Politik bedroht Musiklandschaft Fehlen bald die Proberäume in Osnabrück?

Von Tom Bullmann


Osnabrück. Um die 300 aktive Bands gibt es derzeit in Osnabrück, und alle müssen proben. Viele von ihnen sind in der ehemaligen Limberg-Kaserne oder am ehemaligen Güterbahnhof untergekommen. Doch das politische Tagesgeschäft bedroht die Musikbiotope.

In einer Durchreiche erscheint der Kopf einer jungen Frau. Sie blickt auf ihre Freunde und sagt mit einem Grinsen: „Das sind richtig harte Jungs.“ Dann krabbelt sie mit ein paar Queues durch die Durchreiche in einen großen Raum mit Billardtisch. Dort stehen die „harten Jungs“, die eigentlich sehr nett und friedfertig aussehen. Doch dann greifen sie zu Mikrofon, Gitarre und Bass, Michael setzt sich hinter das Schlagzeug, und die Hölle bricht los. Sägende Gitarrensounds, wummernder Bass und krasser Hochgeschwindigkeitsbeat erfüllen den Raum, Sänger Dennis liefert dazu den erdig gebrüllten Gesang. Death Metal nennt man diese Musik, Musik, die niemand aus seinem Keller oder dem des Nachbarhauses hören möchte. „Bloodshed in Paradise“ heißt die Band, die ihr krachendes Inferno entfachen darf. Denn hier, in Raum 11 von Baracke 5 der ehemaligen Briten-Kaserne am Limberg, stört diese Band niemanden. Anwohner gibt es nicht, und neue Nutzer wie Kindertagesstätten, Hochschule und Gewerbebetriebe, die sich in ehemaligen Mannschaftsunterkünften, Exerzierhallen und Kantinen angesiedelt haben, sind so weit entfernt, dass die Metal-Breitseite der Band sicher niemandem auf die Ohren und die Nerven geht. Weiterlesen: „Bloodshed in Paradise“ schafft es ins Finale des SPH BAndcontest

Der Bass von nebenan

In einer Probenpause dringt ein tiefes, elektronisches Basswummern in den Raum der Metal-Musiker. „Das sind die Kollegen von nebenan“, sagt Bloodshed-Bassist Locke; man ist halt nicht allein. In den vergangenen acht Jahren haben sich hier 61 Bands Proberäume eingerichtet. „Eine bessere Situation als hier gibt es nicht“, sagt Gitarrist Robin und zählt weitere Vorteile der Örtlichkeit auf: „Die Räume sind beheizt, trocken, es gibt ausreichende Sanitäranlagen, sie sind bezahlbar und man muss sie nicht mit anderen teilen.“ Für die 65 Quadratmeter inklusive der Küche, die als Abstellraum dient, bezahlt die Band 215 Euro im Monat.

„Es gibt mehrere Proberaumzentren in Osnabrück, die unterschiedlichen Komfort aufweisen“, sagt Marco Gausmann vom Musikbüro Osnabrück, der Schnittstelle zwischen örtlichen Bands und öffentlich geförderten Auftrittsorten wie Haus der Jugend, Westwerk und Ostbunker. Gausmann vermittelt Auftritte, berät Bands, ist generell Ansprechpartner für Musiker und hat einen guten Überblick über die Szene. „Es gibt ungefähr 300 aktive Bands in Osnabrück, und deren Proberaumsituation ist zurzeit noch äußerst zufriedenstellend“, sagt er. Da gibt es , neben kleineren Anbietern und Musikern, die privat proben, das Proberaumzentrum Frye an der Hannoverschen Straße: Die Mieten sind hier höher als am Limberg, dafür sind die Räume aber komfortabel und videoüberwacht. Die günstigsten Räume gibt es im Proberaumzentrum Petersburg am ehemaligen Güterbahnhof. Doch aufgrund stetiger Probleme mit dem Eigentümer, der 3g Group, ehemals Zion GmbH, ist die Situation dort schwierig: Zuletzt hat jemand, absichtlich oder unabsichtlich, die Stromzufuhr gekappt. Seither kommt der Strom aus einem dieselbetriebenen Aggregat. Das schmeißt Betreiber Carsten Gronwald aber nur an, wenn geprobt wird. Da mit Strom geheizt wird, kühlen die Räume im Winter nachts aus. Weiterlesen: Hat die 3g Group das Stromkabel gekappt?

„Soweit ich weiß, sind die Räume in allen Zentren ausgebucht. Zum Teil gibt es wohl Wartelisten für Bands, die auf der Suche sind“, sagt Gausmann. Die Listen sind aber kurz im Gegensatz zu Zeiten, als die Baracken am Limberg noch nicht zur Verfügung standen. „Durch den Abzug der Briten hat sich die Proberaumsituation sehr entspannt.“

Allerdings ziehen schwarze Wolken am Himmel der Osnabrücker Musikerszene auf. Am Güterbahnhof läuft der Pachtvertrag für das Proberaumzentrum mit 30 Räumen Ende 2018 aus, sodass die Bands hier definitiv ausziehen müssen. Am Limberg ist die Zukunft ungewiss: Das Areal soll von der derzeitigen Eigentümerin, der Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben), in den Besitz der Stadt Osnabrück übergehen. Doch der Verkauf verzögert sich, weil der Boden offenbar kontaminiert ist und deshalb neu über den Preis verhandelt wird. Ist der Transfer aber in trockenen Tüchern, werden als Erstes die Proberaumbaracken abgerissen, weil die laut städtischem Bebauungsplan einer neuen Straßentrasse im Weg stehen.

Bestandsschutz für die Proberäume?

„Das wäre eine Katastrophe“, sagt Henning Hammoor von der Elektropopband Alphamay. Vor acht Jahren hat er mit seinem Bandkollegen Heinz Christian Frickenschmidt in einer Baracke einen 80-Quadratmeter-Raum gemietet. Richtig heimelig ist es in hier im einstigen Unteroffizierskasino. An manchen Stellen ziert noch eine einfache Holzvertäfelung die Wände; die britischen Soldaten haben damit ein bisschen Gemütlichkeit schaffen wollen. Jetzt hängen hier hauptsächlich Gitarren sowie Flaggen und Poster von AC/DC und Depeche Mode an der Wand. Außerdem ist der Raum angefüllt mit Equipment: Schlagzeug, Gitarren- und Bassverstärker, dazwischen ein Kühlschrank mit Getränken, dann folgt ein Segment für Keyboards, schließlich eine Art Studioplatz mit Mischpult und Gesangsaufnahmemöglichkeit. Den Boden haben die Musiker mit Teppichen ausgelegt, Scheinwerfer und Lichterketten sorgen für angenehmes Licht. „Hier proben drei Bands, in denen ich mitspiele“, sagt Keyboarder und Elektroniktüftler Frickenschmidt. „Sollte die Baracke der Abrissbirne zum Opfer fallen, wäre das ein Desaster“, fügt er hinzu. Er weiß, dass er keinen adäquaten Ersatz für diese Räumlichkeiten finden würde. Als Rollstuhlfahrer ist er begeistert über die Ebenerdigkeit der Baracke. Über die einzige Treppenstufe am Eingang haben er und seine Freunde selbst eine Rolli-Rampe gebaut.

„Das Areal hier am Limberg ist riesengroß. Warum wird nicht ein Bebauungsplan erstellt, der dem Teil mit den Übungsräumen einen Bestandsschutz sichert?“, fragt Alphamay-Sänger Henning. Die Osnabrücker Jusos sehen das ähnlich: Gerade haben sie in einer Pressemitteilung gefordert, den geplanten Bebauungsplan nicht umzusetzen, „bevor nicht eine erschwingliche Alternative für die betroffenen Musiker in Osnabrück geschaffen wurde“.

Eine Alternative? Das ist ohne Frage das große Problem. „Ich bin schon seit über einem Jahr vergeblich auf der Suche nach anderen angemessenen Räumen für mein Studio“, sagt Matthias „Matze“ Lohmöller. Er war einer der Ersten am Limberg und etablierte hier das DocMaKlang-Tonstudio. Auch er rechnet mit einer kurzfristigen Kündigung, wenn die Stadt hier ihren Bebauungsplan umsetzt. Als sich in seinem Studio im vergangenen Jahr eine Delegation aus Mitgliedern des Kultur- und des Stadtentwicklungsausschusses der Stadt traf, um sich vor Ort über die Situation der Musiker zu informieren, brachte jemand die Brache hinter dem Bahnhof zur Sprache, auf der einst die Firma Magnum Metall und Stahl verarbeitete. Aber dort würden dieselben Probleme auftreten wie am Hafen, wo schon seit Jahren kein Investor bereit ist, die hohen Kosten für Kauf oder Pacht, für Sanierung und adäquate Nutzbarmachung der dortigen Speicher als Proberäume zu übernehmen. Weiterlesen: Politiker informieren sich vor Ort über die Probenraumsituation

Eine einmalige Szene

Derweil machen sich Planer und die Verantwortlichen in Stadtrat und -verwaltung offenbar keine Vorstellung davon, was passiert, wenn mehr als 400 Musiker die Gelegenheit verlieren, ihrem Hobby oder ihrer Profession nachzugehen. „Wir sind weder Anarchos noch Terroristen, sondern ganz normale Leute, die mit ihrer Musik für Konzerte proben, die beispielsweise im Rahmen der Maiwoche stattfinden“, sagt Sänger Henning Hammoor. Viele meinen, eine Musikerinitiative, wie sie es schon einmal in Osnabrück gegeben hat, könne die nötige Lobbyarbeit leisten. Die Musiker von „Bloodshed in Paradise“ machen sich ihre eigenen Gedanken: „Im Sommer habe ich spontan Musiker von anderen Bands zur Billardparty eingeladen. Hinterher haben wir draußen gegrillt, haben Erfahrungen ausgetauscht und interessante Kontakte und Auftrittmöglichkeiten ausgetauscht“, erzählt Bassist Locke. Und in die Zukunft geblickt: Fallen die Probemöglichkeiten am Güterbahnhof und am Limberg weg, würde „eine einmalige Szene, die entstanden ist, zerstört.“


Seit über dreißig Jahren kennt Tom Bullmann die Osnabrücker Musikszene. Aber selbst ihn überrascht es , wie dicht diese klingende Kulturlandschaft gewachsen ist. Das Schönste dabei: Profis und Amateure koexistieren prächtig. So hat er am Limberg Alexander, Marius und Felix aus Paderborn getroffen. Die drei haben sich dort einen kleinen Proberaum gemietet, und zwar einfach, „weil wir Bock auf Musik haben.“ Zu Hause in Paderborn gibt es keine Möglichkeiten, Musik zu machen, ohne andere zu stören. Fragt sich nur: Wie lange kann das Trio sein kleines Stück Freiheit in Osnabrück noch genießen?

Fotograf David Ebener – unmusikalisch, seine Musikschulklasse wurde wegen Talentfreiheit der Schüler aufgelöst – fiel es beim Besuch verschiedener Bands in der „Kulturkaserne“ schwer, die journalistische Objektivität zu bewahren. Zu stark war die Empathie für die Künstler, die noch nicht die großen Namen haben, welche Prestige für die Friedensstadt bedeuten, aber dennoch einen unschätzbar wertvollen Kulturbeitrag leisten. Zu stark das Gefühl des Unrechts, dass diese kreativen Menschen in der Angst leben müssen, es könnte morgen alternativlos vorüber sein. Es droht ein massiver Verlust an kultureller Diversität.