20 Jahre Ballettschule Escaňo Mädchen mit Träumen: Von Osnabrück auf die Bühnen der Welt?

Von Cornelia Achenbach


Osnabrück. Wenn an einem Montag- oder Mittwochnachmittag Kornelia Aleksiene von ihren Mitschülern gefragt wird, ob sie Zeit für ein Treffen habe, lautet die Antwort: „Tut mir leid, ich kann heute nicht, ich habe Ballett.“ Und nein, ausfallen lassen wolle sie den Kurs auf keinen Fall. Im Gegenteil: Zur Zeit trainiert sie wegen einer Aufführung sogar sechsmal pro Woche in der Osnabrücker Ballettschule Escaňo.

Noch wird in der Umkleide der Ballettschule am Jürgensort gekichert und getuschelt. Noch ist hier niemand hoch konzentriert oder diszipliniert, und statt zarter Spitzenschuhe tragen die Mädchen wenig filigrane Überzieher, die an Moonboots erinnern. „Damit die Gelenke nicht kalt werden“, erklärt Kornelia. Sie ist zwölf Jahre alt, geht auf die Ursulaschule und tanzt Ballett, seit sie vier Jahre alt ist.

Nicht der Körperbau entscheidend

Etwa 130 bis 150 Schüler besuchen die Ballettschule Escano, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen mit einer Gala am 11. März im Theater Osnabrück feiern will. „Ich nehme nicht jeden an, der mitmachen möchte“, sagt Bettina Escaňo Papoli-Barawati, Leiterin der Schule. In einer Probestunde könne sie schon gut erkennen, welche Kinder wirklich Lust auf Ballett hätten und über das nötige Körper- und Rhythmusgefühl verfügen. Auf den Körperbau achte sie hingegen nicht. Die Kinder müssen nicht besonders zierlich sein. „Wie sie tanzen, das ist entscheidend“, sagt Bettina Escaňo und lacht.

Seit 1989 ist die gebürtige Philippinerin in Osnabrück. Durch eine Kleinanzeige in einer New Yorker Lokalzeitung kam sie als Solotänzerin an die städtischen Bühnen. „Ich wusste damals gar nicht genau, wo Osnabrück liegt“, gesteht sie. Schnell habe sie, die Großstädte gewohnt war, gemerkt, dass ihr die Stadt eigentlich zu klein sei, und ihren Vertrag bereits nach kurzer Zeit wieder gekündigt. Doch dann lernte sie ihren Mann kennen – und blieb. Sie studierte Tanzpädagogik und eröffnete 1997 ihre Ballettschule, an der sie Kinder ab vier Jahren, Jugendliche, aber auch eine Gruppe Erwachsener unterrichtet.

Kaum männliche Tänzer

Statt von Kindern könnte man auch einfach von Mädchen sprechen. Jungs unterrichtet sie derzeit nämlich nicht. „Ich habe hier immer mal wieder ein oder zwei Tänzer in den Kursen, aber meistens hören die mit dem Ballett auf, wenn sie in die Schule kommen – aus Angst, gehänselt zu werden“, sagt Bettina Escaňo. Die Stereotype seien immer noch sehr präsent: Ballett tanzende Jungen gelten als unmännlich, und selbst in den großen Ballettschulen wie der in St. Petersburg gebe es nur wenige Tänzer. Dafür haben die dann gute Chancen auf eine Karriere als Balletttänzer, während es für die Mädchen schwierig ist. „Es gibt sehr viele gute Tänzerinnen, die Konkurrenz ist enorm“, sagt Bettina Escaňo. Und doch habe sie in ihrer Schule derzeit zwei Schülerinnen, die so talentiert seien, dass sie es ihnen zutraue.

Wechsel auf ein Internat nicht ausgeschlossen

Eine von ihnen ist Kornelia. Ihre Mutter hat sie an diesem Nachmittag zum Training gebracht. Sie kennt den Wunsch ihrer Tochter, auf ein Ballettinternat zu wechseln. Das nächste mit Gymnasialzweig liegt in Essen. Die Vorstellung, ihre zwölfjährige Tochter auf ein Internat zu schicken, bereitet Rasa Aleksiene noch Bauchschmerzen: „Wir denken darüber nach, aber sie muss es schon sehr wollen. Wenn ein Kind so eine Entscheidung trifft, dann ändert sich alles in der Familie.“ Den Traum ihrer Tochter von einer Karriere als Balletttänzerin unterstütze sie, Druck mache sie ihr aber keinen. Und solange die Schule nicht zu kurz komme, sei es auch in Ordnung, wenn Kornelia in einer Woche sechsmal zum Training fahre. Kornelia Aleksiene mit ihrer Lehrerin Bettina Escano. Foto: Jörn Martens

Wenn Kornelia über Ballett spricht, ist sie kaum zu bremsen: „Wenn ich mal schlechte Laune habe, dann denke ich: Ach, später geh ich ja noch zum Ballett! Und dann habe ich keine schlechte Laune mehr.“

Freundschaften würden nicht unter dem Training leiden, denn ihre besten Freundinnen besuchen ebenfalls die Ballettschule am Jürgensort, und die seien schon fast wie Geschwister für sie. Dumme Sprüche von Mitschülern? Ja, die gibt es schon einmal. Aber sie weiß sich zu wehren: „Wenn der Lehrer sagt, dass er mal ein paar starke Schüler zum Büchertragen braucht und ich mich melde, dann sagen die Jungs zu mir: Bleib sitzen, du bist doch gar nicht stark. Und dann sage ich: Ich habe bestimmt mehr Muskeln als ihr.“

Ihre letzten Ferien hat sie in Frankreich in einem Ballett-Camp verbracht, an dem es den ganzen Tag über verschiedene Workshops gab. Ihr Traum? „Einmal an der Pariser Oper zu tanzen.“ Sie lacht. „Ich weiß, das ist ein wenig zu hoch gesteckt.“

Anderer Stellenwert in anderen Ländern

Auch Emilia Fietz tanzt, seit sie vier Jahre alt ist. Auch sie besucht die Ursulaschule in Osnabrück, geht dort in die neunte Klasse. Als vor knapp drei Jahren die Ballettschule am Osnabrücker Theater den Nussknacker aufführte, durfte sie die „Klara“ tanzen, und bis heute liebt die 15-Jährige den Nussknacker. Emilia tanze so gut, die könne sofort bei einem Internat anfangen, meint ihre Lehrerin. Doch noch zögert die Schülerin. „Die Gedanken sind da, aber ich bin mir noch nicht sicher“, sagt sie. Bei aller Liebe zum Tanz sind die Aufnahmeprüfungen an den Internaten schwierig und das Leben als Tänzer schlecht bezahlt. In Ländern wie Russland sei das anders, sagt Bettina Escaňo, dort habe Tanz einen anderen Stellenwert, werde Tänzer als richtiger Beruf angesehen und entsprechend gut entlohnt.

Schule darf nicht zu kurz kommen

Nur sechs Schüler hat Bettina Escaňo in den vergangenen Jahren an Hochschulen geschickt, um professionelle Tänzer zu werden. Den meisten ihrer Schüler geht es einfach um den Spaß – und natürlich die gute Haltung. „Ich kann anhand der Haltung beim Gang durch die Stadt erkennen, dass jemand Ballett tanzt“, sagt die Ballettlehrerin. Besondere Freude macht ihr nach wie vor die tänzerische Früherziehung mit den ganz Kleinen: „Die sind noch so goldig und pur.“ In diesen Kursen gehe es noch recht spielerisch zu, denn wer vierjährige Mädchen kennt, weiß, dass die noch nicht lange konzentriert trainieren können. Aber sie dienen als gute Vorbereitung auf das klassische Ballett, mit dem es dann ab acht Jahren richtig losgeht. Dann wird auch das Training intensiver. „Ballett ist sicherlich anstrengend und harte Arbeit, aber die Mädchen merken schnell, wie glücklich es macht, auf der Bühne zu stehen und zu tanzen“, sagt Bettina Escaňo. Und da sie ihre Schülerinnen immer wieder ermahnen muss, dass sie nur zu ihr kommen dürfen, wenn die Schulleistungen nicht darunter leiden, scheint diese Rechnung aufzugehen.


Jubiläums-Gala im Theater Osnabrück

Die Ballettschule Escaňo feiert am 11. März um 15 Uhr im Theater Osnabrück ihr 20-jähriges Bestehen. Die Schüler zeigen neue Choreographien und eine Auswahl an Stücken aus Produktionen der vergangenen Jahre, darunter der „Karneval der Tiere“, der „Nussknacker“, „Peter und der Wolf“ und „Ein Sommernachtstraum“. Karten gibt es an der Theaterkasse, unter Tel. 0541/7600076 oder im Internet unter www.theater-osnabrueck.de