Geschäftsbereichsleiter Wirtschaft und Arbeit „Im Landkreis Osnabrück haben wir Vollbeschäftigung“

Von Jean-Charles Fays

Die Wirtschaft im Landkreis Osnabrück boomt und führte im Dezember zur Rekordbeschäftigung im Osnabrücker Land. Woran das liegt, erklärt der Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit beim Landkreis, Siegfried Averhage. Foto: Michael GründelDie Wirtschaft im Landkreis Osnabrück boomt und führte im Dezember zur Rekordbeschäftigung im Osnabrücker Land. Woran das liegt, erklärt der Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit beim Landkreis, Siegfried Averhage. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. „Mit einer so geringen Arbeitslosenquote haben wir Vollbeschäftigung“, sagt der Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit beim Landkreis Osnabrück, Siegfried Averhage. Die Arbeitslosenquote lag im Januar mit 3,4 Prozent auf dem niedrigsten Wert in diesem Monat. Der Arbeitsmarktexperte erläutert den Aufschwung im Landkreis.

Die Arbeitslosenquote im Landkreis ist im Dezember mit 3,1 Prozent auf einen historischen Tiefstand und auch im Januar mit 3,4 Prozent auf den niedrigsten Wert in diesem Monat gefallen. Würden Sie damit von Vollbeschäftigung sprechen?

Averhage: Ja, mit so einer geringen Arbeitslosenquote haben wir Vollbeschäftigung. Das ist eine Situation, die wir immer gewollt haben: Arbeitslosigkeit abbauen und dafür Sorge tragen, dass möglichst wenig Menschen von Lohnersatzleistungen abhängig sind. Jetzt geht es darum, die verbleibenden Personen auch in Arbeit zu bringen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um das sicherzustellen. Auf der anderen Seite haben wir als Folge dieser Entwicklung auch die Situation, dass Unternehmen auf Ausschreibungen weniger Bewerbungen erhalten. Viele reden vom Fachkräftemangel, einige auch vom Arbeitskräftemangel. Der Fachkräftemangel gilt aber nicht für alle Branchen. Bei einigen tut es schon weh, bei anderen vielleicht aber auch noch nicht weh genug. Viele sind sich der Situation auch noch nicht bewusst und glauben, das wird schon wieder. Unternehmer müssen aber mehr tun, um die vakanten Stellen zu besetzen. Wir müssen vielleicht über ganz neue Ideen und Vorgehensweisen nachdenken.

Was hat zur Vollbeschäftigung im Landkreis geführt?

Die gute wirtschaftliche Situation, die schon einige Jahre anhält. Die Arbeitsmarktakteure machen eine gute Integrations- und Eingliederungsarbeit. Die Maßarbeit als Teil unseres Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit ist einer dieser Akteure. Wir vermitteln nach wie vor erfolgreich. Wir sind dabei eine der ganz wenigen Kommunen, die Langzeitarbeitslosigkeit weiter abbaut. Meistens liest man, dass das nicht geht, aber wir beweisen, dass es geht. Wir haben eine gesunde Mischung von guter Eingliederungs- und Zielgruppenarbeit. Hinzu kommen die vielen Unternehmen, die sich gut entwickeln und großen Bedarf haben. Wir arbeiten daran, diesen Bedarf zu decken – auch durch schwierig zu vermittelnde Langzeitarbeitslose. Unterm Strich gibt es im Landkreis immer noch mehr als 5000 Menschen, die theoretisch vermittelbar sind. Wir werden daran arbeiten, diese Zahl weiter zu reduzieren.

Können Sie anschaulich beschreiben, wie sich die Situation verändert hat?

Früher hatten wir acht Prozent Arbeitslosigkeit und Arbeitgeber konnten aus einer Vielzahl von Bewerbungen die Besten rauspicken. Der Nordkreis war vor 20 Jahren das Sorgenkind schlechthin. Heute gehört die Arbeitslosenquote dort zu den geringsten im Landkreis. Und heute kommen auf dem Arbeitsmarkt Personen zum Zuge, die damals vielleicht keine Chance gehabt hätten, weil eben das Arbeitskräfteangebot nicht mehr so groß ist. Es zeigt sich aber, dass auch diese Arbeitnehmer zu Recht eingestellt wurden, weil sie Leistung bringen. Die Überlegung geht in die andere Richtung. Abiturienten werden in bestimmten Berufen lieber nicht eingestellt, weil sie oft nach der Ausbildung noch studieren möchten, obwohl das Unternehmen sich eine langfristigere Bindung an den Betrieb wünscht. Daher sollte man einen etwas anderen Blick auf die Bewerber haben. Wenn jemand kein Abitur hat, ist er vielleicht geeigneter als jemand mit einem tollen Abi-Durchschnitt.

Was verstehen Sie unter den genannten „neuen Ideen und Vorgehensweisen“?

In vielen kleinen Unternehmen, wo es teilweise Sache des Chef oder der Chefin ist, sich um Personal und Auszubildende zu kümmern, wird die Personaldecke jetzt dünner. Wir unterstützen dann als Wirtschaftsförderung aber auch als Maßarbeit, zeigen neue Wege etwa bei Rekrutierung oder der Personalgewinnung bei bisher vernachlässigten Zielgruppen auf oder vermitteln Kontakte zwischen Schulen und Unternehmen. So lernen Unternehmen, was die Bewerber heutzutage etwa in puncto Unternehmenskultur und Vereinbarkeit von Beruf und Familie von ihnen verlangen. Wir tragen zudem Themen wie Industrie 4.0 und Digitalisierung an die Unternehmen heran. Wir haben 8500 aktive Unternehmen im Landkreis Osnabrück. Wir wollen möglichst viele von ihnen erreichen und die passenden Leute zusammen bringen.

Wird die Arbeitslosenquote im Landkreis auch noch auf unter 3 Prozent fallen?

Ich glaube, wir kommen noch unter 3 Prozent – das ist auf jeden Fall unser Ziel. Wichtig ist, dass wir uns auch den schwierigeren Zielgruppen zuwenden. Da müssen alle mitmachen und ich glaube, da ist noch ganz viel Potenzial. Das Flüchtlingsthema müssen wir weiterentwickeln, aber auch die Erhöhung der Frauenbeschäftigung ist wichtig. Das ist sicher nicht die Kurzstrecke, sondern der Marathon. Aber ich glaube, es lohnt sich und wird sich positiv auswirken. Sicherlich werden wir auch weitere Modelle ausprobieren müssen, um im Ausland Fachkräfte zu akquirieren.

Warum sinkt die Zahl der Langzeitarbeitslosen im Landkreis und warum steigt sie in der Stadt?

In einem städtischen Gebiet gibt es eine grundsätzlich andere Situation. Ob in Osnabrück, Oldenburg oder Hannover, die Arbeitslosenquoten ist dort immer höher als im Umland. In der Regel gibt es auch eine andere Struktur bei den Arbeitslosen. Im Bereich der Eingliederung im Landkreis, also im von Frau Ostendorf verantworteten Maßarbeit-Bereich, gehen die Kolleginnen und Kollegen sehr differenziert an die Zielgruppen heran. Besonders zugeordnetes Personal widmet sich etwa Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Wir schauen immer sehr genau hin, differenzieren, was das Vermittlungshemmnis bei jeder einzelnen Person ist und gehen das dann sehr zielgerichtet an. Wir schauen einzelfallbezogen, was die arbeitslose Person braucht und setzen das dann auch um.

Was ändert sich durch die Vollbeschäftigung für Sie als Wirtschaftsförderer?

Wir haben vor sechs Jahren Wirtschaftsförderung und Maßarbeit bewusst im Geschäftsbereich Wirtschaft und Arbeit zusammengefasst, um diese Dinge noch viel enger zu vernetzen. Wenn Sie heute zu Unternehmen kommen, bei denen es um Ansiedlung oder um Erweiterung geht, dann haben sie im Grunde zwei zentrale Fragen. Erstens: Wenn ich mich hier ansiedle, kriege ich dann das Personal, das ich brauche? Zweitens: Wird all das, was genehmigungsmäßig zu erfüllen ist, sauber und schnell abgewickelt? Während Wirtschaftsförderung das Thema Arbeitsmarktpolitik und Fachkräfte früher gar nicht thematisierte, kommen die Kollegen, die bei den Unternehmen jeden Tag vor Ort sind, eigentlich immer auch mit Personalfragen zurück. Sie geben das dann sofort an die Fachkollegen bei der Maßarbeit weiter, und dann wird gemeinsam überlegt, wie man damit umgeht. Fachkräfte sind im Bereich der Wirtschaftsförderung ein großes Thema. Unser Glück ist, dass wir 2012 den Geschäftsbereich Arbeit und Wirtschaft gegründet haben und diese Bereiche somit aus einer Hand organisieren.

Wie hat die Maßarbeit dazu beigetragen, die Arbeitslosenquote zu senken?

Wir haben sehr viel Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen gesammelt, deren berufliche Integration nicht ganz so einfach ist. Das hat sich bewährt.

Warum müssen trotz des Aufschwungs immer mehr Menschen zu ihrem ersten Job noch etwas hinzuverdienen?

Es gibt auf jeden Fall zu viele Menschen, die mit ihrem regulären Verdienst nicht über die Runden kommen. Doch auch hier lohnt eine differenzierte Betrachtung: Denn wenn die Zahl der Minijobs oder 450-Euro-Jobs ansteigt, darf man das nicht automatisch damit gleichsetzen, dass alle diese Personen oder Familien arm sind. Viele Rentner machen 450-Euro-Jobs, weil sie noch unglaublich fit sind und das einfach auch gerne zusätzlich tun. Sie sagen: Es ist zeitlich begrenzt, und ich bekomme zusätzliches Geld in meine Kasse oder in die Familienkasse.

Glauben Sie, dass auch die Armen mehr von dem immer größeren Kuchen abbekommen?

Ich glaube schon, dass der auch zunehmend bei denen ankommt, die nicht so üppig ausgestattet sind. Das zeigt sich ja allein schon an der sinkenden Zahl der Leistungsbezieher.

Warum haben Sie den Eindruck, dass der Aufschwung auch bei einkommensschwachen Familien ankommt?

Ich glaube, dass er nicht sofort bei allen ankommt, aber dass er zunehmend ankommt. Und manche Beschäftigungsverhältnisse sind durchaus auch ein Einstieg, der zu weiteren Entwicklungen führt. Wenn wir von Fachkräftemangel reden, dann kann ich auch im eigenen Unternehmen schauen, ob nicht schon geeignete Leute im Betrieb sind, die mit entsprechender Weiterqualifizierung höhere Positionen besetzen könnten. Viele machen das nicht, weil die guten Leute an dieser Stelle hervorragend sind und man an der Stelle im eigenen Unternehmen ein Loch reißt. Aber es wäre eine gute Möglichkeit, den Aufschwung zu nutzen, damit Leute sich betriebsintern nach oben hocharbeiten können. So könnten sich dann auch Einkommensschwächere weiterentwickeln. Der erste Einstieg muss manchmal nicht unbedingt bedeuten, dass man nicht auf ergänzende Sozialleistungen angewiesen ist. Man kann dann aber mit den Unternehmen daran arbeiten, dass die Möglichkeiten besser werden und über Weiterqualifizierungen sprechen. Dieser erste Schritt bringt einen zurück ins System. Danach muss man dranbleiben und weiterarbeiten.

( Weiterlesen: Historisch geringste Januar-Arbeitslosigkeit in der Region Osnabrück)