Nach Island ausgewandert Junge Osnabrückerin verliebt in das Leben im hohen Norden

Von Carolin Hlawatsch


Osnabrück. Zu einem echten „Nordlicht“ ist die ehemalige Osnabrücker Studentin Andrea Disqué geworden. Als Fan von Islandpferden und wilden Naturlandschaften zog es sie im August 2014 das erste mal nach Island. Inzwischen hat die 25-Jährige ihren Lebensmittelpunkt komplett auf die nordische Vulkaninsel verlegt.

„Deutschland bleibt immer ein Teil von mir, aber dort zu leben kann ich mir nicht mehr vorstellen. Mein Zuhause ist jetzt Island“, sagt Andrea Disqué.

Alles begann mit einem dreiwöchigen Urlaub im Sommer 2014, in dem sie sich mit dem „Island-Virus“ infizierte und ihn nicht mehr loswurde. Die Sehnsucht trieb sie im darauffolgenden Jahr für fünf Monate auf die isländische Farm Helluland, wo sie gegen freie Kost und Logis bei der Pflege von Schafen, Schweinen und Pferden half.

Besonders viel Freude bereitete es ihr, mit Touristen auf dem Rücken von Islandpferden mehrtägige Reisen zu unternehmen, sie durch die wilde Schönheit der isländischen Natur zu führen, zu Stränden mit schwarzem Lavasand, entlang von Fjorden und schimmernden Wasserfällen.

Schwerer Abschied

Als sich der Sommer 2015 dem Ende neigte, hieß es für Andrea Disqué, schweren Herzens Abschied zu nehmen. „Ich musste zurück nach Osnabrück, auch um mein Studium der Erziehungswissenschaften und Soziologie an der Universität abzuschließen“, blickt sie zurück. Ein halbes Jahr sollte es dauern, bis die junge Frau wieder den Boden der größten Vulkaninsel der Welt unter den Füßen spürte.

Am 28. April 2016 stieg sie in Reykjavík aus dem Flugzeug und direkt hinein in ihr neues Auto, das sie sich im Vorfeld von Osnabrück aus gekauft hatte. „Ohne fahrbaren Untersatz ist man in Island nicht gut dran. Es gibt keine Züge, und die Busverbindungen sind schlecht“, weiß sie. Als Andrea Disqué über den Hügel fuhr, der den Blick auf das Dorf Saudárkrókur im Norden Islands, nahe der Hellulandfarm, freigab, kullerten die Tränen vor Freude. „,Jetzt bist du wieder zu Hause‘, dachte ich da.“

WG in Reykjavík

Lammabtrieb, Pferdetouren – der Sommer 2016 bei ihren Freunden auf Helluland erfüllte sie erneut. „Ich traf Urlauber wieder, die ich noch von den Ausritten im Vorjahr kannte. Das war toll“ schwärmt die Ex-Osnabrückerin. Schließlich, als die Tage deutlich kürzer wurden und Pferde und Schafe aus dem Hochland in die Täler getrieben waren, endete ihr Bauernhofeinsatz. Im Oktober zog sie in den Süden der Insel, in die Hauptstadt Reykjavík in eine Wohngemeinschaft mit drei anderen jungen Frauen aus Deutschland.

In Reykjavík arbeitet Andrea Disqué seitdem im Kundenservice einer Autovermietung. Den Job bekam sie schnell, dank eines Bekannten. „In Island laufen Bewerbungen viel mehr über Empfehlung. Jeder bekommt seine Chance“, sagt sie. Island sei eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. „Es klingt vielleicht komisch, aber es ist wirklich so, jeder kennt hier jeden.“

Lange Arbeitszeiten

Da die Lebenshaltungskosten enorm hoch sind, arbeiten die Menschen viel. „Mein Arbeitstag beginnt um 8 und endet um 18 Uhr. An freien Tagen arbeite ich zudem im Solarium oder gebe via Internet Sprachkurse für Isländisch.“

Auch ihr 26-jähriger Freund Viktor Sigvaldi Björgvinsson arbeitet von 8 bis 19 Uhr. Er ist als Konstrukteur von Rinderställen auf der gesamten Insel unterwegs. Sie traf ihn bereits während ihres ersten Sommers auf Helluland und sprach kurz mit ihm auf einem Festival.

Ein Paar wurden die beiden jedoch erst, als sie sich zufällig im vergangenen September auf der größten Party des isländischen Nordens wiedertrafen: Anlass dieser Fete ist die getane Arbeit, nachdem die im Sommer wild in den Bergen lebenden Islandpferde in die Täler getrieben worden sind.

Zwei eigene Pferde

Da Andrea Disqué nun eine echte Isländerin ist, hat sie natürlich auch zwei eigene Pferde. „In Island hat fast jeder, der auf dem Land lebt, ein Pferd“, sagt sie. Und zwar in jedem Fall ein Islandpferd, denn das ist die einzige auf der Insel vertretene Rasse. Um die Reinrassigkeit zu wahren und um Krankheiten zu vermeiden, gilt seit gut 100 Jahren ein generelles Importverbot für Pferde. Auf die circa 320.000 Menschen, die in Island leben, kommen 80.000 Islandpferde.

Während der langen Sommerabende, in denen es kaum dunkel wird, genießt die 25-Jährige das Draußensein mit ihren Pferden Bauti und Haflidi. „Aber gerade auch in der dunklen Jahreszeit brauche ich diese Aufgabe“, verrät die junge Frau, die sich, wie sie zugibt, bisher nur schwer an die monatelange Dunkelheit des isländischen Winters gewöhnen kann. So reiste sie über Weihnachten und Silvester zum Tanken von Licht und Sonne zusammen mit ihrem Freund und seiner 18-köpfigen Familie nach Gran Canaria.

Familie hat hohen Stellenwert

Familie und Geselligkeit spielen in Island eine große Rolle. „Wir hatten vier kleine Kinder unter drei Jahren im Gepäck. Trotzdem gab es keinen Stress, alles läuft Hand in Hand“, berichtet sie. Wie so vieles sei auch der Umgang mit Kindern in Island anders als in Deutschland. Sie hätten mehr Freiheiten, „manchmal auch ein wenig zu viel“, wie sie mit einem Schmunzeln sagt. Das Phänomen der sogenannten „Helikoptereltern“ habe sie im Gegensatz zu Osnabrück in Island allerdings noch nicht beobachtet. Eltern werde es leichter gemacht, es sei kein Problem, Kinder auch mal mit zur Arbeit zu bringen, selbst wenn man in einem Großraumbüro tätig ist.

Und ihre Familie und Freunde in Deutschland? „Die werde ich im Frühjahr wiedersehen“, sagt die junge Frau, die das letzte Mal im vergangenen September für vier Tage in Osnabrück war.

Im Sommer erkundet Andrea Disqué gerne die Insel. Hier sonnt sie sich am „Dettifoss“, dem größten Wasserfall im Nordosten Islands. Foto: Andrea Disqué

Viele Freunde hätten sie aber bereits auch in Reykjavík besucht und dort über ihr neues Hobby gestaunt: „Ich stricke jetzt Isländer-Pullis aus Schafwolle“. Wer einen Pullover bei ihr bestellen oder einfach mehr über ihr Island-Abenteuer lesen möchte, findet Informationen und eine Kontaktmöglichkeit auf ihrem Facebook-Blog.