Theater am Domhof ausverkauft Beim siebten Dead Or Alive-Poetry Slam gewinnt der Zeitgeist

Von Matthias Liedtke


Osnabrück. Am Ende erhoben sich die Lebenden über die Toten bei der siebten Auflage des ungleichen, von Simon Niemann und Andreas Weber lebendig moderierten „Dead or Alive“-Poetry Slams der Lagerhalle im ausverkauften Theater am Domhof in Osnabrück.

Dabei taten die vier Schauspieler, die diesmal den Club der toten Dichter verkörperten, alles, um die Klassiker wiederauferstehen zu lassen. Doch die vitalen Zombies konnten am Ende nichts ausrichten gegen den jugendlichen Zeitgeist, der in Gestalt von Gewinnerin Josefine Berkholz auf der Bühne stand. Ohne Textvorlage las die Neu-Bochumerin aus ihrem wütenden Kopf ein Prosa-Pamphlet gegen ihren unverbesserlichen, „schwierig“ gewordenen Opa – und dabei gleichzeitig pauschal auch allen anderen „alten Männern“ die Leviten. Nichts Geringeres, als dass sie „endlich sterben“, wünschte sie todernst ihnen und vor allem sich, damit der Weg frei ist für die jüngere Generation, denen die Zukunft gehört.

„Rache der Radieschen“

Dass genau diese auch weniger humorlos sein kann, bewiesen indes ihre drei „lebendigen“ Mitstreiter. Paul Bokowski aus Berlin etwa wünschte sich ungleich charmanter seine alltäglichen „Erzfeinde“ im Straßenverkehr oder im Supermarkt „raus aus unserem Genpool“. Victoria Helene Bergemanns Text „Von Klavier spielenden Katzen“ entpuppte sich gar als treffsicheres Pointengewitter einer „Primzahl“, mit der sich „niemand teilen will“ außer sie selbst. Und Jaromir Konecny schilderte wortartistisch eine skurrile Begegnung mit dem anderen Geschlecht unter schlechten Sternzeichen in Form der „Rache der Radieschen“. Diejenigen, die solche bereits von unten betrachten, hielten tapfer dagegen. Der von Andreas Möckel verkörperte russische Dichter Daniil Charms versuchte das Publikum gar mit frisch gebackenem Popcorn zu bestechen. Der Tod siegte letztlich aber allein in seinem Text. Auch das von Helene Stupnicki kokett gespielte „Fräulein Mizzi“ aus einem Lied von Georg Kreisler blieb chancenlos.

Schlüpfrige Texte

Die lebenden Poeten Victoria Helene Bergemann (von links), Jaromir Konecny, Josefine Berkholz und Paul Bokowski traten beim Poetry Slam „Dead or Alive“ im Theater am Domhof Osnabrück auf. Foto: David Ebener

Ronald Funke glänzte als Hugo Ball mit fein verschwurbelter, lautmalerischer dadaistischer Lyrik, kam damit aber letztlich auch nicht gegen die klaren Worte der Lebenden an. Allein der vor zwölf Jahren verstorbene Robert Gernhardt konnte in der Jury- und Publikumsgunst mithalten. Seinem Darsteller Stefan Haschke gelang das nicht zuletzt mit der Wahl maximal schlüpfriger Texte und einer Performance, bei der er buchstäblich die Hosen runterließ. Das tat in gewisser Weise auch die Siegerin Josefine Berkholz, als sie im Finale mit einem Text über ihr früheres Ich persönliche Selbstfindung und Nabelschau betrieb. „Nichts verschwindet“ hieß der – die alten Männer wohl ausgeschlossen.