Lesung im Theater am Domhof Daniel Kehlmann beeindruckt mit seinem Roman „Tyll“

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Großartiger Erzähler: Daniel Kehlmann las im Theater am Domhof aus seinem Roman „Tyll“. Foto: Hermann PentermannGroßartiger Erzähler: Daniel Kehlmann las im Theater am Domhof aus seinem Roman „Tyll“. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Daniel Kehlmann hat vor einem ausverkauften Theater am Domhof aus seinem Epochenroman „Tyll“ gelesen. Für seinen Auftritt in Osnabrück machte er eine Ausnahme und las aus dem letzten Kapitel, das in der Friedensstadt spielt.

Und plötzlich ist es ganz still im Theater am Domhof. Nach und nach steigert sich der Schrecken im ersten Kapitel von „Tyll“. Als der Narr Tyll Ulenspiegel in die kleine Stadt kommt, ist das für alle zunächst eine großartige Abwechslung vom Alltag. Doch sein Besuch endet mit dem berühmten Schuhstreich im Chaos und ist ein Vorbote für das, was kommt. Denn der Krieg erreicht die Stadt schließlich doch noch und tötet fast all ihre Einwohner. Auch die zwölfjährige Martha, die Tylls Angebot, sich seiner Gruppe anzuschließen, abgelehnt hat.

Nur noch vereinzeltes Husten ist im Saal zu hören, als Daniel Kehlmann den Anfang seines neuen Romans liest. Wer noch einen letzten Beweis braucht, dass dieser Autor ein grandioser Erzähler ist, der hat ihn spätestens hiermit bekommen.

(Weiterlesen: Daniel Kehlmanns „Tyll“ als virtuoses Epochenbuch)

„Tyll“ passt ins Theater

Kehlmann ist einer der wenigen Autoren, die in der Lage sind, vor einem ausverkauften Theater am Domhof zu lesen. Das ist zuletzt Donna Leon gelungen. Für Daniel Kehlmann hätten das Theater und die Buchhandlung zur Heide noch mühelos 200 Karten mehr verkaufen können. Die Buchhandlung hat ihre Lesungsreihe „Littera“ aus diesem Anlass zum ersten Mal ins Theater am Domhof verlegt. Moderator ist der in Osnabrück lebende Autor und IfM-Dozent Dirk Engler, der Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ erfolgreich für die Bühne bearbeitet hat.

Zwar hat zur Heide auch schon Autoren wie Günter Grass und Herta Müller in die Osnabrück-Halle geholt. Doch „Tyll“ passt eben ins Theater. Schließlich wird auch im Roman Theater gespielt. Und zudem verbirgt sich an diesem Abend hinter dem Vorhang schon das Bühnenbild von „Mutter Courage und ihre Kinder“. Ein passender Bezug. Denn auch „Tyll“ spielt im 30-jährigen Krieg, über den es am Schluss des ersten Kapitels heißt: „Denn es ist alles nicht lang her“.

(Weiterlesen: Günter Grass in Osnabrück)

Elisabeth Stuart in Osnabrück

„Es ist wirklich nicht lang her“, sagt Daniel Kehlmann im Gespräch mit Engler. Spuren des grausamen Krieges gibt es bis heute. Der deutsch-österreichische Autor hat sich für seinen Roman in das Alltagsleben von damals eingelesen hat. Wie haben die Fenster ausgesehen? Was haben die Leute getragen? Worauf haben sie gesessen? Das alles habe er aus der Fachliteratur zum Alltagsleben von damals, über das in den vergangenen Jahren viel erschienen sei. „Ohne die hätte ich das nicht schreiben können“, so Kehlmann.

Fakten und Fiktion vermischen sich in „Tyll“. So soll die Titel- und Leitfigur, deren Existenz ohnehin nicht historisch belegt ist, 200 Jahre früher gelebt haben. Und Elisabeth Stuart, Frau des Winterkönigs und Enkelin der schottischen Königin Maria Stuart, war niemals in Osnabrück. Daniel Kehlmann lässt sie aber über Bentheim und Ibbenbüren eben dorthin zu den Westfälischen Friedensverhandlungen reisen.

Das geschieht im letzten Kapitel, aus dem er eigentlich nie bei Lesungen vorträgt. Für Osnabrück macht Daniel Kehlmann eine Ausnahme. Und so kommen die Zuhörer in den Genuss eines subtilen Spiels um Anerkennung und Macht. Dafür und für den ganzen Abend überhaupt gibt es am Ende einen langen Applaus.

(Weiterlesen: Buchhändler Lennart Neuffer über „Littera“ und seine Gäste)


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