Volkskrankheit Zucker Osnabrücker Selbsthilfegruppe Diabetes regt zu Bewegung an

Von Petra Pieper

Werner Gronau leitet die Selbsthilfegruppen Diabetes I und II, die sich im Saal der Jakobuskirche im Schinkel treffen. Foto: Petra PieperWerner Gronau leitet die Selbsthilfegruppen Diabetes I und II, die sich im Saal der Jakobuskirche im Schinkel treffen. Foto: Petra Pieper

Osnabrück. Honigsüßer Durchfluss – was sich so nett anhört, bezeichnet eine höchst ernstzunehmende Krankheit: den Diabetes mellitus. In Osnabrück gibt es seit elf Jahren einen Kreis von Betroffenen, die sich nicht einfach mit der Diagnose abfinden.

Rund sechs bis sieben Millionen Deutsche werden wegen dieser Stoffwechselerkrankung ärztlich behandelt. Hinzu kommt eine hohe Anzahl von Betroffenen, die noch gar nicht wahrgenommen haben, dass sie erkrankt sind. Nach Schätzungen von Experten nochmals mehrere Millionen.

Häufiges Wasserlassen

Beim Diabetes mellitus handelt es sich primär um eine Störung des Glukosetransports, die eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels nach sich zieht. Symptome wie vermehrter Durst, häufiges Wasserlassen und ungewöhnliche Müdigkeit können auf die Krankheit hinweisen, die zunächst keine Beschwerden macht. Bestehen die hohen Blutzuckerwerte aber über Jahre, können dadurch Schäden an Blutgefäßen und Organen entstehen, es drohen Durchblutungsstörungen bis hin zum Herzinfarkt, Nervenschädigungen oder Augenprobleme.

Geselliger Austausch

Werner Gronau und neun weitere Betroffene gründeten vor elf Jahren die Diabetes Selbsthilfegruppe Schinkel in Zusammenarbeit mit der Bahn-Betriebskrankenkasse. Bis heute leitet Gronau die Treffen, in denen es um Informationen über den Umgang mit der Krankheit, aber auch um den geselligen Austausch geht. „Wir kennen uns oft schon seit mehreren Jahren, da nimmt man Anteil aneinander.“ 42 Teilnehmer kommen regelmäßig, darunter viele nichterkrankte Ehepartner. „Es kann ja nicht schaden, wenn der Partner auch Bescheid weiß“, meint eine Teilnehmerin.

Hauptrisikofaktor ist das Übergewicht

Die meisten Gruppenmitglieder sind 50 Jahre und älter, denn oft tritt der Diabetes erst im fortgeschrittenen Lebensalter auf. Allerdings nimmt die Anzahl erkrankter Kinder zu. Man unterscheidet beim Diabetes mellitus zwischen dem selteneren Typ 1, bei dem die körpereigene Insulinproduktion aufgrund einer Autoimmunreaktion komplett ausfällt, und dem häufigeren Typ 2, der mit einer schleichenden Abnahme der Insulinproduktion einhergeht. Während Typ 1 oft akut und schon in jüngerem Alter auftritt, zählen fast 90 Prozent der Erkrankten zum Typ 2. Hier sind die Ursachen bekannt: Hauptrisikofaktor ist das Übergewicht. Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Bewegung kann dieser Art des Diabetes zumeist recht gut entgegengewirkt werden. „Es hat schon Fälle gegeben, in denen nach entsprechender Gewichtsreduktion die Bauchspeicheldrüse ihre Arbeit wieder umfassend aufgenommen hat“, berichtet Gronau.

Neuartige Sensoren

In der Gruppe tauschen sich die Betroffenen über auftretende Probleme, Hilfsmittel oder Behandlungsmethoden aus. So haben vor kurzem mehrere Mitglieder neuartige Sensoren zur Blutzuckermessung in die Haut implantiert bekommen – da möchten die anderen natürlich wissen, ob und wie sich das Gerät im Alltag bewährt. „Man erfährt immer wieder etwas Neues“, unterstreichen mehrere Mitglieder. Und Roswitha Minic, die seit zwei Jahren dabei ist, empfiehlt jedem Erkrankten die Teilnahme: „Hier haben wir Zeit, alles ganz ausführlich zu besprechen.“

Bewusste Ernährung

Regelmäßig lädt die SHG Experten zu ihren Treffen ein – Fachärzte, Apotheker, Ernährungsberater, Fußpfleger und andere. Am 6. März wird der Leiter der Rechtsschutzabteilung beim Sozialverband VDK, Marco Saathoff, über das Thema Schwerbehinderung referieren. Zum Februar-Treffen ist die Internistin und Diabetologin MUDr. Andrea Gattermayer gekommen, um die Angebote der diabetologischen Schwerpunktpraxis medicover Osnabrücker vorzustellen. „Wir sind ein auf die Betreuung von Diabetikern spezialisiertes Team“, so die Ärztin. Die Praxis biete Einzel- und Gruppenschulungen an, zum Beispiel für die Therapie mit Insulinpumpen für Typ 1-Erkrankte, aber auch Ernährungsberatung für die Typ-2-Diabetiker. Gerade ihnen legt Gattermayer mehr Eigenverantwortung ans Herz: „Sie haben die Krankheit, Sie können die Folgen beeinflussen!“ Bevor sie auf Fragen der Medikation zu sprechen kommt, rät die Diabetologin zu bewusster Ernährung und gezielter Bewegung, damit möglichst eine Gewichtsreduktion erreicht wird.

Sitzgymnastik unter Anleitung

Dieses Wissen ist in der SHG bereits verankert; häufig machen die Gruppenteilnehmer Sitzgymnastik unter Anleitung von Herta Fährmann. Die 84-Jährige ist selbst sehr sportlich, geht einmal die Woche jeweils zum Yoga, zur Gymnastik und zum Nordic Walking. In der Gruppe motiviert sie die Teilnehmer zu leichten Bewegungen wie „Hacke, Spitze“ mit dem Fuß oder zur Fingergymnastik. Auch Übungen mit Bällen und anderen Hilfsmitteln zur Beweglichkeit der Schultern und Arme sowie zur Erhaltung des Reaktionsvermögens stehen dann auf dem Programm.

Eingetragener Verein

Aber es dreht sich nicht alles nur um das Thema Diabetes in der SHG – Beisammensein, Klönen, Erfahrungen austauschen ist im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. „Hier sind Freundschaften entstanden“, so Gronau. Viermal im Jahr lädt die Gruppe zum gemeinsamen Frühstück, im Sommer steht ein dreitägiges Seminar auf dem Programm; in diesem Jahr geht es vom 17. bis 19. August nach Schwagstorf.

Die SHG-Schinkel ist kein eingetragener Verein, die Treffen erfolgen regelmäßig in zwangloser Runde, am ersten oder am zweiten Dienstag im Monat jeweils um 16.30 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Jakobuskirche, Ölweg 23. Neue Teilnehmer, ob Erkrankte oder Angehörige, sind „herzlich willkommen“. Die Teilnahme ist kostenfrei. Ansprechpartner ist Werner Gronau, Tel. 0541 709 621 oder Mail: werner.gronau@osnanet.de.