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Vor 25 Jahren Preis gewonnen Osnabrücker Schülerzeitung „Rostra“ als Talentschmiede

Von Joachim Dierks

Mit diesen 1992 erschienenen Ausgaben nahm die „Rostra“ erfolgreich am Wettbewerb der Niedersächsischen Junioren-Presse teil. Foto: Thomas AchenbachMit diesen 1992 erschienenen Ausgaben nahm die „Rostra“ erfolgreich am Wettbewerb der Niedersächsischen Junioren-Presse teil. Foto: Thomas Achenbach

Osnabrück. Nachwuchsredakteure ohne Angst, mit ihren investigativen Recherchen auch mal anzuecken: „Rostra“, die 1950 gegründete Schülerzeitung des Ratsgymnasiums in Osnabrück, wurde vor 25 Jahren zur „besten Schülerzeitung Niedersachsens“ gekürt.

Die „Rostra“-Redaktion packte heiße Eisen an und recherchierte engagiert und nach journalistischen Kriterien – das gab vermutlich den Ausschlag bei den Juroren des Deutschen Journalisten-Verbandes.

So war damals ein Schulpastor als Religionslehrer ans „Rats“ gekommen. Zwei „Rostra“-Redakteure fanden heraus, dass er sich zuvor als Gemeindepfarrer so unbeliebt gemacht hatte, dass sich niemand mehr von ihm trauen oder beerdigen lassen wollte. Es hieß, er sei „strafversetzt“ worden. Darüber wollte die Redaktion berichten.

Als der Betroffene Wind von dem geplanten Artikel in der Schülerzeitung bekam, beauftragte er einen Rechtsanwalt damit, die Veröffentlichung zu stoppen. Schulleitung und Bezirksregierung schalteten sich ein. Doch die Behörde sah keinen Grund, Zensur zu üben, denn der Bericht sei gewissenhaft recherchiert. Die „Rostra“ Nr. 52 konnte schließlich erscheinen – mit einer lose eingelegten zweiseitigen Gegendarstellung des Pastors.

Recherche ohne Google

Investigativer Journalismus sei damals, lange vor Google und sonstigen Recherchemöglichkeiten im Internet, eine stramme Leistung gewesen, sagt rückblickend der 1993 zum Redaktionsteam der „Rostra“ (lateinisch für Rednertribüne) gehörende Thomas Achenbach.

Aber nicht nur dafür sei das Blatt ausgezeichnet worden, auch für hochkarätige Interviews wie etwa das mit Udo Jürgens – oder für einen ausgewogen würdigenden Nachruf auf Willy Brandt, für engagierte Reportagen zur ersten Flüchtlingskrise aufgrund der Balkan-Kriege und für einen liebevoll geschriebenen Abschied vom beliebten Hausmeister-Ehepaar. Und nicht zuletzt für „Rankman“, eine Bildergeschichte in Fortsetzungen, die dem damaligen Schulleiter Hartmut Ranke Batman-artige Eigenschaften andichtete.

1000 DM Preisgeld

Zur Preisverleihung wurde das Redaktionsteam nach Hannover eingeladen. In der Dekoration des Landespresseballs, der am Vortag im Kuppelsaal über die Bühne gegangen war, stieg die Jugendpresse-Party. Eigentlich sollte der Kultusminister die Laudatio auf die „Rostra“ halten. Aber der war krank geworden, und so sprang die Staatssekretärin ein, lobte und überreichte das Preisgeld in Höhe von 1000 DM.

Natürlich ließen es die Jung-Redakteure bei der anschließenden Party ordentlich krachen. Die Karaoke-Maschine forderte sie zu Höchstleistungen heraus. Als Ronnie Papke und Jens Niebaum das Volksmusik-Duo „Marianne und Michael“ imitierten, kochte der Saal. „Wir waren schmerzfrei, in Hannover kannte uns ja keiner“, erinnert sich Achenbach.

„Unheimlich viel gelernt“

Nach dem Feiern begann die Arbeit an der nächsten Ausgabe. Die Auszeichnung hatte die „Rostra“-Leute keineswegs abheben lassen, ist Achenbach überzeugt. Im Mittelpunkt stand stets, mit den Beiträgen die Interessen der Mitschüler zu treffen. „Natürlich haben wir selbst dabei unheimlich viel gelernt. Die ,Rostra‘ war in den 90er-Jahren eine richtige Talentschmiede für angehende Journalisten.“

Achenbach berichtet von einigen Karrieren: Christian Pfennig wurde erst Pressesprecher und ist jetzt Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Fußballliga (DFL). Dr. Marcus Strunk ist Pressesprecher im NRW-Justizministerium. Christoph Hus hat das Journalistenbüro „Wortwert“ in Köln mitgegründet und beliefert unter anderem die „FAZ“, das „Handelsblatt“ und andere renommierte Titel. Und zu guter Letzt: Thomas Achenbach hat Karriere bei „NOZ Medien“ gemacht und leitet heute die Redaktion der „Osnabrücker Nachrichten“.

Zehn Jahre später erneut preisverdächtig

Fröhliche Stimmung herrschte 1993 im Redaktionsteam der Schülerzeitung „Rostra“, nachdem sie zur besten in Niedersachsen gekürt worden war. Aus vielen der damaligen Jungredakteure sind später erfolgreiche Journalisten geworden (von links unten im Uhrzeigersinn): Ronnie Papke, Pamela Knäuper, Thomas Achenbach, Sebastian Heukamp, Jens Niebaum, Nora Speer, Christian Pfennig. Foto: Archiv/Jörn Martens.

Vor 15 Jahren schickte sich übrigens erneut eine „Rostra“-Redaktion an, den Titel „Beste Schülerzeitung Niedersachsens“ zu gewinnen. Für das Team um Chefredakteur Johannes Kirschey reichte es 2003 am Ende für Platz 3 in der Kategorie „Oberstufe“ – sowie wenig später für Spitzenplätze im bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“: Platz 2 in der Kategorie „Optik“ und Platz 3 in der Kategorie „Inhalt“.