Osnabrücker Start-up Feelspace Wie ein Navigürtel blinden Menschen im Alltag hilft

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Osnabrück. Das Osnabrücker Start-up Feelspace hat einen vibrierenden Navigürtel entwickelt. Der Gürtel leitet mithilfe von Vibrationen den Benutzer zu einem Ziel. Vor allem für blinde Menschen kann der Navigürtel eine Hilfe im Alltag sein.

Für Menschen ohne Sehbehinderung ist es in der Regel einfach, sich zu orientieren. Für blinde Menschen oder Menschen mit einer Sehbehinderung ist es wesentlich schwerer: Eine Drehung nach rechts und schnell ist der Ausgangspunkt verloren.

Der vibrierende Navigürtel der Osnabrücker Firma Feelspace soll da Abhilfe schaffen. Silke Kärcher, Jessica Schwandt und Susan Wache gründeten im November 2015 das Start-up-Unternehmen. Der Benutzer befestigt den Gürtel um den Bauch und lässt sich von den Vibrationen des Gürtels lenken, der über Bluetooth mit einer App verbunden ist.

Der Gürtel wird am Bauch befestigt. Foto: Thomas Osterfeld

Benutzer folgt den Vibrationen

Vibriert der Gürtel rechts am Bauch, weiß der Benutzer, dass er nach rechts gehen musst. Vibriert der Gürtel an der Bauchmitte, muss der Benutzer geradeaus gehen. „Der Gürtel soll vor allem blinden Menschen oder Menschen mit einer Sehbehinderung eine Hilfe im Alltag sein. Aber auch für Menschen ohne Sehbehinderung eignet sich der Gürtel und ist zum Beispiel für Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren geeignet, ohne auf einen Bildschirm schauen oder einen Touchscreen bedienen zu müssen “, sagt Susan Wache im Gespräch mit unserer Redaktion. So spare man sich lästige Karten.

Arbeitsgruppe an der Uni Osnabrück

Begonnen hat alles mit einer Arbeitsgruppe am Institut für Kognitionswissenschaften an der Universität Osnabrück. Kärcher, Schwandt und Wache untersuchten, wie ein neuer Sinneseindruck gelernt wird. Zu diesem Zweck entwickelten sie einen Kompassgürtel, der immerzu in Himmelsrichtung Norden vibriert. Mithilfe von blinden und sehenden Versuchspersonen wollten die drei herausfinden, wie die Raumwahrnehmung verändert wird.

Auch Wache war eine Versuchsperson und trug den Kompassgürtel dauerhaft im Alltag: „Schon nach kurzer Zeit hatte ich eine Art innere Karte und konnte mich besser orientieren, weil ich immer wusste, wo Norden ist“, erinnert sich die Mitgründerin.

Hilfe bei Freizeitaktivitäten

Zu den blinden Versuchspersonen gehörte Ralf Bartelmus. Ihm ist der Kompassgürtel bis heute eine große Hilfe bei seinen Freizeitaktivitäten. „Meine Nachbarn haben sich immer gefragt, wie ich gerade Bahnen beim Rasenmähen hinbekomme. Das geht mit dem Gürtel sehr gut, da ich durch die Kompassvibration einen Fixpunkt habe“, erzählt der 56-Jährige. Bartelmus ist wegen einer Krankheit mit 28 Jahren erblindet und benutzt die alte Version des Gürtels bereits seit sechs Jahren. Auch bei seinen Waldspaziergängen hilft ihm der Kompass.

Auszeichnung mit dem Niedersächsischen Gründerpreis

Nach drei Gürtel-Prototypen, mehreren Anpassungen, einer Crowdfunding-Kampagne und der Auszeichnung mit dem Niedersächsischen Gründerpreis sind aus den ursprünglichen Modell zwei Versionen des Gürtels entstanden, die aktuell erhältlich sind: eine Version, die mittels Vibration die Himmelsrichtung Norden oder mithilfe einer App die Luftlinie zu einem gewählten Ziel anzeigt. Eine zweite, weiterentwickelte Gürtelversion, die ab April 2018 lieferbar ist, leitet den Benutzer mit einem konkreten Weg zum zuvor definierten Ziel. „Der Gürtel kann einen blinden Menschen leiten. Hindernisse zeigt er aber nicht an“, sagt Wache.

Bertelmus hat die weiterentwickelte Gürtelversion bereits ausprobiert und gleich auch gekauft. Nun wartet er auf die Auslieferung. Den neuen Gürtel will er auch im Alltag verwenden. „Den alten Kompassgürtel habe ich nicht im Alltag benutzt, weil er schwer ist. Der neue Gürtel ist leicht und handlich. Man spürt die Vibrationen, hört aber trotzdem noch die Verkehrsgeräusche und auch sonst alles, was um einen passiert“, sagt Bertelmus.

„Kein vergleichbares technisches Gerät“

Aus der Arbeitsgruppe an der Uni ist mittlerweile ein Start-up mit fünf Vollzeitstellen geworden. „Die Bestellungen kommen vor allem aus Deutschland, es gibt aber auch schon erste Kontakte in die Nachbarländer wie Schweiz und Österreich“, sagt Wache.

Gefertigt werden die Einzelteile des Gürtels in Deutschland, die Teile werden im Innovationszentrum in Osnabrück zusammengesetzt, wo auch das Unternehmen seinen Sitz hat. Insgesamt 100 Gürtel hat Feelspace im vergangenen Jahr verkauft.

„Aktuell gibt es kein vergleichbares technisches Gerät, welches die Vibrationen am Bauch absetzt“, sagt Wache.

Hilfe auch von Apps

Das bestätigt auch Gerhard Renzel vom „Gemeinsamen Fachausschuss für Umwelt und Verkehr“ des Deutschen Blinden- und Sehbehinderverbandes (DBSV). Renzel ist blind und hat selber den Navigürtel ausprobiert. „Der Gürtel kann eine gute Hilfe im Alltag sein“, sagt Renzel. Vor allem die Vibration in Himmelsrichtung Norden sei von großem Nutzen. So könne man immer wieder in die Anfangsposition zurückfinden. Vor allem im Straßenverkehr kann es schnell gefährlich werden, wenn man aus Versehen den Bürgersteig verlässt, ohne es zu merken. Renzel nutzt den Gürtel im Alltag nicht. „Ich würde es als belastend empfinden, den Gürtel immer wieder anzulegen, bevor ich irgendwohin gehe“.

Renzels Haupthilfsmittel ist der Langstock. Mit dem Stock weiß er auch, wo sich Bordstein- oder Rasenkanten befinden. Außerdem nutzt er Apps auf seinem Smartphone, die ihm zum Beispiel Hausnummern, Geschäfte oder Fahrplandaten in einer Straße ansagen. „Für einen blinden Menschen ist es vor allem wichtig, zu wissen, wo er sich gerade befindet“, sagt Renzel.


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