Tom Gaebel gewählt Ein Sänger auf dem Osnabrücker Grünkohlthron

Von Wilfried Hinrichs


Osnabrück. Überraschung bei der 65. Osnabrücker Mahlzeit: Grünkohlkönig wurde am Freitagabend der 43-jährige Sänger und Entertainer Tom Gaebel aus Ibbenbüren.

Als Thomas Salz, Vorstandsmitglied des Verkehrsvereins Osnabrück (VVO), den 1300 Männern in der Osnabrück-Halle den Namen den neuen Regenten verkündete, brandete pflichtgemäßer Applaus auf – aber manche Gäste schauten sich fragend an und zückten anschließend das Handy, um den Namen zu googlen.

Tom Gaebel, der deutsche Frank Sinatra und nach den Worten von Thomas Salz „ein absoluter Star und Profi, ein James Bond, Captain Future und Frank Sinatra in einer Person“. Der Entertainer, 1975 in Gelsenkirchen geboren, zwischen Püsselbüren und Ibbenbüren in einer durch und durch muskalischen Familie aufgewachsen, spielt Geige, Schlagzeug, Klavier und Posaune und hat, um noch einmal Salz zu zitieren, „das Format eines Frank Sinatra“.

Der deutsche Sinatra

Tom Gaebel macht den Sinatra wie kaum ein anderer, und er beendete seine Thronrede zusammen mit seinem vierköpfigen Orchester denn auch angemessen mit dem Klassiker „May Way“. Aber der 43-Jährige hat auch, wie VVO-Vorsitzender Felix Osterheider durchklingen ließ, das Zeug, zum Botschafter Osnabrücks und des Osnabrücker Landes zu werden.

Dieses Kalkül könnte aufgehen, denn Gaebel ließ in seiner Rede keinen Zweifel daran, wie sehr er sich mit Osnabrück verbunden fühlt. Osnabrück, so sagte er, das war aus der Perspektive von Püsselbüren „das Tor zur Welt“. „Da war Musik, da war Leben und das war der Erotik-Shop.“ Und natürlich genoss er auch den Hyde-Park und die „Zigaretten, die einem da eingeboten wurden und ganz anders schmeckten als die in Püsselbüren“. König des Osnabrücker Grünkohlvolkes zu sein, das sei für ihn, der aus kleinen Verhältnissen komme, eine „große, große Ehre“.

Seine Eltern förderten sein muskalischen Talent schon früh. Später, als Teenager, tourte er mit einer Osnabrücker Feuerwehrkapelle über die Dörfe, durch Zelt- und Schützenfeste. „Osnabrück war und ist für uns viel wichtiger als Münster“, sagte Gaebel unter dem aufbrausenden Applaus der 1300 Gäste. Aber er schränkte gleich ein: „Sollte ich mal in Münster so einen Preis bekommen, sage ich das genau umgekehrt.“

Ibbenbüren ist seine Heimat, aber Gaebel ist viel unterwegs. Fernsehauftritte wie im ZDF-Fernsehgarten oder in der ARD-Show „Gefragt - Gejagt“, Gastspiel, Tourneen, eigene Produktionen. Acht Alben hat er inzwischen auf den Markt gebracht, aktuell ist ein Album zusammen mit den „Fantastischen Vier“ in Arbeit.

Einstimmig gewählt

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Grünkohlkönig lange zuvor in einem intensiven Auswahlprozess ausgesucht wird. Aber das Spiel und die Rituale dieses Abends wollen es so, dass sich die Vorstandsmitglieder nach dem Essen an der Theke versammeln, um über den neuen Grünkohlkönig abzustimmen. 14 Vorstandsmitglieder hätten ihre Stimme abgegeben, sieben den neuen König nicht gekannt, aber alle für ihn gestimmt, sagte Felix Osterheider.

Zum Auftakt des Abends hatten die Gäste des verstorbenen, langjährigen Geschäftsführers des VVO, Gerrit Nüssmeier, gedacht. Osterheider wies in seiner Begrüßung auf das segensreiche Wirken des Verkehrsvereins hin, der in den 66 Jahren seines Bestehens über eine halbe Million Euro für gemeinnützige Einrichtungen gespendet habe – nter anderem aus dem Erlös der Osnabrücker Mahlzeit. Die Gelder gingen zum Beispiel an das Frauenhaus, an Helpe-Age oder an Projekte der Hochschulen in Osnabrück.

Ex-König Voss dankt wortgewaltig ab

Zuvor hatte Gaebels Vorgänger Peter Voss wortgewaltig abgedankt, und zwar gänzlich unbescheiden, wie es sich für einen stolzen Grünkohlkönig ziemt: „Mein Volk wird mich vermissen und Denkmäler errichten, die mein heroisches Handeln thematisieren“, sagte der Handwerkspräsident in einer Weise, die sogar einen Prahlhans wie Donald Trump als zurückhaltend erscheinen lässt. Als zentrale Erinnerungsstätte an „einen der besten Monarchen, der das Grünkohlreich je regiert hat“, schlug Voss den Neumarkt vor – womit er bei seinem Thema war: die Verkehrspolitik.

Voss watschte seine „Hofnarren“ OB Wolfgang Griesert, Stadtbaurat Frank Otte und Landrat Michael Lübbersmann“ ab, die ihm „leider stets mit Rat und bedauerlicherweise auch mit Tat zur Seite gestanden“ hätten. Voss lästerte über die „Osnabrücker Verkehrs-Narretei“, die im Bau eines Radschnellweges gipfele. Für Fahrradefahrer – diese „völlig bekloppten antimonarchistischen Anarchisten“. Fast acht Millionen Euro für den Radweg, „13000 Euronen pro Meter“, wunderte sich Voss: „Weil das in meiner königlichen Betrachtungsweise völlig bekloppt erscheint, habe ich dieser unsinnigen Logik folgend doch schnell mal Osnabrück zur fahrradfreundlichen Stadt erklären lassen. Bei meiner schweren Amtsbürde wollte ich wenigstens einmal so richtig was zu lachen haben.“

Mit beißenden Spott kommentierte der Handwerkskammerpräsident aus dem Emsland auch den Beschluss des Osnabrücker „Stadt-Narren-Rats“ unter Leitung des „Oberbürger-Narren“ Griesert, ein Park-and-Ride-Fahrschein einzuführen. „Ne Scheißidee!“

Knüppeldick kam es für den „Narrenrat“ im Rathaus, als Voss über den Modellversuch Tempo 30 herzog. Auch auf Hauptverkehrsstraßen solle es künftig nach Meinung des Stadtrates „sanft und leise“ zugehen. Voss: „Von wegen sanft und leise. Ja, guckt euch den Mist jeden Morgen und Abend doch mal an. Wir haben doch schon Tempo 10, wenn überhaupt. Überall staut sich der Verkehr sanft und leise. Sanfter und leiser geht es doch gar nicht mehr!“ Wenn diese Verkehrs-Narretei nicht endlich aufhöre, „kriegen die mal so richtig sanft und leise mit meinen Grünkohl-Zepter was um die Ohren“. Voss hatte im Vorjahr mit einer fulminanten Rede die Zuhörer mitgerissen und verließ auch Freitagabend unter Jubelapplaus die große Bühne.