Ärger über Nordwestbahn Zugausfall: Friese zahlt 535 Euro für Taxen von Osnabrück nach Jever

Von Jörg Sanders

Eine Nordwestbahn in Bramsche: Bis dahin war der letzte Zug des Unternehmens am Dienstag nicht gekommen – wegen einer Stellwerksstörung. Symbolfoto: Heiner BeinkeEine Nordwestbahn in Bramsche: Bis dahin war der letzte Zug des Unternehmens am Dienstag nicht gekommen – wegen einer Stellwerksstörung. Symbolfoto: Heiner Beinke

Osnabrück/Bramsche. „Mit einem Taxi nach Paris“ – wer kennt es nicht, das Lied von Felix De Luxe. Ganz so weit musste der Friese Detlef Pohl nicht mit dem Taxi fahren, doch die Fahrt von Osnabrück nach Jever für 535 Euro kann sich auch sehen lassen. Ganz freiwillig hat der 67-Jährige das jedoch nicht gemacht: Die Nordwestbahn hatte ihn seiner Schilderung zufolge hängen lassen. Auf seinen Kosten wird Pohl wohl sitzenbleiben.

Am Dienstag wollte Pohl mit dem Zug von Bonn in seine Heimatstadt Jever fahren. Dafür musste er am Osnabrücker Hauptbahnhof umsteigen, um anschließend mit der Nordwestbahn (NWB) gen Friesland aufzubrechen. Es war der letzte Zug der NWB gewesen, der an diesem Abend fuhr.

Zurück nach technischer Störung

Das tat er. „Es ging auch fahrplanmäßig los“, berichtet Pohl im Gespräch mit unserer Redaktion – wenngleich nicht sonderlich weit. In Osnabrücker Stadtteil Eversburg stoppte die Bahn auf freier Strecke. Per Durchsage informierte das Zugpersonal, dass es eine Stellwerksstörung gebe und die Fahrgäste über die weiteren Entwicklungen informiert würden. „Dann passierte erst einmal eine knappe Stunde gar nichts“, sagt Pohl. Anschließend die Ansage: Der Zug müsse zurück zum Osnabrücker Hauptbahnhof. Kann ja mal passieren.

Vom Zugpersonal keine Spur

Dort angekommen, stiegen die rund 50 Fahrgäste aus. „Vom Zugpersonal war nichts mehr zu sehen“, versichert Pohl. „Wir waren der Kälte ausgesetzt, draußen herrschten Temperaturen von minus fünf Grad, in der Halle war es nicht viel wärmer.“

Da die NWB ihr Kundencenter im Dezember 2017 geschlossen hatte, war guter Rat teuer.

Hotline nicht erreicht

Kostenlos gab es ihn dann doch von einem Mitarbeiter im Kundencenter der Deutschen Bahn. Dieser „war sehr hilfsbereit“, konnte aber auch nichts ausrichten. „Er wollte die Hotline der NWB erreichen und ist genauso daran gescheitert wie wir auch.“

Kurze Zeit später „haben wir wieder Hoffnung geschöpft“, erzählt Pohl weiter. Die Anzeigetafel listete einen Zug ab 23.01 Uhr nach Oldenburg – immerhin die richtige Richtung. Ein Teil der Gestrandeten war bereits verschwunden, sie hatten es offenbar nicht mehr weit und ihr Weiterkommen anderweitig organisiert.

Hoffnung umgehend wieder gedämpft

„Nach weiteren 20 Minuten kam dann eine Ansage, dass dieser Zug bedauerlicherweise erst in Bramsche eingesetzt würde und dass wir auf Kosten der Nordwestbahn ein Taxi dorthin nehmen könnten“, berichtet Pohl. Grund war die die Stellwerksstörung.

„Zur Kostenminimierung“ nahm Pohl mit vier weiteren Fahrgästen ein Sammeltaxi nach Bramsche. Kostenpunkt: 50 Euro.

Hoffnung ganz eingestampft

Dort angekommen, erhielt Pohl vom Fahrdienstleiter die für ihn wenig erbauliche Auskunft: Es fahre kein Zug mehr. „Wir haben in Osnabrück eine Fehlinformation bekommen“, sagt Pohl. Der freundliche Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn meinte, dass der 67-Jährige sicherlich Anspruch auf ein Taxi habe.

Also organisierte Pohl erneut ein Sammeltaxi für sich und weitere Fahrgäste. Die Freude beim Fahrer dürfte groß gewesen sein, als er das Ziel hörte: einmal Jever bitte. 485 Euro kostete die „immerhin schön warme“ Reise in den Landkreis Friesland über Cloppenburg, Zetel und Wilhelmshaven – die Ziele seiner Mitreisenden. Kurz vor seinem Zuhause musste Pohl zum Geldautomaten, 485 Euro hatte er nicht mal eben so in der Tasche. Zuhause war er um 2.30 Uhr – um 22.34 Uhr wäre er mit dem Zug angekommen.

Ärger über mangelnden Service

Pohl ärgert sich nicht über die technische Störung. „So eine Panne kann passieren, darüber bin ich nicht sauer“, versichert er. „Aber uns alleine zu lassen, isoliert und frierend, ohne Hilfe des Zugpersonals“, dafür hat er kein Verständnis. Am Tag danach wollte er die NWB zur Rede stellen; doch ein Servicemitarbeiter habe ihm am Telefon gesagt, er solle ein Formular im Internet ausfüllen. Pohl wollte aber einen Verantwortlichen sprechen. „Der Mitarbeiter sagte, er habe nicht die Kompetenz, so ein Gespräch herzustellen“, sagt Pohl.

NWM bestätigt Stellwerksstörung

Tatsächlich habe es eine Stellwerksstörung bei der DB Netz AG gegeben, weswegen der Zug nicht nach Bramsche fahren konnte, sagt NWB-Sprecher Steffen Högemann auf Anfrage unserer Redaktion. Als der Zug wieder in Osnabrück eintraf, habe die Deutsche Bahn die NWB aufgefordert, das Gleis unverzüglich für eine Westfalenbahn freizumachen. Daher habe sich das Zugpersonal nicht um die Fahrgäste kümmern können, erklärt Högemann.

Personal selbst ohne Infos

Ferner hätten Triebführerin und Zugbegleiterin zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht gewusst, wie es weitergeht, und sei davon ausgegangen, dass ihr Zug zeitnah wieder auf das Gleis zur Weiterfahrt könnte. Doch er wurde in die Werkstatt geschickt. Folglich habe das Zugpersonal den Fahrgästen nichts sagen können. Die Zugbegleiterin habe sogar noch einige Überstunden gemacht und die Fahrgäste in Bramsche wieder in Empfang genommen und informiert.

Zug in Bramsche verpasst

Zumindest die, die es rechtzeitig bis dahin geschafft hatten. Ein Bus als Ersatz fuhr nicht nach Bramsche: Die NWB habe um diese Zeit schlichtweg kein Unternehmen finden können, versichert Högemann. Ihm zufolge verließ die letzte NWB den Bramscher Bahnhof um 22.51 Uhr – statt der 22.25 Uhr nach Fahrplan. Als Pohl nach 23 Uhr in Bramsche eintraf, war der Zug längst weg.

Das wiederum war der mangelnden Informationslage geschuldet. „Die Hotline sollte eigentlich durchgehend erreichbar sein“, sagt der NWB-Sprecher. „Warum sie in diesem Fall nicht erreichbar war, kann ich leider nicht sagen“, ergänzt er. Womöglich habe Pohl es nicht oft genug probiert oder nicht lange genug gewartet, bis eine Leitung frei war. „Die Info, dass er mit dem Taxi nach Bramsche fahren konnte, war nicht falsch – aber sie ist zu spät gekommen“, sagt Högemann.

80 Euro als Grenze

Und die Kosten? Auf denen wird der Friese wohl sitzenbleiben – zumindest weitgehend. Dass er ein Sammeltaxi gerufen, weitere Gestrandete mitgenommen und das Geld ausgelegt habe, „ist ehrenwert“, sagt Högemann. Aber falsch. „Eine Hotelnacht wäre in diesem Fall die richtige Option gewesen“, ergänzt er; denn die Fahrgastrechte besagen: Hotelnacht oder Taxifahrt bis zu 80 Euro.

Womöglich könne Pohl die Angelegenheit mit dem Kundenservice klären, schließlich verteilten sich die 535 Euro auf mehrere Fahrgäste.

Der 67-Jährige will der NWB eine Rechnung über den gesamten Betrag schicken. „Im Zweifelsfall gehe ich den Rechtsweg“, sagt er. Zeit genug für einen Rechtsstreit hat er ja nun: „Ich bin frisch pensioniert.“