„Ich wollte nie Lehrer werden“ Wie ein Osnabrücker Quereinsteiger an der Schule zurechtkommt

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Von seiner anfänglichen Unsicherheit ist nichts mehr zu spüren: Nach fünf Jahren im Schuldienst gehört der ehemalige Quereinsteiger Dieter Ostendorf voll dazu. Foto: Michael GründelVon seiner anfänglichen Unsicherheit ist nichts mehr zu spüren: Nach fünf Jahren im Schuldienst gehört der ehemalige Quereinsteiger Dieter Ostendorf voll dazu. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Mit Quereinsteigern soll deutschlandweit der Lehrermangel aufgefangen werden. Einer dieser Seiteneinsteiger ist der Osnabrücker Dieter Ostendorf. Seit fünf Jahren unterrichtet er an der Thomas Morus Schule – obwohl er eigentlich nie Lehrer werden wollte. Der 47-Jährige ist froh, den beruflichen Neustart gewagt zu haben.

Es ist laut auf dem Schulhof der Thomas-Morus-Schule: Ein paar Schüler spielen Ball, andere rennen über das Außengelände, und an der Ecke stehen ein paar Mädchen zusammen, die sich unterhalten. „Herr Ostendorf, wo ist nachher unsere AG?“, fragt eine Schülerin, als Dieter Ostendorf an ihr vorbeigeht. Der 47-Jährige bleibt kurz stehen und erklärt es ihr. Dann setzt er seinen Weg über den Schulhof der Oberschule fort. Ein paar Minuten frische Luft schnappen, bevor die nächste Stunde beginnt.

Aus dem Museum in den Klassenraum

Der Osnabrücker ist seit fünf Jahren Lehrer an der Thomas-Morus-Schule. Früher war er Werkzeugmechaniker, studierte dann Geschichte und Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang in Museen. Mit Anfang 40 wagte er einen beruflichen Neuanfang – und gehört nun zu den Seiteneinsteigern, die deutschlandweit den Lehrermangel an Schulen abfedern sollen. 431 von ihnen stellte die niedersächsische Landesschulbehörde im Schuljahr 2016/17 ein. Insgesamt sind in dem Schuljahr 3583 Lehrer an öffentlichen Schulen eingestellt worden. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Seiteneinsteiger mehr als verdoppelt, wie ein Sprecher des Kultusministeriums unserer Redaktion sagte.

Fachbereichsleiter geworden

Ostendorf unterrichtet an der Thomas-Morus-Schule Technik und Werken, Politik, Erdkunde, Geschichte und Kunst. Wer ihn im Lehrerzimmer im Kreise seiner Kollegen oder im Umgang mit den Schülern sieht, der merkt: Der 47-Jährige fühlt sich wohl. „Dabei wollte ich eigentlich nie Lehrer werden“, sagt er. „Aber es war eine gute Entscheidung. Vielleicht hätte ich das schon eher machen sollen.“

Stattdessen habe sich der Vater zweier Kinder bei schlechter Bezahlung von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag gehangelt. „Es war mir irgendwann zu unsicher und nicht planbar.“ Ein befreundeter Lehrer habe ihm bereits jahrelang geraten, es in seinem Job zu versuchen. „Da habe ich mich lange vor gedrückt. Und dann habe ich mich einfach auf eine Stellenanzeige der Thomas-Morus-Schule beworben.“ Ostendorf bekam die Zusage – und ist seit vergangenem Schuljahr sogar Fachbereichsleiter für Geschichte, Erdkunde und Politik.

Ins kalte Wasser geworfen

Der Osnabrücker hat sich in seine neue Rolle eingefunden, auch wenn anfangs nicht alles leicht gewesen sei. „Ich habe mit einer halben Stelle begonnen und bin gleich ins kalte Wasser geworfen worden“, erzählt er. In den Ferien habe er sich noch bei den Fachleitern darüber informiert, was so anstehe. Dann habe er gleich in der fünften, achten und neunten Klasse Unterricht geben müssen. „Die Schüler waren etwas verwundert, weil ich vieles anders gemacht habe als die anderen Lehrer. Ich wusste schon gar nicht mehr, was ein Klassenbuch ist“, sagt er und lacht.

Hilfe von den Kollegen

Immer wieder habe er in der Anfangszeit seine Kollegen mit Fragen gelöchert. Und die hätten ihm bereitwillig weitergeholfen. „Die Kollegen haben mir unter die Arme gegriffen. Das ist die Grundlage dafür, dass so etwas überhaupt klappen kann. Ohne diese Hilfe wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“ Die Rückendeckung seiner Kollegen sei wohl auch ein Grund dafür, dass die meisten Schüler ihn von Anfang an akzeptiert hätten. Heute sei er eine Vertrauensperson für sie. Auch vonseiten der Eltern sei die Akzeptanz ihm gegenüber immer hoch gewesen. „Sie kennen alle meine Vita. Ich hätte deshalb eher mit dem Gegenteil gerechnet“, sagt Ostendorf.

Fortbildung absolviert

Wie er mit Schülern reden und Themen für sie verständlich runterbrechen kann, habe er von seiner Arbeit in der Museumspädagogik gewusst. Es seien andere Dinge gewesen, die ihm schwerfielen – all die Sachen, die angehende Lehrer im Referendariat lernen. „Unterrichtspläne aufzustellen, zu verschriftlichen und das ganze Schuljahr zu überblicken, ist mir schwergefallen. Ein gelernter Lehrer hat ein ganz anderes Repertoire an Methodik und im Umgang mit Schülern. Ich habe oft lange zuhause gesessen und überlegt, wie ich ihnen etwas näher bringen kann. Und manchmal sind meine Ausdrücke auch einfach deftiger als die der Kollegen“, gibt Ostendorf selbstkritisch zu. Die Fortbildung für Quereinsteiger, die der 47-Jährige kurz nach Antritt der Stelle absolvieren musste, habe ihm geholfen. Der erfolgreiche Abschluss einer berufsbegleitenden Qualifizierungsmaßnahme ist laut dem niedersächsischen Kultusministerium Voraussetzung für die unbefristete Tätigkeit im Schuldienst. Verbeamtet werden kann Ostendorf aufgrund seines Alters nicht mehr.

Außerschulische Erfahrung hilfreich

In den vergangenen Jahren habe der 47-Jährige viel dazugelernt – und profitiert sogar von seinem bisherigen beruflichen Werdegang. „Für mich ist er eine fachliche Bereicherung“, sagt Ostendorfs Kollege Andreas Arlinghaus, Fachkonferenzleiter Kunst, als sich die beiden nach der großen Pause im Kunstraum treffen. Sie haben ihre Klassen in Kunst für ein Projekt zusammengelegt. Das mit den Quereinsteigern sei eine gute Sache, findet Arlinghaus. Dem schließt sich auch Felix Trentmann, der an der Thomas-Morus-Schule Mathe, Geschichte, Erdkunde und Werken unterrichtet, an. „Quereinsteiger bringen viel Erfahrung mit. Sie haben das Leben außerhalb der Schule erlebt. Es ist schön, dass sie etwas aus ihren früheren Berufen mitbringen“, sagt er.

Ein Zeugnis davon ist das Bild, das Ostendorf am Vormittag auf die Tafel in einem Klassenraum gemalt hat. Das Thema: Cholera. Zu erklären, was das ist und wie die Krankheit entsteht, sei dem 47-Jährigen nicht schwer gefallen. „Ich habe mal eine Ausstellung zu dem Thema gemacht“, sagt er. Der Unterschied: „Früher ging es nur darum, Deadlines einzuhalten oder Kataloge zu schreiben, hier merkt man unmittelbar, ob etwas bei den Schülern ankommt. Man kann wirklich etwas bewirken.“ Und das sei extrem befriedigend. (Mit dpa)


Seiteneinsteiger

Mit der Einstellung sogenannter Seiteneinsteiger soll der Lehrermangel an Schulen aufgefangen werden. Seiteneinsteiger sind nach der Definition der Kultusministerkonferenz (KMK) Menschen mit Hochschulabschluss, die keine Lehramtsprüfung und kein Referendariat absolviert, aber eine pädagogische Zusatzqualifikation – teilweise berufsbegleitend – erhalten haben. Wer aus einem anderen Beruf in den Lehrberuf wechseln möchte, hat zwei Möglichkeiten. Zum einen ist ein Quereinstieg in das Referendariat möglich. Voraussitzung ist ein abgeschlossenes Masterstudium haben, dem zwei Unterrichtsfächer zugeordnet werden können, von dem eines ein Fach ist, in dem besonderer Bedarf besteht. Die zweite Möglichkeit ist laut dem Kultusministerium der direkte Quereinstieg in den Schuldienst. Voraussetzung für eine unbefristete Einstellung ist ein abgeschlossenes Masterstudium, für eine befristete Einstellung ein Bachelorabschluss. Den Studienleistungen muss mindestens ein Unterrichtsfach zugeordnet werden können.

Zum ersten Schulhalbjahr 2017/18 sind in Niedersachsen die meisten Quereinsteiger für das Fach Deutsch (49) eingestellt worden. Danach folgen die Fächer Mathe (34), Bio (27), Politik (27) und Englisch (25). Den Vorrang erhalten laut dem Kultusministerium grundsätzlich Bewerber mit abgeschlossener Lehramtsausbildung. Eine Altersgrenze für Quereinsteiger gibt es nicht. Allerdings ist das erfolgreiche Absolvieren einer berufsbegleitenden Qualifizierungsmaßnahme Voraussetzung für die unbefristete Tätigkeit im niedersächsischen Schuldienst.

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