Frauen gemeinsam symbolstarke Bilder geschaffen.

Dennoch überzeugt die erste Hälfte des Abends nicht ganz. Zu viel Geschrei und emotionales Spiel überdecken die nüchterne Analyse, die Brecht stets mitliefert. Streckenweise scheint nur die Geschichte dieser Familie nacherzählt zu werden. Darüber helfen auch nicht die gut gesungenen und toll instrumentierten Dessau-Songs hinweg (musikalische Leitung: Michael Barfuß). Monika Vivell kann für die Courage zwar alle Register einer Powerfrau ziehen mit ihrem Temperament, ihrer vitalen Bühnenpräsenz, mit Charme und Resolutheit auch den Kindern gegenüber. Doch erst die reduziertere Tragik der zweiten Hälfte bringt sie hier und da in die Nähe großer Courage-Schauspielerinnen.

Valentin Klos und Niklas Bruhn spielen ihre Parts etwa als Courages Söhne so überzeugend wie locker. Marie Bauer wächst mit ihrer brennenden Lebenswut als stumme Kattrin immer mehr zum Gegenpol ihrer Mutter heran, weil sie buchstäblich mit dem Hammer auf Frieden, Liebesglück und Mitgefühl pocht.

Pervertierte Moral

Thomas Kienast als sonnenbebrillter Feldprediger und Julius Janosch Schulte als schmieriger Koch mit fettigem Langhaar, der leicht an Otto Waalkes erinnert, demonstrieren gekonnt, wie der Krieg jegliche Moral pervertiert. Christina Dom erfreut mit klarer Sprache und starker Kontur für all ihre Rollen. Doch der ihr zugedachte Part als Alter Ego von Monika Vivells Courage erschließt sich inhaltlich nicht.

In der zweiten Hälfte des Abends kommt Brechts Analyse stärker zum Zuge, ganz ohne das wuchtige moralische Pathos von früheren Brecht-Inszenierungen. Nun geht Khodadadians Lesart unter die Haut.


Weitere Aufführungen: 20., 21. und 25. Februar. Kartentel. 0541/7600076