5. Februar 1968 Als in Osnabrück eine Schülerdemo zum Fahrpreis eskalierte

Von Joachim Dierks

Nicht in Osnabrück, sondern in Hamburg entstand Ende 1967 dieses bekannte Pressefoto, das die Stimmung der sogenannten „68er“ in der damaligen Zeit widerspiegelt. Ein Bild von der Schülerdemo wegen gestiegener Fahrpreise im Februar 1968 liegt im Archiv der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ nicht mehr vor. Symbolfoto: dpaNicht in Osnabrück, sondern in Hamburg entstand Ende 1967 dieses bekannte Pressefoto, das die Stimmung der sogenannten „68er“ in der damaligen Zeit widerspiegelt. Ein Bild von der Schülerdemo wegen gestiegener Fahrpreise im Februar 1968 liegt im Archiv der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ nicht mehr vor. Symbolfoto: dpa

Osnabrück. Vor 50 Jahren erreichte die 68er-Jugendrevolte auch Osnabrück. Äußerer Anlass für die Massenproteste war eine Erhöhung der Busfahrpreise. Ein Sitzstreik am Neumarkt legte zunächst den Busverkehr lahm und artete später in einen Sturm auf das Rathaus aus.

Osnabrück. Zu Beginn des Jahres 1968 hatten die Stadtwerke den seit 1961 geltenden Einzelfahrpreis von 50 auf 60 Pfennig angehoben. Diese Preissteigerung um 20 Prozent sei eine Unverschämtheit, stellte der von Gymnasialschülern gegründete „Unabhängige Sozialistische Schülerbund“ (USSB) fest. Die Stadtwerke würden ihre Monopolstellung ausnutzen, um den geknechteten Massen das letzte Geld aus den Taschen zu ziehen. Da die Stadtwerke im Alleineigentum der Stadt standen, richtete sich der Zorn in erster Linie gegen die Stadtspitze im Rathaus.

Zunächst aber musste der Busverkehr dran glauben. Etwa 250 Schüler folgten am 5. Februar 1968 dem Aufruf des USSB zu einem Sitzstreik auf dem Neumarkt. Um 17 Uhr setzten sich die Jugendlichen an der Bushaltestelle vor dem Kaufhaus Hertie vor einen Eineinhalbdeckerbus der Linie 24 und hinderten ihn an der Weiterfahrt zur Berningshöhe.

Die Osnabrücker Polizeiführung war vorgewarnt, weil in anderen Städten wie Kiel, Bremen, Bochum und Frankfurt bereits ähnliche Aktionen stattgefunden hatten. Die Rechtslage war hier vor Ort eindeutig, weil keine Demonstration angemeldet und ein Sitzstreik zwecks Blockade des Busverkehrs in jedem Falle gesetzeswidrig war.

Böller fliegen

Eier, Tomaten und Knallkörper flogen gegen Busscheiben. Die Polizei griff sich die USSB-Verantwortlichen heraus und forderte sie auf, die Aktion aufzulösen. Vor die Konsequenzen einer Strafverfolgung gestellt, blieb den Unterzeichnern des Flugblattes nichts anderes übrig, als sich über den Lautsprecher des Polizeieinsatzwagens an die Protestierenden zu wenden und sie aufzufordern, nach Hause zu gehen. Das geschah um 17.15 Uhr, also gerade einmal 15 Minuten nach Beginn der Blockade. „Wir wissen, daß wir einen Fehler gemacht haben, und bekennen das offen“, zitierte die „Neue Osnabrücker Zeitung“ am nächsten Tag aus der Lautsprecherdurchsage.

„Scharfmacher, Rowdys“

Doch der Protest war nicht mehr zu stoppen. „Wenige Scharfmacher und Rowdys“ („NOZ“) schafften es, die auf mittlerweile rund 1000 Jugendliche angewachsene Menge zu einem Marsch auf das Rathaus mitzureißen.

Die Polizei hatte ihre Einsatzstärke auf hundert Beamte ausgeweitet und operierte „psychologisch geschickt“ („NOZ“), jede Eskalation vermeidend: „Seien Sie doch vernünftig! Wir verstehen ja Ihre Forderungen. Sie machen sich strafbar und schaden Ihrer Sache!“ So und ähnlich klang es immer wieder beschwörend aus dem Polizeilautsprecher, während zwischendurch besänftigende Melodien wie der „Mitternachts-Blues“ und „Il Silenzio“ abgespielt wurden.

„Hoch lebe das Fahrrad!“

Doch die Menge setzte den Marsch unbeirrt fort, quittierte die Durchsagen mit Pfeifen und Grölen und schwenkte Transparente mit Aufschriften wie „Sauerei!“ oder „Hoch lebe das Fahrrad“.

Vor dem Rathaus bildete die Polizei eine Absperrkette, die einzelne Demonstranten zu durchbrechen suchten. Es kam zu Handgreiflichkeiten. „Mörder!“, schleuderte die Menge den Polizisten entgegen und stimmte „Die Internationale“ an.

Man muss vielleicht daran erinnern, dass wenige Monate zuvor der Student Benno Ohnesorg bei Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin von einem Polizisten erschossen wurde. Das gesellschaftliche Klima war aufgeheizt. Vietnam-Krieg und Notstandsgesetze spalteten das Land, die erste Groko der deutschen Nachkriegsgeschichte unter Kiesinger und Brandt sorgte lehrbuchmäßig für ein Erstarken der politischen Ränder.

Zwei Monate später sollte das Attentat auf Rudi Dutschke stattfinden, wodurch die Außerparlamentarische Opposition („Apo“) noch mehr Zulauf bekam. Der spätere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) begann seine politische Karriere als Steine werfender Straßenkämpfer.

Kelch agiert diplomatisch

In Osnabrück konnte etwas Druck aus dem Kessel entweichen, indem Oberbürgermeister Willi Kelch (SPD) und Oberstadtdirektor Joachim Fischer Vertreter des USSB und des Stadtschülerrings ins Rathaus ließen und mit ihnen diskutierten.

Die Stadtspitze legte die defizitäre Situation der Verkehrsbetriebe dar und erklärte, dass die Fahrpreise eigentlich noch viel höher ausfallen müssten, wenn sie nicht aus städtischen Mitteln subventioniert würden. Noch höhere Subventionen würden unter anderem bedeuten, dass weniger Geld für Schulen und Kindergärten zur Verfügung stünde.

Auf Franz Josef Strauß berufen

Die USSB-Vertreter, zwei Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums, zweifelten diese Argumentation an. Nach ihren Informationen würde der Busverkehr schwarze Zahlen schreiben, müsste aber Defizite in der Wasser- und der Stromversorgung ausgleichen. Außerdem hätte Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) gesagt, es sei unzulässig, unter dem Deckmantel der soeben eingeführten Mehrwertsteuer die Fahrpreise zu erhöhen.

Kelch und Fischer erklärten sich bereit, an einer Podiumsdiskussion im Haus der Jugend teilzunehmen. Daraufhin verließen die Jugendlichen das Rathaus. Die Demonstranten zerstreuten sich. Ab 21 Uhr lief der Busverkehr wieder normal.

Die Fahrpreiserhöhung blieb bestehen. Die Protestierer hatten in der Sache zwar nichts erreicht, aber doch die für sie ermutigende Erfahrung gemacht, dass die damals viel beschworene Solidarisierung von Schülern, Studenten und Lehrlingen gelingen kann. Es sollte in der Zukunft in Osnabrück weitere Anlässe geben, um auf der Straße gegen das „Establishment“ aufzubegehren, wie etwa beim Abriss des Hauses Schöningh am Domhof oder nach der Schließung des „Hyde Parks“ an der Rheiner Landstraße.