Kraft und Körperbeherrschung „Circus der Sinne“ erobert die Osnabrückhalle

Von Tom Bullmann


Osnabrück. Quirliges Leben im Township: Das mehr als 30-köpfige „Mother Africa“-Team verzauberte das Osnabrücker Publikum mit einer atemberaubenden Artistik- und Musikschau.

Solomon Solgit wird für zehn Minuten zum Publikumsliebling. Der Mann aus Äthiopien spricht die Zuschauer in der Osnabrückhalle auf Deutsch an. Nachdem er Agnes im Saal als Assistentin rekrutiert hat, zeigt er, von witzigen Moderationen begleitet, Tricks auf einen Drahtseil, das quer über die Bühne gespannt ist. Auf dem Seil balancierend jongliert er mit Messern, die Agnes ihm zugeworfen hat, er steigt eine Leiter hoch und fährt mit einem Einrad über die Leine. Es sieht sehr einfach aus, was der Artist dort macht, doch es gehört eine enorme Körperbeherrschung zu den gezeigten Kunststücken.

„Mother Africa“ ist mal wieder in der Stadt. Der afrikanische „Zirkus der Sinne“ hatte die Zuschauer bereits 2014 mit der Show „Umlingo – Die Magie Afrikas“ begeistert. Damals wurde die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der sich auf die Reise durch eine Welt voller Magie und Lebensfreude begibt. Zwei Jahre später thematisierte die Truppe unter dem Titel „Khayelitsha – My Home“ das Leben in einem Township in Südafrika - und setzt das Programm jetzt mit „New Stories from Khayelitsha“ fort.

Kraft und Körperbeherrschung

Auch wenn am Anfang der Show ein Tänzer das Klischee des Afrikaners im Baströckchen bedient und obwohl der poetische Zauber, den „Mother Africa“ einmal verkörperte, jetzt komplett der Artistik gewichen ist, so gehen die Darbietungen unter die Haut. Einmal mehr staunt man über enorme Kraft und Körperbeherrschung, wenn Männer ihre Partner in die Höhe stemmen und auf dem Kopf balancieren, wenn junge Frauen mit allen Extremitäten gleichzeitig kleine, drehende Teppiche jonglieren oder Artisten an einem hohen Mast der Schwerkraft trotzen.

Das Markttreiben an einem Sonntag auf dem zentralen Platz der Township wird vom Aufruf, gemeinsam zu beten, eröffnet. Alsbald folgt eine quirlige Melange aus atemberaubender Akrobatik, fantastischer Jonglage, erstaunlicher Körperkunst und traditionellem Tanz zur Musik einer versierten Live-Band. Angefeuert von treibenden Rhythmen generieren Saxophonklänge und flirrende Keyboards eine mitreißende Mixtur aus Afrobeat, Highlife, Pop und Soul, derweil Thamsanqa Germaine Moyo und Stephen William Gambo mit ihren Solostimmen für klangliche Sahnehäubchen sorgen. Die Zuschauer zeigen sich besonders begeistert von einem Trommler, der seine Djembe im Dialog mit ihnen spielt, derweil plötzlich ein magischer Teppich mit erstaunlicher Geschwindigkeit wie ferngesteuert über die Bühne flitzt und nicht enthüllt, wer im Inneren für den Antrieb sorgt.

Sozialer Aspekt

Abgesehen von der Intention, dem europäischen Publikum afrikanische Kultur und Lebensfreude zu vermitteln, birgt „Mother Africa“ auch einen sozialen Aspekt. Die Musiker und Artisten werden in einer Schule in Dar es Salaam, der größten Stadt der Republik Tansania, von Winston Ruddle ausgebildet, der im Team als Talentscout und künstlerischer Direktor fungiert. Weit mehr als 150 jungen Afrikanern bot er bisher die Chance, in seiner Zirkusschule eine sinnvolle Ausbildung zu genießen und ihnen darüber hinaus auch Allgemeinbildung zu vermitteln.

Von diesen Artisten, die Ruddle mit seinen Partnern auf Tour durch Europa und die Welt schickt, lässt man sich gern mit einer bunten Show von den gravierenden Problemen des südlichen Kontinents ablenken.