Premiere im Theater Osnabrück Vorgespräch zu „Medea2“, Koproduktion mit Mosambik

Von Christine Adam


Osnabrück. „#MeToo“-Debatte und „Medea2“ begegnen sich eher zufällig im Osnabrücker Theater: Am Sonntag, 18. Februar wird die Koproduktion zwischen Deutschland und Mosambik, aus der Taufe gehoben. Zu Inhalt, Textcollage und Musikern der Produktion. Mitglieder beider Teams äußern sich zur Gewalt gegenüber Frauen in Europa und Afrika.

Ein wenig erschöpft sehen die Mitglieder der beiden Teams aus, die sich zum Gespräch im Emma-Theater versammelt haben. Harte Arbeit liegt hinter ihnen, aber anscheinend auch brennend intensive. Man merkt es manchen Reaktionen an, etwa wenn es aus Dominique Schnizer, Leitender Schauspielregisseur am Osnabrücker Theater, auch mit Blick auf die aktuelle „#MeToo“ -Bewegung geradezu herausbricht: „Es ist schlimm, dass dieser 2500 Jahre alte Stoff von Euripides heute noch gespielt werden kann und muss, weil er immer noch wahr ist. Und weil er vermutlich noch in 100 Jahren gespielt wird, weil sich bis dahin die Probleme nicht wesentlich geändert haben werden.“ Er meint die Gewalt gegen Frauen, ihre Unterdrückung in all ihren Spielarten. Davon handelt „Medea“ von Euripides, davon handelt „Medea2 – Dois Mundos, uma narração“, das sich das Teatro Avenida in Mosambiks Hauptstadt Maputo und das Osnabrücker Theater gemeinsam erarbeitet haben.

Handlung bei Euripides

Kurzer Erinnerung an Euripides: Medea, Königstochter aus Kolchis, hat dem Argonauten Jason dabei geholfen, das Goldene Vlies zu erringen und schwere Schuld und Verrat gegenüber der eigenen Familie auf sich geladen. Verliebt flieht sie mit ihm aus ihrer Heimat, das Paar bekommt zwei Kinder. Nach langen Jahren kehren sie mit dem Vlies nach Korinth zurück. Doch dort will Jason Königin Glauke, auch Kreusa genannt, heiraten. Medea, die Fremde und nun auf einmal ihm Befremdliche, stört, wird von Jason verstoßen. Sie rächt sich, indem sie auch ihre eigenen Kinder tötet.

Bearbeitungen des Stoffs

Der Stoff ist bis zum heutigen Tag immer wieder literarisch bearbeitet worden. „Medea 2“ bezieht sich in Textpassagen und Sinngehalt auf Lesarten von Franz Grillparzer, Jean Anouilh, Christa Wolf und enthält auch Texte von Paulina Chiziane, der derzeit wohl bekanntesten mosambikanischen Schriftstellerin.

Eine eindrucksvolle Textarbeit ist da geleistet worden mit mehreren Zwischenstufen und Versionen – das fällt beim Lesen ins Auge. Das Überraschende: Manche Passagen klingen in Aussage und Sprache so heutig, zumindest in Bezug auf afrikanisches Frauenschicksal, dass sie wie von Chiziane geschrieben wirken. Doch sie stammen von Euripides. Andere klingen sprachlich antik nach Euripides, sind aber von Grillparzer. Die ganze Wucht der Tragödie gießt Jean Anouilh in ein schrecklich modernes Bild, wenn er Jason über die ihm überdrüssig gewordene Medea sagen lässt: „Wie das Gold deiner Leute nahm ich dich mit, um dich eilig auszugeben, um dich fröhlich zu verbrauchen. Die Welt war Jason.“

Reduktion auf drei Figuren

Das deutsch-afrikanische Projekt von Manuela Soeiro, Dominique Schnizer und Jens Peters reduziert Euripides’ Personal auf drei Figuren: Medea (in Osnabrück: Maria Goldmann) Jason und Kreusa. Und verdoppelt es auf ein europäisches und ein afrikanisches Darstellertrio. Es wird Portugiesisch, die Amtssprache Mosambiks, gesprochen und Deutsch. Aber nicht nur als Übersetzung des jeweils Gesagten, sondern manchmal auch als Dialog, dessen Sinn aber leicht zu erahnen ist. Das Projekt von Manuela Soiero (sie hat das professionelle Teatro Avenida aufgebaut), Dominique Schnizer und Chefdramaturg Jens Peters will erkunden, wie fremd und scheinbar bedrohlich für eine männlich dominierte Welt Medea, die Fremde, die Exotin, ist. Vor allem, wenn die schwarze Medea (Yolanda Dina Fumo) in der europäischen Premiere auftritt und die weiße Medea in der afrikanischen Premiere im August (in Maputo, mit weiteren Gastspielen im Land). Lesen Sie auch dazu „Den Anfang macht Namibia“ und „ Begegnung der Musikstile “.

Doch so groß wie es Klischees vermuten lassen, sind die Unterschiede bei der Frauenemanzipation in Europa und Afrika gar nicht, stellte das Leitungsteam bei Gesprächen auch mit Frauenorganisationen in Mosambik fest. Manuela Soeiro, die das Teatro Avenida aufgebaut hat, bezeichnet es als „wunderschönes Gefühl“, dass beide Teams zu einer gemeinsamen Position und Form gefunden haben, um diesen Stoff zu erzählen.

Deutsch-afrikanische Musik

Den reduzierten Ansatz der Inszenierung greift übrigens auch die Musik auf. Zwei Musiker haben sie bei den Proben entwickelt: Celso Durão aus Mosambik, der traditionelle Instrumente selbst baut und spielt und mit musikalisch mit Zeitgenössischem kombiniert. Und Ernst Bechert, Komponist und Ehemann der Osnabrücker Schauspielerin Cornelia Kempers, der viele Film- und Bühnenmusiken geschrieben hat für Regisseure wie Ruth Berghaus, Barbara Bilabel, David Mouchtar-Samurai oder den Komponisten Heiner Goebbels. „Relativ stilisiert ist die Musik, wie auch das Bühnenbild. Beides kann die Vorstellungskraft anregen“, sagt Ernst Bechert, der am Synthesizer live mitwirken wird. Celso Durão wiederum führt im Emma-Theater seine Instrumente vor, das marimbafonähnliche, sehr große Holzinstrument Timbal, das mit seinen Resonanzbechern am Boden ein bisschen so aussieht, als könne man damit auch Floß fahren. Das Instrument Xitende sieht aus wie ein Bogen mit einer geteilten Sehne, die nur zwei Töne abgibt. Marracas, Rasseln, Mbira, eine Art von Kalimba mit Metallzungen und weitere Perkussionsinstrumente hat er aus seinem Heimatland im Südosten Afrikas zur Uraufführung in Osnabrück mitgebracht.


Die deutsche Premiere von „Medea2“ ist am Sonntag, 18. Februar um 19.30 Uhr im Emma-Theater zu erleben. Für die Premiere und die 2. Vorstellung am 20.2. gibt es noch Karten, danach wird es erst einmal eng. Kartentel. 0541-7600076.

Ein Rahmenprogramm unter anderem mit einer One World Jamsession und Workshopangeboten für Mosambikanische Musik ist auf der Homepage des Theaters zu finden: www.theater-osnabrueck.de