Interview mit Zuchtbuchführer Zoo Osnabrück für Orang-Utan-Zucht ein Segen

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Orang-Utans sind vom Aussterben bedroht. Im Zoo Osnabrück wird versucht, die Art zu erhalten. Wie das gelingen kann, erklärt Clemens Becker, stellvertretender Zoodirektor in Karlsruhe. Er koordiniert das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Orang-Utans.

Herr Becker, wie steht es um den Orang-Utan in der Wildbahn?

Orang-Utans sind vom Aussterben bedroht. Hauptgrund ist die Rodung des Regenwaldes für Palmölplantagen. Dadurch wird den Menschenaffen ihr natürlicher Lebensraum genommen. Die meisten Tiere leben inzwischen zu verstreut, um sich verpaaren können. Mit dramatischen Folgen für den Bestand: Auf Sumatra gibt es schätzungsweise nur noch 7000 Orangs, auf Borneo höchstens 35.000. Zum Vergleich: Vor 100 Jahren waren es zusammen über eine Million. Wenn diese Entwicklung anhält, sind beide Arten spätestens 2050 ausgerottet.

Was können Zoos zur Rettung von Orang-Utans beitragen?

Wir versuchen im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Orang-Utans seit 30 Jahren, durch sorgfältig geplante Fortpflanzung stabile Populationen außerhalb der Wildbahn zu schaffen, die in sich überlebensfähig sind. Ziel ist es, die Tiere eines Tages wieder in Habitate auszuwildern – mit möglichst unveränderter Genetik und unverändertem Verhalten. Dazu werden für jede Art digitale Zuchtbücher geführt, in denen alle Orang-Utans mit Geschlecht, Geburtsdatum sowie sämtlichen Vorfahren erfasst sind. Als Koordinator schlage ich dann – nach Auswertung dieser Daten mit Software für Populationsmanagement – vor, welche Tiere miteinander verpaart und dafür zwischen den Zoos ausgetauscht werden müssen.

Hat das Zuchtprogramm Erfolg?

Ja, durchaus. Zu Beginn waren ein Drittel aller Orang-Utans in den Zoos sogenannte Hybriden, also Mischungen aus Sumatra-Orangs und Borneo-Orangs. Mit diesen Tieren darf nicht gezüchtet werden. Mittlerweile haben wir ihren Anteil auf unter sechs Prozent gemanagt – das Ziel sind null. Heute machen Borneo-Orangs knapp die Hälfte aus, Sumatra-Orangs den Rest. Wobei die genetische Variabilität beider Arten fast vollständig bewahrt werden konnte. Allerdings haben wir im EEP unterm Strich noch zu wenig Geburten, im Durchschnitt 16 pro Jahr. So kommen kaum mehr Tiere hinzu, als uns im selben Zeitraum durch Todesfälle verloren gehen. Die Zahl der Orang-Utans wächst dadurch nur sehr langsam. Um ihre Populationen im Zoo langfristig – also über 100 Jahre gesehen – stabil zu halten, bräuchten wir jährlich 18 bis 20 Geburten.

Welche Rolle spielt der Zoo Osnabrück im EEP?

Zurzeit beteiligen sich weltweit 72 Zoos mit insgesamt 351 Orang-Utans am EEP. Der Zoo Osnabrück ist nach dem Umbau des Menschenaffenhauses ein Segen für das ganze Programm. Bislang wurden hier mit dem Hybriden Buschi und der sterilisierten Astrid zwei Orangs gehalten, die für die Erhaltungszucht nicht einsetzbar waren. Jetzt ergeben sich ganz neue Möglichkeiten. Mit dem Männchen Damai und demnächst auch dem Weibchen Dayang bekommt Osnabrück zwei junge, fortpflanzungsfähige Borneo-Orangs mit hohen genetischen Werten. Beide sind für den Arterhalt absolut wichtig.