Stadtrundrang entlang der Pfähle Poller in Osnabrück: Brauchen wir Vollpfosten?

Von Anne Spielmeyer


Osnabrück. Der Poller muss liefern. Er soll schützen, abgrenzen und ist für viele nicht weniger als eine gut verankerte Beruhigungspille. Ein Stadtrundgang zeigt, wie verpollert Osnabrück ist und entlarvt, warum wir ab und an Vollpfosten brauchen.

Es musste nicht erst ein Lkw in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin rauschen, um dem Poller Gewicht zu verleihen. Er ist auch in Osnabrück gesetzt. Am Sparkassen-Parkhaus grinst den Betonköpfen sogar ein Poller-Graffiti entgegen, das recht freundlich dafür dreinschaut, dass es die Frage aller Fragen berührt: Ist es ausgerechnet der Poller, der unsere bröselige Gesellschaft zusammenhalten muss? Offenbar.

Die Poller-Typen

Denn zählbar ist er längst nicht mehr, bestätigt Jürgen Schmidt vom Fachdienst Straßenbau der Stadt Osnabrück. Allenfalls schätzbar. Wer die Pollerbrille aufsetzt, kann in Osnabrück in einen wahren Rausch geraten: Dicke aus Sandstein, schlanke mit Ösen, herausnehmbare, unumstößliche, eckige, abgerundete, sogar zwei elektronisch versenkbare gibt es im Stadtgebiet – an der Johannisfreiheit vorm Marienhospital. So viele in Form und Material sind es, dass es frech wäre, sie einfach wegzudenken aus der Stadtkulisse. Der Fachbereich Straßenbau differenziert in drei Hauptgruppen: den Antikpoller– ein historisch anmutender Poller mit achteckigem Querschnitt und eingelassenem Stadtwappen, der etwa 800mal in die Altstadt gepflanzt ist und hinter dessen alter Fassade das Leichtmetall blitzt; den schlanken Stahlpoller, der etwa 1500mal vor allem Wohn- und Verbindungswege in Grünanlagen absperrt; und den dumpfen Holzpoller, der genauso schnell umgefahren wie aufgestellt werden kann, und dessen Stückzahl sich „jeder seriösen Schätzung entzieht“, erklärt Jürgen Schmidt.

Invasion in den 80ern

Die Invasion setzte in den 80er und 90er Jahren im Zuge der Umgestaltung der Innenstadt ein. Wann welcher Poller wo gepflanzt wurde, ist nicht mehr nachvollziehbar. Das ist bei den Pfosten wie bei jeder guten Vegetation auch – wenn keiner „Stop!“ schreit, verselbstständigt sie sich irgendwann. Plötzlich umpollern kleine Pfähle Bäume, Beete, Fahrradständer, sodass niemand mehr weiß, ob das nun Teil der allgemeinen Beruhigung, Stolperfalle oder ästhetischer Fingerzeig ist. „Vieles wächst der Not gehorchend“, sagt Schmidt. Freie Plätze bleiben oft nur mit freundlicher Unterstützung eines Pfostens frei von parkenden Autos oder haltenden Paketdiensten. Da, wo Schilder und Markierungen versagen, wächst der Pfahl über sich hinaus. Er bäumt sich auf, und steht je nach Grad der vorausgegangenen Auseinandersetzung gerade oder geknickt am Straßenrand, soll nicht weniger als Recht und Revier verteidigen und uns schützen. Wenn es sein muss auch vor Terror. Größer können die Erwartungen an einen Pfosten kaum sein. Klopf auf Holz, Aluminium, Beton – worauf auch immer. Der Poller beruhigt uns, weil er etwas regelt, was wir ohne ihn nicht hinbekommen?

Reserve-Exemplare auf dem Bauhof

Neben den offensichtlich notwendigen und den offensichtlich überflüssigen gibt es die getarnten: Die unauffälligen Steinwürfel am Nikolaiort zum Beispiel sind nicht weniger als die geheimen Lotsen des Lieferverkehrs. Sie sollen verhindern, dass Lkw beim Rangieren die gläsernen Vordächer der Geschäfte streifen, erklärt Schmidt. Wer denkt, es werde wahllos rumgepollert in Osnabrück, der irrt. Anders als die günstigen Holzpfosten kann der Antikpoller durchaus Fragen der Stadtgestaltung berühren und nicht nur den Fachdienst Straßenbau, sondern auch die Kommunalpolitik beschäftigen. Längst liegen von diesem Modell 20 Reserve-Exemplare auf dem Bauhof. Niemand würde jemals einen Poller-Notstand riskieren.

Kühe in der Schänke?

Es gibt Städte, da behandeln Ämter Pfähle wie Kunstwerke „Bei uns sind es einfach Poller“, nimmt Schmidt die Illusion eines eingelassenen künstlerischen Gesamtkonzepts. Aber mit etwas gutem Willen lässt sich auch in Osnabrück Kunst am Straßenbau erkennen. Vor der Marktschänke gibt es Poller in Serie, die durch eine Kette verbunden sind. Das Einrichtungsgeschäft gegenüber hat an diesem Tag Balkonstühle vor die Tür gestellt – samt bedruckter Kissen. Kühe glotzen von den Kissen auf die Schänke. Klar, dass hier eine Kette hängen muss. Was, wenn die Kühe ausbrechen, sich an die Theke schlagen und literweise Bier in den Pansen spülen? Undenkbar. Das darf nicht sein. Allein schon für das, was wir uns ausmalen, ist der Poller unverzichtbar.