Serie zum Osnabrücker Wissensforum Was unterscheidet lieblichen Klang von lästigem Lärm?

Von Michael Oehler (Gastautor)

Michael Oehler ist Professor am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik. Foto: Gert WestdörpMichael Oehler ist Professor am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Die Kreissäge ist kein Meeresrauschen. Was unterscheidet lieblichen Klang von lästigem Lärm?

Es gibt viele verschiedene Geräusche, die Menschen als unangenehm oder lästig empfinden und die teilweise sogar körperliche Reaktionen hervorrufen, wie zum Beispiel Gänsehaut oder Schauer, die über den Rücken laufen. Zu diesen Geräuschen gehört auch das Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel, Styroporquietschen oder das Schaben einer Gabel über eine Metallpatte. Teilweise genügt sogar die Vorstellung an das jeweilige Geräusch oder die Aktion, um die entsprechende Empfindung oder körperliche Reaktion auszulösen.

Frequenz verantwortlich

In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass für die empfundene Lästigkeit der Geräusche aus akustischer Perspektive vor allem der Frequenzbereich zwischen 2.000 und 4.000 Hertz sowie das Verhältnis von geräuschhaftem und tonalem Anteil verantwortlich ist. Je prominenter die Frequenzen zwischen 2.000 und 4.000 Hertz und je stärker der tonale Anteil, desto unangenehmer wurden die Geräusche bewertet und desto stärkere körperliche Reaktionen konnten gemessen werden. Die Relevanz des Frequenzbereichs zwischen 2.000 und 4.000 Hertz, in dem auch akustisch wichtige Merkmale von Sprachlauten liegen, kann über die anatomische Beschaffenheit des Gehörgangs erklärt werden: So ist die spezielle Form und Länge des Gehörgangs zwischen Ohrmuschel und Trommelfell verantwortlich für dieses Phänomen. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Kontext wirkt sich auf Bewertung aus

In aktuellen Untersuchungen zeigte sich darüber hinaus, dass die beschriebenen akustischen Merkmale besonders gut die empfundene Lästigkeit von Geräuschen erklären können, wenn diese wenig emotionalen Gehalt haben beziehungsweise kaum (negative) Assoziationen an eine reale Situation hervorrufen. Umgekehrt kann die empfundene Lästigkeit von Geräuschen deutlich schlechter über die beschriebenen akustischen Merkmale erklärt werden, wenn diese einen klar umrissenen emotionalen Gehalt aufweisen (wie Babyschreien). Auch der Kontext, in den die Geräusche gesetzt werden, wirkt sich auf deren Bewertung aus. Wurde einer Versuchsgruppe vor der Präsentation der Geräusche der Hinweis gegeben, dass diese aus zeitgenössischen Kompositionen stammen, so wurden die Geräusche durchschnittlich besser bewertet als ohne diese Information.

Musikalische Sozialisation zählt mit rein

Auf Musik lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres übertragen, da zwar auch hier akustischen Merkmalen eine gewisse Bedeutung zukommt, musikalische Vorlieben und Abneigungen. Sie werden aber auch von vielen anderen, zum Teil außermusikalischen Faktoren beeinflusst. Dazu zählt auch die eigene musikalische Sozialisation (beteiligt sind hier Eltern, Freunde, Schule), individuelle Persönlichkeitsmerkmale oder aber auch einzelne situative Begebenheiten.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.