Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle Ein rätselhafter Schmerz im Bein – und eine äußerst seltene Diagnose

Von Cornelia Achenbach

Beim Training auf dem Ergometer bemerkte ein 51-jähriger Berufskraftfahrer Schmerzen im Oberschenkel. Kurz darauf begab er sich in die Notfallaufnahme. Foto: colourbox. deBeim Training auf dem Ergometer bemerkte ein 51-jähriger Berufskraftfahrer Schmerzen im Oberschenkel. Kurz darauf begab er sich in die Notfallaufnahme. Foto: colourbox. de

Osnabrück. Ein Berufskraftfahrer begibt sich wegen stechender Schmerzen im rechten Oberschenkel ins Klinikum Osnabrück. Am Ende wird eine Diagnose gestellt, die es seit 1964 nur 39 Mal gab.

Wegen eines leichten Schlaganfalls muss der 51-Jährige regelmäßig zur Krankengymnastik. Während der Übungen auf dem Fahrradergometer bemerkt er einen stechenden Schmerz im rechten Oberschenkel unterhalb der Leiste. Dort fühlt er auch eine Schwellung. Zu Hause legt er sein Bein hoch, doch die Schwellung nimmt weiter zu.

Zwölf Stunden später begibt er sich wegen starker Schmerzen in die Notfallaufnahme des Klinikums. Bei einer Ultraschalluntersuchung wird ein großer Bluterguss entdeckt. Eine spezielle Ultraschalluntersuchung in der Klinik für Gefäßchirurgie zeigt, dass aus einer Schlagader Blut austritt. Der Grund für die starken Schmerzen ist also ein geplatztes Aneurysma, das eine große Einblutung in die Oberschenkelmuskulatur zur Folge hat.

Absolute Seltenheit

„Ein Aneurysma bedeutet eine Erweiterung einer Schlagader“, erläutert Dr. Ulrike van Lengerich, Chefärztin der Klinik für Gefäßchirurgie am Klinikum Osnabrück. Bei einer großen Erweiterung werden die Wände der Schlagader dünn – „Wie bei einem Luftballon, wenn er zu stark aufgepumpt wird“, so die Ärztin.

Aneurysmata kommen meistens im Bereich der Bauchschlagader, Brustschlagader oder in der Knieschlagader vor – ein isoliertes Aneurysma einer tiefen Oberschenkelarterie wurde aber 1964 zum ersten Mal beschrieben und seither nur bei 39 Patienten diagnostiziert. Damit ist es eine absolute Seltenheit.

Bei einer Operation wird der erkrankte Gefäßabschnitt durch einen Bypass ersetzt und der Bluterguss entfernt.

Ursachen schwer zu ergründen

Warum Menschen an Aneurysma erkranken, sei nicht genau zu sagen, meint Ulrike van Lengerich. Sicher gebe es die typischen Risikofaktoren: Rauchen, hoher Blutdruck, hoher Blutzucker. Gleichzeitig heiße es, dass eine Verbindung zwischen einer eventuell genetisch bedingten Veränderung des Bindegewebes und dem Auftreten von Aneurysmata bestehe.

„Allerdings haben Frauen deutlich seltener ein Aneurysma“, sagt van Lengerich, die daher derartige Theorien eher in Frage stellt und lieber auf Untersuchungen setzt. Seit rund einem Jahr bezahlen Gesetzliche Krankenkassen für männliche Patienten ab 65 Jahren ein Screening, bei der allerdings nur die Bauchaorta untersucht wird. Das Teuflische an einem Aneurysma sei ja, dass es unbemerkt bleibt, bis es Komplikationen mach, so die Chefärztin. Das mache die Untersuchungen so wichtig.

Wobei – an einen Fall erinnert sich Ulrike van Lengerich, als sich ein Aneurysma doch durch Schmerzen bemerkbar machte. Ein Patient litt seit vielen Jahren unter Rückenschmerzen, habe sich immer wieder von seinem Arzt Spritzen geben lassen, es mit Krankengymnastik und Orthopädie versucht. Nichts habe ihm geholfen. Bis schließlich ein rund acht Zentimeter großes Aneurysma im Bauchbereich entdeckt wurde, das auf die Nerven der Wirbelsäule drückte.

Als Ulrike van Lengerich dem Patienten ihre Diagnose mitteilte, brach dieser in Tränen aus. Nicht, weil er sich vor der Operation fürchtete – sondern weil er dankbar war, dass nach so langer Zeit endlich die Ursache für seine Schmerzen gefunden worden war.


Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle

In der Serie „Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle“ erinnern sich Mediziner aus Osnabrück an Patienten, die sie vor besonders schwere und herausfordernde Aufgaben gestellt haben. Die Fälle liegen zum Teil schon ein paar Jahre zurück.