Berichte besser als Zensuren Osnabrücker Professorin hält Schulnoten für ungenügend



Osnabrück. Zensuren seien weder vergleichbar noch aussagekräftig – und damit oft ungerecht, sagt die Osnabrücker Universitätsprofessorin Claudia Solzbacher. Wer die Leistung von Schülern differenziert bewerten will, müsse über alternative Methoden nachdenken. Auch wenn sich viele Eltern damit schwertun.

Frau Solzbacher, wie lernt eigentlich ein Lehramtsstudent, Noten zu vergeben?

An der Universität Osnabrück gibt es dazu sowohl Veranstaltungen in den Fächern als auch im Rahmen der Erziehungswissenschaft. Wir beschäftigen uns in der Schulpädagogik zum Beispiel mit grundlegenden Fragen und Herausforderungen: Was umfasst schulische Leistung in den jeweiligen Bereichen und auf den jeweiligen Altersstufen? Wenn Lehrkräfte diese Frage für sich – oder idealerweise im ganzen Kollegium – beantwortet haben, müssen den Schülern diese Anforderungen transparent gemacht werden. Das heißt: Was sind konkret die Erwartungen der Lehrkraft und wie stellt sie fest, ob diese erfüllt sind? Wie benotet sie dann und warum? Gehen zum Beispiel Verhaltensnoten mit ein in die mündliche Note oder werden ausschließlich Tests und Präsentationen bewertet? Es ist leider nicht allzu üblich, solche Bewertungskriterien gemeinsam mit den Schülern und deren Eltern zu besprechen.

Wie muss Leistungsbewertung in Zeiten der Inklusion aussehen?

Eine wichtige Frage, die uns aktuell in der Ausbildung sehr beschäftigt. Bei einer immer vielfältiger werdenden Schülerklientel muss man nach Wegen suchen, allen Kindern gerecht zu werden. Was kann Leistung nämlich grundsätzlich alles bedeuten? Die Antwort umfasst ja wesentlich mehr als nur bestimmte Fachkompetenzen und stellt sich etwa für ein körperbehindertes Kind oder ein Kind mit Verhaltensauffälligkeiten anders dar als für seine Klassenkameraden. Hier können schon schriftliche oder mündliche Leistungen ganz andere Herausforderungen sein. Die Gefahr ist dann aber groß, dass Kinder und Eltern sich mit Noten zunehmend ungerecht behandelt fühlen. Wenn also Schüler mit sogenanntem Nachteilsausgleich die gleichen Noten bekommen wie Kinder, die ohne solche pädagogisch wichtige Unterstützung auskommen.

Worauf kommt es bei der Notenvergabe an?

Bei Leistungsbewertung mit Noten kommt es neben einer Transparenz der Anforderungen darauf an, zu reflektieren, was ich als Lehrkraft tatsächlich alles in eine Note packen kann und will: Orientiere ich mich vorwiegend an den schriftlichen Arbeiten und ordne diese bei der Bewertung ein in die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Klasse? Oder will ich mit meiner Note auch motivieren bzw. disziplinieren? Ist dafür die Fachnote dann wirklich der richtige Ort, oder sind Gespräche über Verhaltensprobleme nicht sinnvoller? Wenn ich als Bewertungsinstrument nur die Note habe, wird oft viel zu viel in sie hineingepackt und diese an der Sozialnorm der Klasse ausgerichtet. Noten sind auch deshalb objektiv nicht mehr vergleichbar mit anderen Klassen oder Schulen.

Gibt es Unterschiede bei der Zensierung in den einzelnen Fächern? Eine Mathearbeit beispielsweise, bei der es in der Regel nur um richtige und falsche Ergebnisse geht, scheint ja zunächst einmal für Lehrer einfacher zu bewerten als ein Deutschaufsatz, der vom Schüler auch Interpretationen verlangt.

Interessanterweise nicht wirklich! Wir wissen, dass auch Mathearbeiten von unterschiedlichen Lehrkräften unterschiedlich bewertet werden. Hier spielen gängige Vorurteile eine große Rolle: Fällt das Kind seit Wochen durch störendes Verhalten auf, suche ich vielleicht geradezu nach Fehlern in der Arbeit, während ich sie bei dem Kind eher übersehe, dessen Arbeiten und Verhalten bisher immer sehr gut waren. Das eigene Lehrerverhalten ständig zu reflektieren, ist wichtiger Teil unserer Ausbildung.

Wie wirkt sich Notenvergabe auf die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler aus?

Wir wissen, dass die Leistungsbewertung mit der größte Störfaktor für die Schüler-Lehrer-Beziehung ist. Ein Feedback für Leistungen zu bekommen, trifft die ganze Persönlichkeit eines Schülers, auch wenn es anscheinend nur um Fachkompetenzen geht: Der Schüler fühlt sich im Idealfall gesehen und erkannt in seinen vielfältigen Facetten. Oder er fühlt sich im negativen Fall ignoriert oder geradezu abgeurteilt. Dann entsteht auf vielen Ebenen ein Vertrauens- und Motivationsverlust, der sich erheblich auf die Lernbereitschaft und -fähigkeit auswirkt. Eine so gestörte Beziehung ist nur schwer wieder zu kitten.

Ist das herkömmliche Notensystem mit Zensuren von 1 bis 6 eigentlich differenziert genug, um schulische Leistungen gerecht zu bewerten?

Grundsätzlich sind Noten nie differenziert genug. Zahlen suggerieren nur Objektivität und Systematik. Man glaubt, so Auslese gerecht bewerkstelligen zu können. Will man aber tatsächlich Bildungsgerechtigkeit herstellen, indem man Kinder leistungsfähig macht, bevor man sie ausliest, müsste man anders vorgehen. Wenn wir Kinder differenzierter bewerten wollen und ihnen ein aussagekräftiges Leistungsfeedback geben wollen, müssen wir über Alternativen zu Noten-Zeugnissen nachdenken.

Wie können solche Alternativen aussehen?

Einige Schulen in Osnabrück und Umgebung arbeiten schon sehr erfolgreich mit Lernentwicklungsberichten. Darin geben die Klassenlehrer sowie die einzelnen Fachlehrer genaue Beschreibungen zu den Leistungen des einzelnen Kindes oder Jugendlichen. Die Lehrkräfte würdigen, was ihnen an der Schülerarbeit besonders gut gefallen hat, welches Verhalten sie dabei beobachtet haben und wie sie es interpretieren. Im Gegensatz zu Notenzeugnissen wird in den Berichten auch der Lernprozess beleuchtet und nicht nur das Lernergebnis. Wichtig ist, dass immer auch dezidierte Förderhinweise gegeben werden. Im Idealfall sind sie sehr wertschätzend und nie verletzend formuliert. Diese Lernentwicklungsberichte sind Grundlage für zusätzliche, ausführliche Gespräche sowohl mit den Schülern als auch deren Eltern.

Klingt nach großem Aufwand. Wie finden Lehrer das?

Obwohl die Berichte viel Arbeit machen, berichten die Lehrkräfte, dass sie damit differenzierter diagnostizieren würden als bisher. Außerdem würden sie den eigenen Unterricht gründlicher überdenken müssen, zum Beispiel ob dieser wirklich geeignet war, dem jeweiligen Schüler zu besserer Leistung zu verhelfen. Allerdings: Besonders für die Eltern ist diese Alternative zum Notensystem gewöhnungsbedürftig. Deshalb gibt es an manchen Schulen die Berichte zusätzlich zu Noten-Zeugnissen. So ist einem pädagogischen Leistungsbegriff Rechnung getragen und gleichzeitig unserem noch vorherrschenden Auslesesystem.

Ab welchem Alter halten Sie eine Notenvergabe an Schulen für angebracht?

In der Grundschule wäre es sicher sinnvoll, nur Lernentwicklungsberichte zu geben – außer in der vierten Klasse, wo man zusätzlich Noten geben kann. In den weiterführenden Schulen sind Lernentwicklungsberichte und Noten parallel mindestens bis zur achten Klasse sinnvoll. Wir werden so Menschen erziehen, die viel über ihre Leistung wissen: Wie man sie am besten erreicht, worauf man stolz sein kann und worauf man noch achten muss. Sie lernen so das Lernen als wichtigste Voraussetzung für Leistungserbringung. Diese Individualisierung durch Berichte kann auch unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder Rechnung tragen und ist so ein wichtiger Beitrag für mehr Bildungsgerechtigkeit.


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