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Missratener Scherz eskaliert Axtattacke auf Osnabrücker Flohmarkt: Ethnischer Konflikt als Ursache?

Von Stefan Buchholz

Prozessakten Symbolfoto: Michael GründelProzessakten Symbolfoto: Michael Gründel

Osnabrück. Wegen versuchten Totschlages verantwortet sich derzeit ein Mann aus dem Südkreis vor dem Gericht. Er soll einen Landsmann aus Albanien mit einem Beil verletzt haben. Jüngste Zeugenaussagen bestätigten, dass sich ethnische Konflikte auf dem Balkan auch in Osnabrück auswirken.

Der Vorfall ereignete sich im März letzten Jahres auf dem Flohmarkt der Halle Gartlage. An einem Stand mit Gartengeräten, Äxten und Beilen kam es nach einem misslungenen Scherz zu einer Auseinandersetzung, die beim Standbetreiber eine blutende Gesichtswunde zurückließ.

Zum Weggehen aufgefordert

Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens bestätigten jetzt Teile der Aussage des Angeklagten. Demnach war er, der zur Ethnie der Roma gehört, mit einem befreundeten Albaner an den Stand mit den Äxten und Beilen gekommen. Nachdem er vom Standbetreiber den Preis für ein Beil erfragt hatte, habe er zu dem Albaner im Scherz gesagt: „Dieses Beil ist gut, um Albaner zu schlachten.“ Der Standbetreiber, so die Zeugen, hätte geantwortet, dass er solche Äußerungen hier nicht hören wolle, und forderte den Angeklagten und den Albaner zum Weitergehen auf.

Doch nun setzte der Albaner wohl noch verbal eins drauf: Leute wie der Standbetreiber – er zählt sich zur Minderheit der Ashkali-Roma – hätte man als Zigeuner verbrannt. Er selber, so der Albaner, habe im Krieg Zigeuner getötet. Das packte den Standbetreiber an seiner Ehre: Er habe tatsächlich Verwandte im Kosovokrieg verloren, entgegnete er in einem ersten verbalen Schlagabtausch.

Eskalation

Dem folgte nach einer kurzen Phase der Beruhigung die Eskalation. Erneut gifteten sich die Kontrahenten an. Der Standbetreiber schoss hinter seiner Auslage hervor und ging nun aber auf den Angeklagten los. Übereinstimmend bestätigten Zeugen des Geschehens: Der Angeklagte habe ein Beil vom Stand gegriffen und es mit beiden Händen vor sein Gesicht gehalten. Ohne auszuholen habe er dem Standbetreiber dann einen Hieb mit der scharfen Klinge des Beils versetzt.

Der Angeklagte und sein albanischer Bekannter flüchteten vom Flohmarkt. Allerdings notierten sich Zeugen das Autokennzeichen, was schließlich zur Festnahme des Angeklagten führte. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Beleidigung

Der Albaner berief sich auf sein Auskunftsverweigerungsrecht. Er muss sich nämlich wegen Beleidigung in dieser Sache demnächst vor Gericht verantworten.

Ein Gutachter, der den Angeklagten seit Längerem untersucht, beschrieb ihn als ängstlich, reizbar und mit einer „schwerst-mittelgradigen Depressivität“ behaftet. Solch ein Befund führe aber nicht linear zu einer Totschlagshandlung, so der Sachverständige. Die Ursachen lägen eher an traumatischen Erlebnissen, die der Angeklagte als Angehöriger der Roma auf dem Balkan erfahren habe. Hintergrund: Diese Volksgruppe wurde während der Balkankriege verfolgt. Viele flüchteten nach Serbien und Montenegro, wo sie meist in Elendsquartieren abseits der eingesessenen Bevölkerung leben. Der Prozess wird am 6. Februar ab 9.30 Uhr vor dem Landgericht fortgesetzt.

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