Prozess beginnt am Landgericht Osnabrücker soll Baby zu Tode geschüttelt haben

Von Sandra Dorn

Ein Viertel der Deutschen glaubt, es schade einem Baby nicht, wenn es geschüttelt wird – ein fataler Irrglaube. Foto: colourbox.deEin Viertel der Deutschen glaubt, es schade einem Baby nicht, wenn es geschüttelt wird – ein fataler Irrglaube. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Ein Osnabrücker steht ab dem 26. Februar vor Gericht, weil er den einjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin so heftig geschüttelt haben soll, dass der Säugling wenige Tage später starb. Schwere Schütteltraumata wie in diesem Fall ereignen sich in der Region Osnabrück mehrmals pro Jahr.

Derzeit befindet sich der Angeklagte in Untersuchungshaft. Das sagte Christian Bagung, Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück, unserer Redaktion auf Anfrage. Mitte Oktober hatte die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Totschlags in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen erhoben. Dem damals 30-jährigen Osnabrücker wird vorgeworfen, das Kind seiner Lebensgefährtin in der Nacht vom 8. auf den 9. August 2017 in einer Wohnung im Stadtteil Schölerberg so lange geschüttelt zu haben, bis es ruhig gewesen sei. Das Baby starb am 12. August im Krankenhaus. Eine Obduktion ergab, dass das Kind schwerwiegende Verletzungen im Gehirn erlitten hatte, die zunächst zum Koma und dann zu seinem Tod führten. Der Mann wurde verhaftet.

Häufung von Fällen

Fünf bis sechs Babys werden jährlich im Osnabrücker Christlichen Kinderhospital (CKO) wegen schwerer Schütteltraumata behandelt, sagte der frühere Oberarzt Dr. Andreas Faber beim jüngsten Treffen des Arbeitskreises Kinderschutz in Osnabrück. Zuletzt hätten sich die Fälle gehäuft: Allein in den Monaten November, Dezember und Januar waren es vier. Manche Kinder sterben, andere behalten lebenslang schwere Behinderungen zurück. Rund 500000 Menschen leben im Einzugsgebiet des Krankenhauses.

Per Definition ist ein Schütteltrauma die Folge von massivem, heftigem, gewaltsamem Hin- und Herschütteln des Babys mit unkontrollierbarem Umherrotieren des Kopfes. Fünf bis zehn Sekunden Schütteln, 10- bis 30-mal, können den Tod des Babys oder ein Leben im Rollstuhl bedeuten. Die Folgen des Schüttelns sind immer diffuse Hirnschäden. Wenn das Gehirn im Kopf hin- und hergeworfen wird, kommt es zu Blutungen, und Nervenzellen können erheblich beschädigt werden. Dadurch wird die weitere Entwicklung des komplex verschalteten Gehirns beeinträchtigt.

Laut dem nationalen Zentrum für frühe Hilfen (NZFH) werden jährlich schätzungsweise zwischen 100 und 200 Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltraumata in deutsche Kliniken gebracht. Akute Symptome sind unter anderem Trinkschwäche, Schläfrigkeit, Apathie, Atemstörungen oder Erbrechen. 10 bis 30 Prozent der Kinder sterben.

Dunkelziffer unbekannt

Doch niemand kennt die Dunkelziffer. Es ist diese unbekannte Größe, die Andreas Faber besonders sorgt. „Es hat viel mit Wahrnehmung zu tun“, sagt der langjährige Oberarzt am CKO, der jetzt in den Ruhestand gegangen ist. Wenn viel los sei im Krankenhaus, beispielsweise während einer Grippewelle, sei die Gefahr höher, dass Fälle von Schütteltraumata nicht wahrgenommen würden, so Faber. Allen schweren Fällen seien niedrigschwellige Schütteltraumata vorangegangen, die von den Ärzten nicht erkannt wurden.

Faber macht seinen Kollegen deswegen gar keinen Vorwurf. Ein leichtes Schütteltrauma ist schwer zu erkennen. Das Kind werde beispielsweise wegen Übelkeit in die Praxis gebracht, so Faber. Der Arzt schließt daraus oder aus einem kleinen blauen Fleck am Arm aber nicht darauf, dass das Kind womöglich geschüttelt wurde. Selbst auf dem CT sind die Schäden nicht sofort zu erkennen, sondern erst nach mehreren Wochen bis Monaten.

„Ich wette, dass wir 70 Prozent der Fälle nicht erkennen“, meint Faber. Die Folgen niedrigschwelliger Schütteltraumata könnten teilweise auch erst im Schulalter in Form einer Lernschwäche zutage treten. Zahlen gibt es hierzu nicht.

Schreibabys besonders gefährdet

Besonders gefährdet sind Babys, die viel schreien. Mehr als 60 Prozent der Täter sind männlich, wie unter dem Strich alle internationalen Studien ergeben haben.

Das Einzige, das helfen kann, ist Aufklärung. Ein Viertel der Deutschen glaubt einer aktuellen Befragung des NZFH zufolge, dass es einem anhaltend schreienden Baby nicht schade, wenn man es schüttele. Faber betont, wie wichtig es ist, dass die Eltern wissen, wie sie mit dem Schreien des Kindes und den sonstigen Belastungen nach der Geburt umgehen können.

Zuletzt wurde ein 26-jähriger Vater aus Melle zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, weil er seine kleine Tochter so heftig geschüttelt haben soll, dass sie für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen sein wird.


Wo sich Eltern von Schreibabys Hilfe holen können

Fachleute empfehlen Eltern, bevor sie die Nerven verlieren, ihr schreiendes Baby sicher abzulegen und für wenige Minuten den Raum zu verlassen, um sich zu beruhigen und nach Möglichkeit Unterstützung zu holen.

Im September 2017 hat die Universität Osnabrück nach fast 20 Jahren ihre Babysprechstunde geschlossen. Das heißt aber nicht, dass Eltern, deren Kind viel schreit, schlecht schläft oder wenig isst, in Osnabrück keine Hilfe mehr bekommen.

Eltern, die in Osnabrück leben, können sich beispielsweise an die Awo-Familienberatungsstelle wenden (Tel. 0541/18180-70). Verunsicherung spiele bei vielen Eltern eine große Rolle, berichtet Mitarbeiterin Martina Strathmann. Ersttermine könnten in der Regel nach ein bis zwei Wochen Wartezeit vereinbart werden. Die Beratung dort ist kostenlos. Ein vergleichbares und ebenfalls kostenloses Beratungsangebot bieten auch die psychologische Beratungsstelle für Familien der Diakonie Osnabrück (Tel. 0541/76018-900) sowie die psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Bistums Osnabrück (Tel. 0541/42061).

Und dann gibt es noch die Sprechstunde für Kinder mit frühkindlichen Regulationsstörungen (Alter 0 bis 3 Jahre) im sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Kinderhospital am Schölerberg. Hierfür brauchen Eltern eine Überweisung vom Kinderarzt. Auch hier bekommen sie in der Regel innerhalb von zwei Wochen einen Termin.

„Es ist normal, dass ein Kind schreit“, betont Miriam Schiffmann vom SPZ. „Wir arbeiten verhaltenstherapeutisch und gucken, was es für Entlastungsmöglichkeiten gibt“, so Schiffmann.

Seit 2015 gibt es in Osnabrück ein Netzwerk frühe Hilfen, in dem sich unter anderem Beratungseinrichtungen wie die eben genannten, Hebammen und Einrichtungen der Frühförderung sowie die zuständigen Stellen bei Stadt und Landkreis Osnabrück regelmäßig austauschen. Sie wollen nun nach einer Möglichkeit suchen, die bestehenden Beratungsangebote für Eltern von Schreibabys ebenso bekannt zu machen, wie es die mittlerweile geschlossene Babysprechstunde der Uni geschafft hatte.

Die Stadt Osnabrück hat außerdem einen neuen Wegweiser für die Zeit vor und nach der Geburt herausgegeben – mit Checklisten, was zu erledigen und welches Amt zu kontaktieren ist. Er kann heruntergeladen werden unter www.osnabrueck.de/rund-um-die-geburt