Station in Osnabrück Judith Bernstein spricht über Jerusalem – was sie in München nicht darf

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Palästinenser-Demo am 134. Januar in Berlin für Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Foto: Maurizio Gambarini/dpaPalästinenser-Demo am 134. Januar in Berlin für Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Osnabrück. Judith Bernstein, Tochter deutsch-jüdischer Eltern und Publizistin aus München, spricht am 23. Februar in der VHS Osnabrück über Jerusalem und den Nahostkonflikt. Der Stadtrat von München hat es ihr nicht erlaubt, diesen Vortrag in städtischen Gebäuden zu halten.

Die 73-jährige kommt auf Einladung der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Regionalgruppe Osnabrück, an deren Spitze Nazih Musharbash aus Bad Iburg steht. Der Vortrag unter dem Titel „Jerusalem – Das Herzstück des israelisch-palästinensischen Konflikts“ beginnt am Freitag, 23. Februar, um 18 Uhr in der Volkshochschule Osnabrück, Bergstraße 8.

Die Volkshochschule sieht sich wegen des Gastspiels Bernsteins scharfer Kritik ausgesetzt. Die „ Werteinitiative“, ein Verein mit Sitz in Berlin, der nach eigener Aussage die „jüdische Stimme“ in der öffentlichen Diskussion sein will, wirft der Volkshochschule auch wegen anderer Veranstaltungen zum Nahostkonflikt Einseitigkeit zugunsten der palästinensischen Seite vor. Noch kritischer sind die Äußerungen, die Judith Bernstein aus dem Stadtrat von München entgegengeschlagen sind. CSU, SPD und Grüne werfen Bernstein Antisemitismus vor und setzten im Dezember 2017 per Ratsbeschluss durch, dass Bernstein und die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München keine städtischen Räume für Veranstaltungen nutzen dürfen und auch sonst keine Unterstützung aus öffentlicher Hand erhalten sollen.

In der Münchner Dialoggruppe, der auch Bernstein angehört, arbeiten Palästinenser, Juden und Israelis zusammen, um über den Konflikt im Gelobten Land aufzuklären. Die Gruppe setzt sich nach eigenen Angaben für ein Ende der israelischen Besatzung und die Gleichstellung der Palästinenser ein. Die Mehrheit im Münchner Stadtrat hält der Dialoggruppe dagegen vor, dass sie den Boykottaufruf der BDS-Bewegung („boykott, divestment and sanctions“/ Boykott, Kapitalabzug, Sanktionen) gegen Israel unterzeichnet hat. „Weder die Zielsetzung der BDS-Kampagne noch die antisemitische Stimmungsmache, die mit dieser einhergeht, sind vereinbar mit einer demokratischen, respektvollen und offenen Stadtgesellschaft“, heißt es in der Begründung des CSU/SPD-Antrges in München.

Judith Bernstein weist diese Vorwürfe weit von sich. Der Verweis auf die BDS-Kampagne sei „nur ein Ablenkungsmanöver“. Die Stadt und die israelische Kultusgemeinde in München wollten damit öffentliche Kritik an Israel und der Besatzungspolitik verhindern.

Judith Bernstein ist Tochter deutsch-jüdischer Eltern, die 1935 vor den Nazis nach Palästina flohen. Sie lebt seit 1976 in Deutschland und verbringt jedes Jahr mehrere Wochen im Land ihrer Kindheit. Sie habe als Kind in Israel erlebt, dass die Existenz der Palästinenser einfach ausgeblendet worden sei. „In der öffentlichen Wahrnehmung Israels gab es sie einfach nicht.“ In ihrer Familie sei es anders gewesen, schilderte sie unserer Redaktion, weil im Sportgeschäft ihrer Eltern auch Palästinenser einkauften. Nach dem zweiten Golfkrieg 1991 begann sie mit der Friedensarbeit unter anderem in der Münchner Dialoggruppe. „Mir geht es darum, die Lage in Israel und Palästina so zu beschrieben, wie sie ist. Ich will zeigen, dass dort Unrecht passiert“, sagte Bernstein. Sie appelliert: „Guckt mal hin.“

Die Publizistin sagt, sie sei es gewohnt, dass jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik schnell als „antisemitisch“ diskriminiert werde. Israel aber sei der stärkere Part in diesem Konflikt, daher liege es vor allem in der Macht des Staates Israel, Frieden zu schaffen. Bernstein ist überzeugt, dass es Frieden nur im Nebeneinander zweier souveräner Staaten – Israel und Palästina – geben kann.

Carl-Heinrich Bösling, Leiter der VHS Osnabrück, distanziert sich von der Haltung in München. In Osnabrück werde seit Jahren eine „produktive Zusammenarbeit zwischen Deutsch-Israelischer und Deutsch-Palästinensicher Gesellschaft“ gepflegt. Auch die Verleihung des Remarque-Friedenspreises an Avi Primor, dem früheren israelischen Botschafter in Deutschland, und dem palästinensischen Diplomaten Abdallah Frang gebe hier eine Richtung für die Friedensstadt Osnabrück vor. Bösling: „Ich denke, wir sind in der Lage, auch Positionen zur Kenntnis zu nehmen und kritisch und fair zu diskutieren, die uns wiederstreben und die wir überhaupt nicht teilen. An Denk- und Diskussionsverboten sollten wir kein Interesse haben.“

Die Humanistische Union Südbayern hat Judith Bernstein kürzlich mit dem Preis „Aufrechter Gang“ ausgezeichnet. Der Humanisten würdigten damit den Einsatz der Publizistin für einen unvoreingenommen Blick auf den Konflikt im Nahen Osten.


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