Osnabrücker Ärzte und ihre Fälle Operation missglückt: Wie ein Schizophrener die Sprache verlor

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Osnabrück. Immer wieder behandeln Psychiater im Osnabrücker Ameos-Klinikum einen Patienten mit Doppeldiagnose: Der Mann ist drogensüchtig und schizophren. Doch als er über Schwindel und Kopfschmerzen klagt, finden die Ärzte noch eine andere körperliche Ursache.

Bei seinem ersten Aufenthalt in der Osnabrücker Psychiatrie ist der Mann 21 Jahre alt. Eine Jugendhilfeeinrichtung hatte ihn ins Niedersächsische Landeskrankenhaus geschickt, aus dem später das Aemos-Klinikum werden sollte. Der junge Mann zeigt Verhaltensauffälligkeiten, neigt zu aggressiven Ausbrüchen, verletzt sich selbst und trinkt zu viel Alkohol.

Mit drei Jahren der Mutter weggenommen

Drei Monate bleibt der Patient in der Jugendpsychiatrie. „Damals gab es noch Unterbringungsbeschlüsse für einen so langen Zeitraum“, erklärt Barbara Brüninghaus. Die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie hatte im Laufe ihrer Tätigkeit am Klinikum immer wieder mit dem Patienten zu tun. Der Stapel seiner Krankenakten ist inzwischen gut einen halben Meter hoch. 47 Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik über drei Jahrzehnte führen die Akten bis heute auf. Zu den psychischen Krankheiten des Mannes kommt später eine neurologische Schädigung hinzu, die sein Leben für immer verändern sollte. (Weiterlesen: Der Blutkrebs, der keiner war)

Alles begann mit einem „Milieuschaden“ wie Psychiater es nennen: Im Alter von drei Jahren wurde der 1966 geborene Junge seiner Mutter weggenommen, es folgten Unterbringungen bei Pflegeeltern und in Kinderheimen.

Mit dem Kopf gegen die Zellentür

In der Therapie zeigt der Patient kein Durchhaltevermögen, er sieht keine Perspektive für sich. Nicht lange nach seiner Entlassung nimmt ihn die Klinik erneut auf. Der junge Mann war straffällig geworden, ein Einbruch. Nach seiner Festnahme hatte er den Kopf gegen seine Zellentür geschlagen. „Es mag zynisch klingen, aber das ist ein erprobtes Verhalten, um von der Polizei in die Psychiatrie gebracht zu werden“, sagt Oberärztin Brüninghaus, die im Suchtmedizinischen Zentrum der Klinik arbeitet. Während dieses Aufenthalts schmeißt der Patient die Fensterscheibe zu einem anderen Patientenzimmer ein, um den dort Untergebrachten zu befreien. Es folgt eine Verurteilung wegen des Versuchs der Gefangenenbefreiung. Ein Gutachten soll feststellen, ob der Mann schuldfähig ist. Bei der Untersuchung stellen die Ärzte einen IQ von 95 fest, einen Wert im normalen Bereich also. Auch neurologische Tests bleiben unauffällig.

Stimmen im Kopf und Substanzen im Blut

Immer wieder gerät der Mann mit dem Gesetz in Konflikt, immer wieder landet er im Niedersächsischen Landeskrankenhaus, weil er von Todesängsten erzählt, Suizidgedanken äußert und seine Medikation verweigert. Weil der Mann aber weder für sich noch für andere eine ernsthafte Gefahr darstellt, wird er immer wieder auf eigenen Wunsch entlassen. (Weiterlesen: Lungenversagen – Wenn eine Grippe zur tödlichen Gefahr wird)

Im Jahr 2000 stellen die Ärzte zum ersten Mal eine Doppeldiagnose, die schon lange im Raum stand: Schizophrenie und Polytoxikomanie. Der Mann hört Stimmen, die ihn beschimpfen. Er leidet unter diffusen Ängsten. Und er ist drogenabhängig, nimmt Heroin, trinkt Alkohol und schmeißt Beruhigungsmittel ein. Seine Sucht finanziert er mit kleinkriminellen Straftaten. Er hat sich mit Hepatitis C infiziert und leidet zudem unter einer Herzmuskelentzündung.

Die Ursache für Schmerz und Schwindel

Doch als er im Mai 2003 erneut in der Psychiatrie vorstellig wird, schildert er Symptome, die die Ärzte stutzig machen. Der Patient klagt über Schwindel und Kopfschmerz. Zur Sicherheit wird eine Computertomografie anberaumt. Auf den Bildern entdecken die Ärzte eine sogenannte arteriovenöse Malformation im Gehirn: eine Gefäßmissbildung, die die Kopfschmerzen verursacht und unbehandelt zu neurologischen Ausfällen führen kann. Sie geht weder auf den Drogenkonsum noch auf die Behandlung mit Anti-Psychotika zurück, die der Patient wegen seiner Schizophrenie nimmt. „Das war eine Zweiterkrankung ohne Ursache. Der Mann hatte einfach nur Pech, wenn man so will“, sagt Brüninghaus.

Eine Operation ist zu dem Zeitpunkt wenig ratsam, weil sich das Gefäßknäuel in der Nähe des Sprachzentrums im Gehirn befindet. „Und hier kommen nun die Unterschiede zwischen psychiatrischen und neurologischen Patienten ins Spiel. Bei einem neurologischen Patienten hätten weitere Untersuchungen stattgefunden und man hätte sich auf eine Behandlung verständigt. Das hätte sechs bis acht Wochen gedauert und der Patient wäre geheilt gewesen. Unser Patient hat Diagnostik und Therapie einfach abgebrochen“, sagt die Oberärztin.

Die Operation führt auf die Intensivstation

Erst 2009 – also sieben Jahre später – kommt es schließlich zu einer Behandlung, bei der beinahe alle schief läuft. Inzwischen steht der Mann unter gesetzlicher Betreuung, er kann auch gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Seine neuronalen Ausfälle hatten sich verstärkt: Seh-, Bewusstseinsstörungen und Schwindel hatten zugenommen. Immer wieder hatte er Entgiftungen gemacht, die Substitution im Methadonprogramm aber abgebrochen. (Die Krankheit hinter dem Tumor: Junger Fußballer mit seltenem Syndrom)

In einer Essener Klinik, die auf Neuroradiologie spezialisiert ist, soll die Gefäßmissbildung mit einer Methode behandelt werden, die sich Coiling nennt und dazu führt, dass das Blut in den krankhaften Stellen verklumpt und die Gefäße dort narbig zuheilen.

Doch bei dem Eingriff kommt es zu Komplikationen. Mit einer Hirnblutung liegt der Patient danach auf der Intensivstation. Die Ärzte müssen nun doch operieren. Sie stoppen die Blutung und entfernen das Gefäßknäuel. Als der Patient aufwacht, ist er halbseitig gelähmt und hat eine massive Aphasie: Er kann selbst nicht mehr sprechen und ist nicht mehr in der Lage zu verstehen, was andere sagen. „Sie müssen sich das so vorstellen, als wäre er auf einmal in Russland oder Japan aufgewacht. Da ist der ‚worst case‘ aufgetreten“, lautet die Einschätzung von Neurologin Barbara Brüninghaus.

Auf einmal „zuverlässig und motiviert“

In einer Reha gelingt es Sprach- und Physiotherapeuten, den Patienten wieder zu mobilisieren. Er lernt, wieder zu sprechen und Gesagtes zu verstehen. Auch laufen kann er nach der Reha wieder, doch eine Spastik bleibt auf der rechten, ehemals gelähmten Seite zurück. „Interessanterweise tauchen in der Krankenakte aber ausgerechnet jetzt zum ersten Mal Worte auf wie ‚zuverlässig und motiviert‘“, sagt Brüninghaus.

Seit 2012 lebt der Mann in einem Wohnheim – „stabil auf niedrigem Niveau“, wie es die Oberärztin sagt. In der Bewertung des außergewöhnlichen Falls sind sich die Ärzte uneins. „Ein Happy End gibt es bei uns eigentlich nicht. Der Mann hat niemanden totgeschlagen, er ist nicht intoxiniert vor einen Bus gelaufen, im Rahmen der Möglichkeiten lebt er inzwischen in einem Umfeld mit festen Strukturen“ sagt Brüninghaus. Klaus Winkelmann, Chefarzt der Allgemeinen Psychiatrie II am Ameos-Klinikum, der den Patienten ebenfalls über Jahrzehnte hinweg immer wieder behandelt hat, sieht es anders. „Ein tragischer Fall“, sagt er. „So schlimm hätte es nicht ausgehen müssen.“


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