Serie zum Osnabrücker Wissensforum Foul im Sport: Muss der Gegner Schmerzensgeld zahlen?

Von Hans Schulte-Nölke

Hans Schulte-Nölke ist Professor für Bürgerliches Recht, Europäisches Privat- und Wirtschaftsrecht, Rechtsvergleichung und Europäische Rechtsgeschichte. Foto: Gert WestdörpHans Schulte-Nölke ist Professor für Bürgerliches Recht, Europäisches Privat- und Wirtschaftsrecht, Rechtsvergleichung und Europäische Rechtsgeschichte. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Foul im Sport. Muss der Gegner Schmerzensgeld zahlen?

Nur noch der Torwart versperrt den Weg zum sicheren Tor. Der setzt zur Blutgrätsche an – und trifft. Allerdings nicht den Ball, sondern das Bein, das jetzt gebrochen ist. Muss der Torwart Schmerzensgeld zahlen?

Die Antwort hängt von den genauen Umständen des Einzelfalls ab, vor allem davon, ob ein grober Verstoß gegen die Spielregeln vorlag. Grundsätzlich ist es nach den Fußballregeln erlaubt, durch eine Grätsche einen Gegner vom Ball zu trennen. Wenn der Angriff sich gegen den Ball richtet und nicht durch übertriebene Härte die Gesundheit des Gegners gefährdet, liegt kein Regelverstoß vor. Hat sich aber ein Spieler regelkonform verhalten, haftet er selbst dann nicht, wenn der Gegner sehr schwer verletzt wird. Denn Fußball ist ein Kampfspiel. Selbst bei Einhaltung der Regeln besteht das Risiko von – auch schweren – Verletzungen. Die Spieler nehmen dieses Risiko in Kauf. Es kann jeden treffen. Deshalb wäre es rechtsmissbräuchlich, wenn ein verletzter Spieler von einem anderen, der sich regelgerecht verhalten hat, Schmerzensgeld forderte.. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Aber auch in dem Fall, dass ein Regelverstoß vorliegt, bedeutet dies noch nicht zwangsläufig, dass der foulende Spieler Schmerzensgeld zahlen muss. Die Gerichte sind relativ fußballfreundlich. Sie nehmen Rücksicht auf die Hektik und Eigenart eines Fußballspiels, bei dem die Spieler oft im Bruchteil einer Sekunde Chancen abwägen und Risiken eingehen müssen.

Ein Beispiel: Ein Torwart hatte in einen Stürmer gegrätscht, und nicht den Ball, sondern dessen Bein getroffen. Für diese Notbremse erhielt er die Rote Karte. Der Stürmer erlitt einen Unterschenkelbruch und verlangte Schmerzensgeld. Der Torwart verteidigte sich damit, dass er eine realistische Chance hatte, den Ball noch zu erreichen. Sein Versuch, den Schuss zu vereiteln, sei eine normale Spielhandlung gewesen. Das Gericht folgte ihm darin und stellte fest, dass keine absichtliche Blutgrätsche in die Beine, sondern ein spieltypischer Kampf um den Ball stattgefunden habe. Obwohl er ein Foul begangen hatte, musste der Torwart daher nicht Schmerzensgeld zahlen, weil eine rohe und rücksichtslose Spielweise nicht vorlag (Landgericht München I, Az: 34 O 13010/05).

Privathaftpflichtversicherung hilft

Daraus folgt: Wenn unser Torwart auf den Ball gezielt hat und nicht mit übertriebener Härte vorgegangen ist, muss er auch dann kein Schmerzensgeld zahlen, wenn er den Stürmer schwer verletzt. Dies gilt gleichermaßen für Profikicker wie für Amateure. Nur wenn bewiesen wird, dass der Torwart auf die Beine gezielt hat oder es unmöglich war, den Ball zu erreichen oder er mit übertriebener Härte vorgegangen ist, dann hat er schuldhaft eine grobe Regelwidrigkeit begangen und muss Schadensersatz und Schmerzensgeld zahlen. Aber auch dann hilft, unter Amateuren, eine Privathaftpflichtversicherung. Die muss solche Schäden übernehmen, außer wenn ein Spieler seinen Gegner vorsätzlich verletzen wollte. Profifußballer versichern sich meist selbst gegen Verletzungen, bei einer WM versichert sie auch die FIFA.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.